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Einigung nach 16 Stunden: Arbeitnehmer und Gewerkschaft schmieden neuen Tarifvertrag für die Metallbranche

Einigung nach 16 Stunden: Arbeitnehmer und Gewerkschaft schmieden neuen Tarifvertrag für die Metallbranche

Die Metall-Tarifvertragsparteien im Südwesten sind ihrem Ruf als geschickte Verhandler gerecht geworden: In einer langen, aber ohne große Ärgernisse absolvierten Verhandlungsrunde haben sie einen Abschluss für die gesamte Metallbranche geschmiedet.

Genau um 5.05 Uhr am Dienstagmorgen war es offiziell: Im Presseraum des Böblinger Kongresszentrums verkündeten die Metall-Tarifparteien ihren Pilotabschluss. Südwestmetall-Chef Stefan Wolf war nach der Marathonsitzung die Erleichterung anzumerken.

Sein Gegenspieler, IG-Metall-Bezirksleiter Roman Zitzelsberger, hielt seine Emotionen nach der durchwachten Nacht im Zaum. Für beide Verhandlungsführer war es der erste richtungsweisende Tarifabschluss. Er beschert den 3,7 Millionen Beschäftigten der Branche ein Lohnplus von 3,4 Prozent.
Anders als in anderen finalen Tarifverhandlungen war während der 16-stündigen Gespräche keine dramatische Situation zu erkennen wie etwa Abbruch oder Vertagung.

Nach Bayern in der vorigen Tarifrunde war diesmal erneut der traditionelle Pilotbezirk Baden-Württemberg (siehe Hintergrund) dazu auserkoren, den gordischen Knoten zu lösen. Schon in der Vergangenheit hatten die Tarifvertragsparteien im Südwesten ein Händchen für qualitative Themen bewiesen. Von diesen hatte die IG Metall gleich zwei auf die Agenda gesetzt: Sie verlangte neben 5,5 Prozent mehr Geld eine verbesserte Altersteilzeitregelung und eine von den Arbeitgebern bezuschusste Weiterbildungsteilzeit. An diesen Themen hatten sich die Tarifparteien über Stunden festgebissen. Nach dem Start der Gespräche am frühen Nachmittag war das Thema Entgelt bis zu den Abendstunden noch nicht einmal aufgerufen worden.

Nach Ansicht der Arbeitgeber sollte der Kreis der Menschen mit Anspruch auf Altersteilzeit nicht ausgeweitet werden. Die Gewerkschaft dagegen wollte die Bereiche ausdehnen, in denen die Arbeitnehmer Rechte geltend machen können. Bei der Altersteilzeit gelang es ihr allerdings nur, die von den Arbeitgebern angestrebte Halbierung der Altersteilzeitquote von vier Prozent der Belegschaft abzuwehren.

Mehr Erfolg hatte sie dagegen mit ihrer Forderung, den vorzeitigen Ausstieg für untere Entgeltgruppen finanziell attraktiver zu machen. Wetzel bezifferte die künftigen Bezüge für diesen Personenkreis auf rund 90 Prozent des letzten Netto-Entgelts.

Auch bei der Weiterbildung hätte die Gewerkschaft gerne erreicht, dass die Betriebe mit nicht ausgeschöpften Mitteln aus dem Topf zur Finanzierung der Altersteilzeit Weiterbildungswillige unterstützen müssen. Gegen eine solche "Zwangsabgabe" liefen die Arbeitgeber Sturm. Der Abschluss sieht jetzt - statt tariflicher Ansprüche - nur freiwillige Betriebsvereinbarungen für eine Förderung der Qualifizierung vor. Das Entgelt war in dieser Tarifrunde das geringste Problem. Zwar betonten Dulger und Wolf, wie schwer die 3,4 Prozent für die Unternehmen, insbesondere die kleinen und mittleren, zu verdauen seien. Die Wettbewerbsfähigkeit sei enorm belastet. Doch die gute wirtschaftliche Lage spielte der Gewerkschaft in die Hände. Die Auftragsbücher sind voll, die Konjunkturerwartungen positiv. Und die Warnstreiks von mehr als 850.000 Metallern seit Ende Januar haben den Unternehmen bereits einen Vorgeschmack auf das gegeben, was im Falle eines Scheiterns der Verhandlungen und eines anschließenden Arbeitskampfes auf sie zugekommen wäre.

Extra Die Auswirkungen auf die Region

Nach 16-stündigen Verhandlungen haben sich IG Metall und Arbeitgeber in Baden-Württemberg im Tarifkonflikt geeinigt. Als sogenannter Pilottarifvertrag dient dieser als Blaupause für Verhandlungen in den übrigen Tarifbezirken.
Am Donnerstag verhandelt der Bereich Mitte (Rheinland-Pfalz, Saarland, Thüringen, Hessen) über eine Übernahme der Vertragsinhalte für rund 700.000 Beschäftigte. Roland Wölfl, IG-Metall-Chef Region Trier, bewertet das Pilotergebnis positiv. Mit 3,4 Prozent mehr Lohn und den neuen Regelungen für die Altersteilzeit ist Wölfl sehr zufrieden: "Das ist gut für unsere Mitglieder."
Da werde es bei der Übernahme auch keine Probleme geben, prognostiziert er. Holprig werde es laut Wölfl allerdings bei der Weiterbildung. Zu unterschiedlich seien die Voraussetzungen zwischen den Regionen. "Das lässt sich nicht eins-zu-eins übertragen.". sek

Hintergrund Pilotbezirk

Die IG Metall kann in Baden-Württemberg auf starke Truppen zählen. Die gewerkschaftlichen Organisationsgrade sind hoch, etwa bei den Daimler-Produktionsbeschäftigten mit rund 80 Prozent. Die Autobauer Daimler, Audi und Porsche sowie Zulieferer wie Bosch und Mahle und der Maschinenbau mit Festo, Stihl oder Dürr sind Garanten für die Gewerkschaft, genügend Leute auf die Straße zu bringen.
Ein Markstein der Tarifgeschichte war 1984 der Einstieg in die 35-Stunden-Woche nach einem siebenwöchigen Streik im Südwesten. dpa