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Die zwei Seelen der Leiharbeit

Trier. Für die einen eine Selbstverständlichkeit in der Personalpolitik, für die anderen eine ungerechte Variante, Mitarbeiter als Spielball für Wirtschaftsinteressen zu benutzen: An der Leiharbeit scheiden sich die Geister. Sabine Schwadorf

Wenn Matthias Bichler als Betriebsratsvorsitzender von Volvo in Konz über Leiharbeit spricht, dann merkt man ihm an, dass er bei dem Thema zwei Seelen in seiner Brust trägt.

Einerseits ist sein Unternehmen als Fertigungsbetrieb des Baumaschinenherstellers stark vom Saisongeschäft und damit von dem flexiblen Einsatz zusätzlicher Fach-Arbeitskräfte abhängig.

Andererseits hat er mit seinen Kollegen eine Betriebsvereinbarung erstritten, die den derzeit 38 von rund 900 Mitarbeitern 90 Prozent des regulären Lohns, Betriebsvergünstigungen, Berufskleidung und Kantinenbenutzung gewährt. "Volvo steht für einen fairen Umgang mit den Leuten", sagt Bichler. "Die Stimmung unter den Kollegen ist so gut, dass man sich sogar dafür einsetzt, den ein oder anderen Leiharbeiter zu übernehmen." Denn nach einem halben Jahr hätten die meisten Leiharbeiter "eine realistische Chance", übernommen zu werden.

Damit ist der Konzer Industrie-Betrieb - was die Bezahlung angeht - eher eine Ausnahme in der Branche. Wie auch das Gegenmodell des Heuerns und Feuerns in der Region Trier, wie die Trierer Arbeitsagentur bestätigt. Im Schnitt liegt der Verdienst eines Leiharbeiters laut der Entgeltstatistik der Bundesagentur für Arbeit im Schnitt bei 1456 Euro brutto, einschließlich Urlaubs- und Weihnachtsgeld. Als existenzsichernd gelten monatlich 2000 Euro brutto.

Was jedoch die Übernahme der Zeitarbeitskräfte angeht, liegt Volvo derzeit bundesweit im Trend.
Laut dem Nürnberger Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) haben "die Firmen mit der aktuell guten Konjunktur ihre Strategie bei der Personalrekrutierung geändert", sagt IAB-Forscherin Martina Rebien. So würde zwar immer noch fast jeder zweite Arbeitsvertrag (45 Prozent) befristet vergeben. Allerdings würden die Kräfte zunehmend länger getestet, ehe sie dann aber auch eine Festanstellung erhielten.

Schwierige Facharbeitersuche


"Da gibt es viele gute Facharbeiter, die sonst über ein normales Bewerbungsverfahren wegen ihrer Biografie oder ihres Aussehens abgelehnt würden", sagt Betriebsrat Bichler. Inzwischen gebe es sogar eher Schwierigkeiten, ausreichend Fachleute aus der Leiharbeit zu rekrutieren.

Auch Bruno Hebel von der Wittlicher Zeitarbeitsfirma Armon berichtet vom großen Bedarf, Facharbeiter für Handwerk und Industrie, aber auch qualifizierte Fachhelfer zu finden. "Die Zeitarbeit ist längst in der Marktwirtschaft etabliert, und das Wirtschaftsgeschehen ist schnelllebiger geworden", sagt der Niederlassungsleiter, der seit 18 Jahren in dieser Branche aktiv ist.

Für die Gewerkschaften geht es beim Thema Leiharbeit um mehr als nur um Konjunktur-Einflüsse. "Der Arbeitsmarkt der Region ist abgegrast. Da müssten die Zahlen eigentlich sinken", sagt Christian Z. Schmitz, Geschäftsführer des Deutschen Gewerkschaftsbundes (DGB) in Trier. In der Tat sind die Zahlen gerade seit der Wirtschaftskrise 2009 massiv gestiegen, allein von Juni 2009 auf Juni 2011 um 62,5 Prozent.
Schmitz sagt: "Das ist dann kein arbeitsmarktpolitisches Instrument mehr, sondern dahinter stecken Firmen mit wirtschaftlichen Interessen."
Extra

Im Monat Mai waren in der Region Trier 9913 Menschen arbeitslos. Damit ist die Arbeitslosenzahl erstmals in diesem Jahr unter die Grenze von 10 000 gefallen. Die Zahl lag aber um 74 höher als noch ein Jahr zuvor. Die Quote liegt mit 3,7 Prozent auf dem gleichen Wert wie im Mai 2011, ist aber von April auf Mai um 0,2 Prozentpunkte gesunken. Vor allem in der Gastronomie, dem Bau und im Elektrohandwerk wurden neue Stellen geschaffen und damit Menschen wieder in Arbeit gebracht. Spürbar zurückgegangen ist die Zahl der gemeldeten Arbeitsstellen. Seit Beginn des Jahres wurden rund 400 Stellen weniger gemeldet als in den ersten fünf Monaten des vergangenen Jahres. Diese Entwicklung ist aber sehr stark branchenabhängig. Vor allem die Zeitarbeitsfirmen haben im Vergleich zum Vorjahr weniger Bedarf gemeldet. Richtig gute Chancen auf dem Arbeitsmarkt haben derzeit gut qualifizierte Arbeitnehmer unter 25 Jahren. Während viele Länder der EU mit einer Jugendarbeitslosigkeit bis zu 50 Prozent kämpfen, sind in der Region Trier lediglich 2,9 Prozent der Jugendlichen arbeitslos. In den kommenden Wochen werden viele junge Leute ihre Ausbildung beenden. Diejenigen, die nicht übernommen werden, stehen dann dem Arbeitsmarkt zur Verfügung. "Wir haben aber den Eindruck, dass die Bereitschaft der Betriebe, die jungen Leute weiter zu beschäftigten, gestiegen ist", erklärt Wolfram Leibe, Trierer Agenturleiter. sas