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Diese Probleme plagen die Handwerksunternehmen in der Corona-Krise

Handwerk : Hilfen müssen unbürokratisch ankommen

Der Hauptgeschäftsführer der HWK Trier fordert von der Politik mehr Verlässlichkeit und Planbarkeit in ihren Entscheidungen.

Die Wirtschaftsauskunftei Creditreform hat die Situation im deutschen Handwerk untersucht (siehe Artikel unten). Doch wie steht es um die Unternehmen in der Region Trier? Darüber hat sich TV-Redakteur Heribert Waschbüsch mit dem Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, Axel Bettendorf, unterhalten.

Ein Jahr Pandemie: Wie ist die Lage im regionalen Handwerk?

BETTENDORF Drei Viertel und somit der bei weitem größte Teil der Betriebe sind bislang stabil durch die Krise gekommen. Ein Viertel hat zum Teil deutliche Einbuße hinnehmen müssen – etwa Friseure, Kosmetiker, Fotografen, Schneider, Caterer, Messebauer, Speiseeishersteller, Goldschmiede. Die Betriebe sind verunsichert, was die Pandemie noch bringen wird.

Welche Branchen kommen gut durch die Krise?

BETTENDORF Vor allem die Bereiche Bau und Ausbau haben eine stabile Auftragslage, zum Beispiel Maurer, Zimmerer, Elektriker, SHK, Fliesenleger. Einige dieser Betriebe hatten noch nie so viele Aufträge wie vor der Corona-Krise. Einer der Gründe dafür ist die gesenkte Mehrwertsteuer im zweiten Halbjahr 2020. Außerdem hatten viele Verbraucher mehr Zeit und Geld als sonst, um in die eigenen vier Wände zu investieren. Diese Kunden haben die Krise genutzt, um aufgeschobene Projekte umzusetzen.

Wie sieht die Lage bei den anderen Gewerken aus, den Krisenverlierern: Kosmetiker, das Gesundheitshandwerk, Fotografen?

BETTENDORF Die Einnahmen sind deutlich zurückgegangen, weil die Betriebe zeitweise nicht oder nur eingeschränkt arbeiten durften. Dazu gehören beispielsweise Friseure, die entweder im Lockdown waren oder aufgrund der Hygienvorschriften weniger Kunden gleichzeitig bedienen dürfen. Bei anderen Handwerksbetrieben ist die Nachfrage ausgeblieben. Wenn beispielsweise Hochzeiten ausgefallen sind, haben Fotografen, Schneiderinnen und Caterer keine Aufträge bekommen. Zugleich sind pandemiebedingt bestimmte Kosten angestiegen, etwa durch Anschaffung von Desinfektionsmitteln, Masken, Trennwänden, Hygieneschulungen der Mitarbeiter und ähnlichem.

Welche Hilfen, welche Lösungen würden Sie sich für die betroffenen Handwerksbereiche wünschen?

BETTENDORF Aufgrund der schwankenden Inzidenzen kann es für die Betriebe nicht die Planungssicherheit geben, die Unternehmen so dringend benötigen. Die Betriebe brauchen aber zumindest klar verständliche und verlässliche Regelungen. Bei offenen Fragen sind sie auf zeitnahe Unterstützung bei der Auslegung durch die Länder und Kommunen angewiesen. Wenn neue Regelungen getroffen werden, benötigen die Betriebe ausreichenden Vorlauf. Bisher war das oft nur ein Wochenende. Das reicht nicht aus.

Der Förderdschungel muss unbedingt gelichtet werden. Wir brauchen Programme, die schnell und unkompliziert helfen, ohne große Bürokratie auskommen, keine weiteren Kosten etwa durch einen Steuerberater verursachen, schnelle Hilfe leisten können und aus einem Guss kommen. Es kann nicht sein, dass Betriebe Wochen und Monate auf ihr Geld warten und ihre Liquidität durch teure Kontoüberziehungen aufrechterhalten müssen. Gerade Kleinbetriebe sind durch das Raster gefallen und gehen daher leer aus. Hinzu kommt, dass bei den Förderungen oft die persönliche Situation der Soloselbstständigen außer Acht gelassen wurde: Zwar konnten die Betroffenen durch die Zuschüsse die nötigsten Rechnungen begleichen, hatten dann aber für die eigenen Lebenshaltungskosten kein Geld mehr übrig.  

Egal, ob es Handwerksbetrieben gut oder schlecht geht, eine Sorge treibt alle Unternehmen um: Wie finden wir genügend Nachwuchs?

BETTENDORF Genügend Nachwuchs für das Handwerk zu finden, ist bundesweit ein Problem. Seit mehr als 15 Jahren nehmen unsere Lehrlingszahlen kontinuierlich ab. Das Handwerk hat mit geringeren Schülerzahlen, vor allem aber mit einem geänderten Gesellschaftsbild zu kämpfen.

So wirbt das Handwerk auf Bundesebene mit der breit angelegten Imagekampagne „Die Wirtschaftsmacht von nebenan“, um Jugendliche für eine handwerkliche Ausbildung zu begeistern.

Was können Unternehmen hier tun?

BETTENDORF Die Unternehmen können Praktikumsplätze zur Verfügung stellen. Dabei gehen immer mehr Betriebe auch neue Wege, indem sie etwa Stellen über Instagram und Youtube anbieten und ein Video hochladen. Die Handwerkskammer und ihre Mitarbeiter der Abteilung Ausbildung sorgen für die passgenaue Besetzung mit Schülerinnen und Schülern.

Wie unterstützt die HWK ihre Handwerksbetriebe?

BETTENDORF Nachwuchsgewinnung ist der zentrale Dreh- und Angelpunkt unserer Strategie. Wir, unsere Betriebe und unsere Partner im Handwerk, bieten Schülerinnen und Schülern eine breite Palette an beruflicher Orientierung. Mit coolen Ideen versuchen wir, in den verschiedenen Schularten und für unterschiedliche Leistungsniveaus die Schülerinnen und Schüler für ein betriebliches Praktikum im Handwerk zu begeistern.

Im Fokus stehen aktuell die Gymnasien. Insbesondere für die technisch herausfordernden Berufe entwickeln wir gerade Angebote für die 12.-Klässler der Gymnasien, etwa zum Programmieren und Fertigen im Bereich Feinwerkmechanik. Wir treten auch auf Ausbildungsmessen auf, die wir mit Netzwerkpartnern wie der Arbeitsagentur, der IHK und dem Trierischen Volksfreund durchführen – in Zeiten von Corona meist digital. Hier versuchen wir insbesondere, auch die Eltern zu erreichen, die einen erheblichen Einfluss auf den Berufsfindungsprozess ihrer Kinder haben.

Mitte November wollen wir mit unserer bewährten Ausbildungsmesse „Chance Handwerk“ in unseren überbetrieblichen Lehrwerkstätten Jugendlichen Lust auf das Handwerk machen.

Kommt dieses Jahr noch die große Eröffnungsfeier für das neue Berufsbildungszentrum?

BETTENDORF Aufgrund der Corona-Lage ist sie erst im Frühjahr 2022 vorgesehen.

Das Interview führte
Heribert Waschbüsch.