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Eifel: Bio-Branche macht erstmals Verluste​ - Landwirte bekommen das zu spüren

Ernährung : Bio-Branche macht Verluste: Landwirte in der Eifel bekommen die Krise zu spüren

Der ewige Bio-Boom ist gebrochen: Erstmals sinkt der Umsatz. Regionale Hersteller und Biohändler spüren das schmerzhaft. Aldi hingegen baut sein Bio-Sortiment aus.

Wenn man schon nicht in Urlaub fährt, dann kann man wenigstens richtig gut essen, dachten sich viele Menschen während der Corona-Zeit und so schoss der Bio-Umsatz 2020 in die Höhe. Ein Höhenflug, der mit Ukraine-Krieg, Inflation und Energie-Krise ein jähes Ende fand. Zum ersten Mal in seiner Geschichte ist der Öko-Umsatz 2022 gesunken. Wer Angst hat, die Stromrechnung, nicht zahlen zu können, verzichtet offenbar im Zweifel aufs regionale Bio-Ei.

„Wir haben beim Absatz einen Rückgang von 30 Prozent“, sagt Doris Lehnertz vom gleichnamigen Hühnerhof in der Eifel, der seine Ware in Supermärkten der Region anbietet (zehn Eier: 4,59 Euro). Nun sei sie gezwungen, die Eier an die Lebensmittel-Industrie zu verkaufen und bekomme so nicht einmal 20 Prozent der Herstellungskosten wieder rein. Langfristig gehe das so nicht. „Vor zwei Jahren wollte keiner ein billiges Ei. Jetzt regiert Geld die Welt“, sagt Lehnertz.

Direktvermarkter und Naturkostfachhandel zählen zu den Verlierern – Discounter zu den Gewinnern

Aus dem Jahresbericht des Deutschen Bauernverbandes geht hervor, dass der Öko-Lebensmittelumsatz von Januar bis Oktober 2022 um 4,1 Prozent sank – obwohl die Preise stiegen. Dennoch werde er mit voraussichtlich 15 Milliarden Euro immer noch 2,7 Milliarden Euro über dem Niveau von 2019 liegen. Verlierer seien der Naturkostfachhandel und Direktvermarkter, Gewinner die Discounter. Die Chefin eines regionalen Bioladens berichtet, dass ihr Umsatz wieder dem von 2019 entspreche – nur bei deutlich höheren Kosten.

Von Januar bis Oktober stieg bei Discountern wie Aldi, Lidl & Co. der Öko-Umsatz um 14,5 Prozent. Im Supermarkt blieb er etwa gleich. Im Naturkostfachhandel und in der Direktvermarktung sank er hingegen dramatisch um 20 Prozent.

Dabei betont der Bauernverband, dass viele Öko-Produkte im Discounter nur geringfügig preiswerter oder gleich teuer seien. „Aber das Preisimage lenkt den Konsum offenbar mehr als echte Preiskenntnis.“ Milch sei im Sommer im Discounter sogar teurer gewesen als im Fachhandel.

Bio-Landwirt setzt auf mehr Kooperation mit Discountern und Supermärkten

Regino Esch bedauert es sehr, dass Kunden, die die Branche während der Corona-Zeit gewonnen hatte, nun wieder abspringen. Der Eifeler ist nicht nur Bio-Landwirt. Als Vorsitzender der Arbeitsgruppe Ökologischer Landbau Rheinland-Pfalz spricht er für Verbände wie Bioland, Demeter oder Naturland, wenn er sagt: „Wir sind froh, dass wir uns über Handelspartnerschaften mit Rewe, Lidl und Aldi breiter aufgestellt haben.“ Der neueste Schritt: Seit 2023 kooperieren Aldi und Naturland. Damit bietet nach Lidl (Bioland) auch dieser Discounter nun strenger kontrollierte Verbandsware an.

Obwohl es das erste Mal sei, dass es kein stetiges Wachstum gibt, bleibt Esch optimistisch. Ist er doch überzeugt: „Wir tun das Richtige.“

Bis 2030 will Bundeslandwirtschaftsminister Cem Özdemir 30 Prozent Ökolandbau. In Rheinland-Pfalz ist der Umbau nun bei rund zwölf Prozent der Flächen ins Stocken geraten. Was laut Esch ja auch vernünftig ist, wenn der Absatz gerade nicht so läuft.

Der Bauernverband rechnet damit, dass die Nachfrage wieder steigt, sobald die Konjunktur wieder anspringe. Dass der Einbruch zwar spürbar, aber nicht allzu dramatisch ist, könnte auch daran liegen, dass der Preis vieler Bio-Lebensmittel im Vergleich mit konventionellen Produkten einer neuen Studie zufolge gar nicht so stark gestiegen ist – der Bund Ökologische Lebensmittelwirtschaft bezeichnet Bio gar „als Inflationsbremse“. Für konventionell erzeugte Butter mussten Kundinnen im Herbst 2022 im Lebensmittelhandel fast 60 Prozent mehr zahlen als ein Jahr zuvor. Die Preise für Bio-Butter erhöhten sich dagegen bei den Discountern um 35 Prozent und in Supermärkten um 29 Prozent. Schließlich werden die Produkte seltener über weite Strecken transportiert und benötigen auch keinen teuren synthetischen Dünger. Neue Impulse für die regionale Vermarktung will Özdemir geben, indem mobile Schlachtungen gefördert werden.