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Die Zehn-Millionen-Frage

Wolfsburg/Berlin. "Selbstbedienungsladen" VW? Für hohe Gehälter und Bonuszahlungen hat Deutschlands größter Konzern in der öffentlichen Debatte viel Prügel einstecken müssen. Nun reagiert das Unternehmen. Andreas Hoenig und Jan Petermann

Wolfsburg/Berlin (dpa) Höchstens zehn Millionen Euro. Das soll der Vorstandschef von Volkswagen künftig pro Jahr verdienen dürfen. Für die allermeisten Arbeitnehmer in Deutschland ist das immer noch eine schwindelerregende, schier unvorstellbare Summe. Für den VW-Boss aber bedeutet das sogar eine potenzielle Gehaltskürzung. Volkswagen reagiert mit einer Reform des Vergütungssystems auf massive öffentliche Kritik an hohen Gehältern in Zeiten des Abgas-Skandals.
Volkswagen hat trotz weiterhin hoher Belastungen aus dem Dieselskandal im vergangenen Jahr wieder schwarze Zahlen geschrieben. Das Ergebnis nach Steuern lag bei 5,1 Milliarden Euro, wie VW am Freitag mitteilte. 2015 hatte VW wegen der immensen Kosten für den Dieselskandal noch den größten Verlust der Konzerngeschichte geschrieben mit einem Minus von 1,6 Milliarden Euro.
Die Vergütung der Topmanager wird künftig begrenzt. Die übrigen Vorstandsmitglieder sollen demnächst maximal 5,5 Millionen Euro verdienen. Alle Vorstände haben einer Änderung ihrer Verträge bereits zugestimmt. Der Kern der Reform: das Fixgehalt wird angehoben. Dafür werden bei der umstrittenen, variablen Vergütung die Ziele verschärft (siehe Artikel rechts). Denn vor allem die Bonuszahlungen der VW-Manager waren in den "goldenen" VW-Zeiten vor dem Abgas-Skandal angesichts von immer neuen Gewinnrekorden exorbitant gestiegen.
Es gab schon Zeiten, da erhielt ein Vorstandsvorsitzender beim europäischen Autoprimus 17,5 Millionen Euro - Martin Winterkorn für das Jahr 2011. Die Höhe von Winterkorns Gehalt sorgte seinerzeit für hitzige Diskussionen unter Politikern, Gewerkschaftern und Wirtschaftsethikern. Mit Gehältern Winter korn'schen Ausmaßes soll nun Schluss sein - auch wenn etwa die Vergütung von VW-Chef Matthias Müller im Krisenjahr 2015 deutlich unter der künftigen Zehn-Millionen-Grenze lag. Das Signal von Volkswagen aber soll sein: Die Botschaft der öffentlichen Debatte ist angekommen. Und VW erklärte am Freitag nach einer Sitzung des Aufsichtsrats in Wolfsburg: Die künftigen Maximal-Gehälter könnten nur bei einer "herausragenden Unternehmensentwicklung" erreicht werden.
Im Rückblick gesehen wäre die Vergütung der Topmanager bei VW in den vergangenen Jahren deutlich gesunken - wäre das neue System bereits angewendet worden. Nach dpa-Informationen wäre das Durchschnittsgehalt des Vorstandschefs in den Jahren 2011 bis 2015 um 40 Prozent auf 8,4 Millionen Euro gesunken, die Gehälter der übrigen Vorstände um 28 Prozent auf im Schnitt 4,3 Millionen. Verglichen mit dem Gehalt normaler Arbeitnehmer klafft allerdings noch ein gewaltiger Unterschied. Aber VW will bei seinen Topmanagern auch mit dem neuen System international wettbewerbsfähig bleiben im Kampf um die besten Manager, wie es im Konzernumfeld hieß. Mit den Deckelungen der Einkommen liege VW im Vergleich der Dax-Konzerne unter den vorderen Plätzen - und VW orientiere sich an den Systemen, die in der Börsen-Bundesliga Dax üblich seien.
Die hohen Gehälter bei VW und eine umstrittene Millionenabfindung für Ex-Vorstand Christine Hohmann-Dennhardt hatten die politische Debatte im Bundestagswahljahr über eine Deckelung von Managergehältern wieder befeuert. Viele Bürger hätten kein Verständnis dafür, dass Vorstände mit riesigen Abfindungen in den Ruhestand geschickt werden oder hohe Gehälter kassierten, selbst wenn das eigene Unternehmen in der Krise stecke, sagte SPD-Fraktionschef Thomas Oppermann: "Da läuft etwas aus dem Ruder." Die SPD legte einen Vorschlag vor: Firmen sollen die Millionen an ihre Topmanager in geringerem Umfang als Betriebsausgaben steuerlich absetzen können.
Die SPD-geführte niedersächsische Landesregierung sowie der SPD-nahe Betriebsrat waren dem Vernehmen nach auch die Treiber bei der Reform des Vergütungssystems bei Volkswagen.