"Ein paar Cent für einen Liter Milch hat jeder"

"Ein paar Cent für einen Liter Milch hat jeder"

Es wird eng für die Milchbauern. Nur wenn der Milchpreis ansteigt, können die kleinen und mittleren Milchbetriebe in der Region überleben, sagt Hans-Jürgen Sehn. Der Milchbauer ist Aufsichtsrat der Genossenschaftsmolkerei Hochwald in Thalfang (Bernkastel-Wittlich).

Trier. (wie) Abschlachtprämie für Milchkühe, Abschaffung der Milchquote, mit der die Produktion der Milch reguliert wird, und stärkere Zusammenarbeit der Molkereien, das sind für Hans-Jürgen Sehn, den Aufsichtsratsvorsitzenden der Hochwald-Molkerei, Voraussetzungen für einen steigenden Milchpreis und damit für überlebensfähige Einkommen der Milchbauern. Mit Sehn sprach unser Redakteur Bernd Wientjes.

Wie beurteilen Sie die aktuelle Lage auf dem Milchmarkt?

Sehn: Dramatisch. Die Preise sind auf einem historischen Tief. Bei einem Milchpreis von im Schnitt 21 Cent je Kilogramm Milch kann kein Betrieb mehr existieren.

Wie sehen Sie die Zukunft der Milchbetriebe in unserer Region?

Sehn: Die Betriebe haben Zukunft, nicht nur Großbetriebe mit 500 Milchkühen. Großbetriebe haben den Nachteil, dass sie auch in der jetzigen Zeit viel investieren müssen und hohe Ausgaben etwa für Fremdarbeiter haben. Voraussetzung ist, dass der Milchpreis ansteigt. Kleinstbetriebe, die als Nebenerwerb geführt werden, werden aber wohl aufgeben müssen. Wir werden aber in unserer Gegend immer einen Mix von kleineren, mittleren und größeren Betrieben haben.

Die EU hat vorgeschlagen, Milchkühe abzuschlachten, um die Milchmenge zu reduzieren. Bringt das was?

Sehn: Das wäre sicherlich eine Aktion, um kurzfristig den Markt zu entlasten.

Werden die Milchbauern freiwillig ihr Vieh abschlachten?

Sehn: Das kommt darauf an, wie hoch die Abschlachtprämie ist. Dann muss jeder Milchbauer für sich prüfen, ob das für ihn Sinn macht, seinen Viehbestand zu reduzieren.

Unstreitig ist: Es gibt zu viel Milch. Warum eigentlich?

Sehn: Es wird zu viel produziert, in Deutschland, in Europa und auf der ganzen Welt. Gleichzeitig werden weniger Milchprodukte gekauft. Das verschärft die Situation dramatisch.

2015 soll die Milchquote, mit der festgelegt wird, wie viel jeder Bauer produzieren darf, auslaufen. Wird der Milchpreis für die Landwirte dann wieder steigen?

Sehn: Obwohl einzelne Regierungschefs Nachbesserungen wollten, hat die EU beschlossen, dass die Milchquote abgeschafft wird. Man muss abwarten, ob dadurch der Milchpreis wieder steigen wird. Auf jeden Fall muss die Nachfrage wieder anziehen. Wir können nur hoffen, dass die Wirtschaftskrise bald vorbei ist und die Verbraucher wieder bereit sind, mehr zu kaufen.

Werden die Käufer auch bereit sein, mehr zu zahlen? Im vergangenen Jahr hat sich gezeigt, dass die Schmerzgrenze bei Milch schnell erreicht war.

Sehn: Im vergangenen Jahr kamen mehrere Dinge zusammen. Öl, Gas und Strom waren extrem teuer, die Preise für Lebensmittel waren gestiegen. Da haben die Verbraucher eben noch mehr auf jeden Cent geachtet. Wir sind jetzt aber auf einem Preisniveau, bei dem sich jeder erlauben kann, Milchprodukte zu kaufen. Wenn man für ein paar Cent einen Liter Milch bekommt, ist das für jeden erschwinglich.

Abschlachtprämie, Abschaffung der Milchquote - reicht das aus, um den Markt zu stabilisieren? Gibt es nicht auch zu viele genossenschaftliche Molkereien in Deutschland?

Sehn: Wir haben in einigen Regionen in der Tat zu viele Molkereien. Die Molkereien müssen sich künftig verstärkt auf den Export ausrichten, um ein Ventil zu schaffen, damit die zu viel produzierte Milch verkauft werden kann.

Konkret: Müssen die Molkereien stärker zusammenarbeiten?

Sehn: Ja, auf jeden Fall. Das kann sich auf Kooperationen bei Einkauf oder Vermarktung beschränken, das kann aber auch eine Fusion sein. Aber nicht um jeden Preis.Hintergrund Hochwald: Hans-Jürgen Sehn, 58, aus Briedeler Heck (Kreis Cochem-Zell) ist Milchbauer und Aufsichtsratsvorsitzender der Hochwald Nahrungsmittelwerke Thalfang. Die Genossenschaft erwirtschaftete im vergangenen Jahr 1,25 Milliarden Euro (der TV berichtete). In diesem Jahr wird aufgrund des gefallenen Milchpreises ein Umsatzrückgang auf 1,08 Milliarden erwartet. 2008 zahlte Hochwald den Milchlieferanten 35,6 Cent pro Kilogramm Milch, derzeit beträgt der durchschnittliche Preis 22 Cent. (wie)