Eine Frage der Kultur

TRIER. Der Mittelstand gilt als Rückgrat der deutschen Wirtschaft. Wie sieht derzeit es bei den kleinen und mittleren Betrieben aus? Das renommierte Trierer Institut für Mittelstandsökonomie (Inmit) und Professor Axel G. Schmidt haben ihre Finger am Puls der Unternehmen.

DieProbleme sind unverkennbar: Explodierende Insolvenzzahlen,Umsatzrückgänge und steigende Arbeitslosenzahlen - die deutscheWirtschaft steckt in einer schwierigen Lage. Die jüngste Zahlenreihe, die das Inmit jetzt vorgelegt hat, zeigt eine Entwicklung, die mittelständische Unternehmen vor Großunternehmen sieht. Von 1996 bis 2001 stieg die Anzahl der mittelständischen Betriebe im Land kontinuierlich von 142 314 (1996) bis auf 149 606 (2001) an.

Region Trier steigt überdurchschnittlich

Von 1999 bis 2001 haben sich auch die Umsätze im rheinland-pfälzischen Mittelstand deutlich besser entwickelt als bei Großunternehmen. In dieser Zeitschiene stieg der Umsatz beim Mittelstand um 3,1 Prozent während Großunternehmen einen Umsatzrückgang von 0,3 Prozent zu verzeichnen hatten. Für 2002 lässt sich beispielsweise beim Produzierenden Gewerbe noch ein nominales Umsatzwachstum von 0,5 Prozent ermitteln, doch real, unter Berücksichtigung der Inflationsrate, bleibt von Wachstum kaum etwas übrig, erklärt Inmit-Geschäftsführer Marco van Elkan.

Die Anzahl der neu errichteten Betriebe stieg 2002 gegenüber dem Vorjahr in Rheinland-Pfalz um 0,8 Prozent (29 952, also plus 248 Unternehmen).

In der Region Trier lässt sich für diesen Zeitraum sogar eine noch stärkere Gründertätigkeit nachweisen: 3221 Neuerrichtungen, 80 mehr als im Vorjahr, bedeuten ein Plus von 2,5 Prozent.

Doch der Mittelstand, den in der Regel Krisen später und abgeschwächt treffen, erfährt zurzeit die volle Härte der schwierigen Lage. Die Ölpreisentwicklung, die schwächelnde US-Konjunktur, der Irak-Krieg und nicht zuletzt die Probleme bei der öffentlichen Hand belasteten die Unternehmen. Vor allem der hohe Preisdruck und die schlechte Zahlungsmoral würden viele Firmen unverschuldet in die Pleite treiben. "Die Unternehmen gehen bei der Preisgestaltung an ihre Grenzen. Wenn sich dann die Zahlung noch herauszögert, die Firmen in Vorlage treten müssen, kann kein Gewinn mehr realisiert werden. Die Firmen legen drauf, gehen am Ende in die Pleite und ziehen ihre eigenen Lieferanten wie in einem Domino-Effekt mit", warnt Professor Schmidt.

Die Experten glauben gar, dass diese Entwicklung auch große Gefahren für die Gesellschaft in sich birgt. "Der Mittelstand ist von essenzieller wirtschafts- und gesellschaftspolitischer Bedeutung. Er ist ein wichtiger Bestandteil unserer Demokratie und des Meinungspluralismus. Eben eine Frage unserer Kultur", sagt Schmidt. Eine Region, in der nur noch die verlängerten Werkbänke der Großunternehmen stehen, in der die Entscheidungen über Wohl und Wehe der Arbeitsplätze in fernen Unternehmenszentralen getroffen werden, ist für Schmidt das Gegenteil einer wünschenswerten Zukunft.

"Die deutsche Wirtschaft lebt von der Innovationskraft der Einzelunternehmen", sagt Marco van Elkan. 3,3 Millionen mittelständische Unternehmen - davon rund 150 000 in Rheinland-Pfalz - gibt es in Deutschland. Um diese gewachsenen Strukturen zu fördern, müssten die Strukturprobleme endlich gelöst werden. Schmidt: "Wir brauchen Steuerentlastungen, Bürokratieabbau und Vertrauen in die Zukunft." Nur so könne die Konjunktur anziehen. Auch so hätten die Unternehmen noch genügend Herausforderungen wie den Facharbeitermangel, der sich allein durch die demographische Entwicklung verschärfe.

Basel II, die neuen Kreditrichtlinien der Banken, könne indes für Firmen eine echte Chance darstellen. "Es ist eine Herausforderung, das eigene Unternehmen auf die neuen Anforderungen auszurichten. Doch wer dies schafft, hat seine Strukturen und Prozesse im Griff und hat damit eine Basis gelegt, um die Zukunft erfolgreich zu gestalten", sagt Professor Axel Schmidt.