Drückeberger und arme Schlucker

TRIER. Die Leidtragenden sind die Kinder: Weil sich immer mehr Väter ihrer Unterhaltspflicht entziehen, leben viele Kinder in Armut. Doch häufig ist es schwierig, den Zahlungsunwilligen beizukommen.

Eindeutig geklärt sind die Fronten nicht. Für die Alleinerziehenden sind die Schuldigen ganz klar die Väter. Sie würden sich einfach ihrer Zahlungspflicht entziehen und Mutter und Kinder im Regen stehen lassen. Und die derart angegriffenen Väter, zusammengeschlossen im Verein mit dem aufschlussreichen Namen Väter für Kinder, wehren sich: Die meisten Erzeuger könnten nach einer Scheidung gar keinen Unterhalt zahlen wegen Arbeitslosigkeit, hoher Scheidungskosten oder aufgrund ungerechter Steuergesetze. Außerdem, so argumentieren die an den Pranger gestellten Väter, würden einige Unterhaltspflichtige Väter schlicht und einfach nicht zahlen, weil sie ihre Kinder gar nicht oder nur selten sehen dürften. Bei rund einem Drittel der geschiedenen Paare gibt es Probleme beim Unterhalt, fand das Bundesfamilienministerium kürzlich in einer Umfrage heraus. Die Zahlungen, zu denen die Väter verpflichtet sind, bleiben danach hauptsächlich aus zwei Gründen aus: Zum einen, weil der Unterhaltspflichtige (in den allermeisten Fällen sind es die Väter) selbst nicht genügend Geld hat (46 Prozent), oder weil er sich weigert zu zahlen (42 Prozent). Mindestens 730 Euro müssen einem Arbeitslosen bleiben, nachdem er den Unterhalt für den Expartner und seine Kinder gezahlt hat. Bei Berufstätigen sind es 840 Euro. Erst wenn ihr Einkommen diese Grenze überschreitet, müssen sie überhaupt zahlen. Oft gehen die Streitigkeiten, die zur Scheidung geführt haben, danach munter weiter. Häufig müssen nämlich die betroffenen Frauen um jeden Cent streiten. Denn nicht alle, die ihren Unterhalt zahlen, zahlen auch regelmäßig oder halten sich an die entsprechenden Sätze. Nicht selten enden die Auseinandersetzungen vor Gericht, wo dann nach der "Düsseldorfer Tabelle" exakt festgelegt wird, wie hoch der Unterhalt ist. Experten zufolge sind es noch nicht einmal die wirklich Armen, die sich vor der Zahlungspflicht drücken. In der Regel seien es die Gut- und Besserverdiener, die Freiberufler und Selbstständigen, die ihre Einkünfte verheimlichten. Denn die meisten Unterhaltspflichtigen haben einen Job und haben ein Einkommen von mindestens 1250 Euro. Erst wenn es gar nicht mehr geht, wenn die Frauen selbst mit einem Job nicht mehr über die Runden kommen, wenden sich die meisten ans örtliche Jugendamt. Stellt sich heraus, dass der Unterhaltspflichtige nicht ausfindig zu machen ist oder nicht zahlen kann, springt die Kommune mit einem Unterhaltsvorschuss ein. Zwischen 199 und 241 Euro erhält ein unterhaltsberechtigtes Kind - allerdings nur sechs Jahre lang und höchstens bis zum zwölften Lebensjahr. Genau das kritisiert der Verband der allein erziehenden Mütter und Väter. Denn die meisten der so genannten Scheidungswaisen sei älter als zwölf Jahre. Der Verband fordert einen Anspruch auf Unterhaltsvorschuss für alle Kinder unter 18 Jahren und eine Grundsicherung für die Betroffenen, damit sie nicht in Armut fallen. Nach verschiedenen Studien sind nämlich Kinder, die mit einem allein erziehenden Elternteil aufwachsen, häufiger von Armut betroffen als Kinder in "vollständigen" Familien. Auch die Zahlen für Rheinland-Pfalz sprechen eine deutliche Sprache: 126 400 Kinder lebten 2002 in so genannten Ein-Elternfamilien. Den knapp 72 000 allein erziehenden Müttern stehen gerade mal 14 000 Väter gegenüber, die ihre Kinder erziehen. Viele der Mütter sind in einer emotionalen Zwickmühle. Einerseits sind sie und ihre Kinder auf das Geld angewiesen. Andererseits wollen sie natürlich, dass die Kinder ein gutes Verhältnis zu ihrem Vater haben, was natürlich durch langwierige Unterhaltsstreitigkeiten unnötig vergiftet wird. Auf der anderen Seiten sind die Kommunen, die durch die zunehmenden Unterhaltsfälle überfordert sind. Immerhin in knapp drei Viertel der Fälle können sie das Geld nicht von den Väter zurückfordern. Pro Fall entstehen dadurch Kosten von 200 000 Euro, auf denen die Kommunen sitzen bleiben.

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