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"Eltern sind oft schlechte Berufsberater"

"Eltern sind oft schlechte Berufsberater"

Der Ausbildungsmarkt in der Region Trier ist gekippt. "Heute müssen sich die Unternehmen bestens präsentieren, um guten Nachwuchs zu bekommen", sagt der Chef der Arbeitsagentur Trier, Heribert Wilhelmi dem TV. Nach seiner Ansicht sind aber neben der Wirtschaft auch die Eltern bei der Berufswahl der Kinder gefordert.

Trier. Rosige Zeiten für junge Leute: Die Zahl der Bewerber, die eine Lehrstelle suchen, ist weitaus geringer als die Zahl der freien Ausbildungsplätze (siehe Extra). Der Weg ins Berufsleben also ein Selbstläufer? Ganz so einfach ist es für Heribert Wilhelmi, Chef der Arbeitsagentur Trier, nicht. "Wir haben in der Tat seit einigen Jahren einen Bewerbermarkt. Für die Unternehmen in der Region wird es immer schwieriger, Jugendliche für eine Ausbildung zu gewinnen."
Infos in allen Schulen


Nur warten und unter den eingehenden Bewerbungen die Besten herausfischen, klappt nicht mehr. Aufgabe der Arbeitsagentur sei es dabei, den Jugendlichen die vielfältigen Möglichkeiten aufzuzeigen. "Wir sind mit der Berufsberatung in jeder Schule in der Abschlussklasse - auch in den Gymnasien." Wichtig sei es, die Vielfalt der unterschiedlichen Berufszweige vorzustellen. "In vielen Fällen konzentrieren sich die jungen Leute auf zwei, drei beliebte Ausbildungsberufe", sagt Dominique Gottwald, Pressesprecherin der Arbeitsagentur. Oftmals würden dann die Bewerber überhaupt nicht wissen, dass es andere Berufe gebe, die ihren Neigungen und Fähigkeiten vielleicht sogar eher entsprächen und bessere Zukunftsperspektiven böten. "Wir benötigen hier aber die Unterstützung des Handwerks und der anderen Unternehmen", fordert Wilhelmi: "Wir brauchen Begeisterung für eine Ausbildung." So sei es wichtig, dass junge Menschen, wenn sie etwa ein Praktikum in einer Firma antreten, die Liebe zum Beruf spürten. "Wer einen Praktikanten im Betrieb hat und der am Abend nicht einmal weiß, wer ihn betreut hat, der hat einen Interessenten verloren", berichtet Wilhelmi von Erfahrungen mit jungen Bewerbern.
Oliver Schmitz, Teamleiter Berufsberatung, sieht bei vielen Jugendlichen und Eltern auch eine fehlende Akzeptanz, wenn es um eine Ausbildung im Handwerk geht. "Wichtig ist, dass die jungen Menschen die Durchlässigkeit im System erkennen. Mit einer Lehre ist der weitere Berufsweg bis hin zum Studium ja nicht verbaut, sondern eröffnet."
Große Bedeutung


Dabei haben die Eltern eine besondere Bedeutung für die Berufswahl ihrer Kinder. "Doch leider ist ihr Bild vom Ausbildungsmarkt oft veraltet. Ich habe meinen Sohn auch nicht selbst beraten, sondern ihn zum Berufsberater geschickt. Das machen fast alle Kollegen in der Arbeitsagentur", erzählt Heribert Wilhelmi. "Eltern sind oft schlechte Berufsberater", findet er. Schwierig seien beispielsweise sogenannte Helikopter-Eltern, die wie ein Hubschrauber über ihren Kindern schweben und alle Schwierigkeiten oder Probleme den Kindern abnehmen. "Die stehen hinter den Kindern und stellen Fragen und führen die Gespräche", sagt Wilhelmi. Oder sie hätten ihr eigenes Bild von der Arbeitswelt, hohe Erwartungen an die Kinder und deren Entwicklungschancen. "Dabei können Eltern eine große Rolle spielen, wenn sie ihren Kindern Raum zur eigenen Entwicklung lassen und die Berufsfrage mit Offenheit angehen", sagt der Agenturchef.
Dabei müsste so mancher Knick beim Berufseinstieg nicht sein. "Man muss nicht Studienabbrecher sein, um mit Abitur eine Handwerkslehre zu beginnen, sagt Manfred Bitter (Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier) immer", zitiert Wilhelmi den HWK-Chef. Die Beratung der Arbeitsagentur geht dahin, Jugendlichen schon im Vorfeld Alternativen zu zeigen. "Wir versuchen dies mit der Beratung in den Schulen oder auch vielen Veranstaltungen wie der Future-Messe, den European Job Days oder auch der gemeinsamen Ausbildungsmesse ,Dein Tag - Deine Chance, Ausbildung jetzt!\'", sagt Dominique Gottwald. Auch, wer nicht direkt nach der Schule den Aufsprung in eine Ausbildung gefunden hat, hat noch gute Chancen. "Wir sprechen junge Erwachsene zwischen 25 und 35 Jahren mit einem Programm an, das ihnen eine Erstausbildung ermöglicht", sagt der Agentur-Chef. Es sei nie zu spät, und die Maßnahme richte sich nicht nur an Arbeitslose, sondern an alle. "Weitere Programme helfen benachteiligten Jugendlichen oder bieten die Chance zur Teilzeitausbildung", ergänzt Dominique Gottwald.
Hohe Abbrecherquote


Mit einem ganz neuen Programm will die Arbeitsagentur aber auch die hohe Abbrecherquote bei Auszubildenden senken. "Wir starten mit unserem Projekt an den drei Berufsbildenden Schulen in Trier", sagt Wilhelmi. Dort sollen junge Azubis, die in ihrer Ausbildung Probleme erfahren, Beratung und Hilfe bekommen. "Ist das der richtige Beruf für mich? Komme ich im Betrieb zurecht? Gibt es private Probleme? Komme ich mit den Anforderungen parat? Solche Fragen wollen wir klären und die Jugendlichen unterstützen, bevor das Kind in den Brunnen gefallen ist", sagt Oliver Schmitz.
Mit der Berufsberatung für die Jugendlichen und dem Arbeitgeberservice für Unternehmen, eine neue Beraterin zur Lehrstellenakquise hat gerade ihre Arbeit aufgenommen, biete die Agentur eine gute Basis für Bewerber und Betriebe.
"Wir sind nicht nur für eine Seite da, sondern sind der neutrale Dienstleister für beide Seiten", findet Heribert Wilhelmi.Extra

Von Oktober 2014 bis zum April haben sich 2861 Mädchen und Jungen bei der Berufsberatung der Arbeitsagentur Trier gemeldet, weil sie eine Ausbildungsstelle suchen. Damit steigt die Zahl der Bewerber im Vergleich zum Vorjahreszeitraum um 33 (+ 1,2 Prozent). Die Zahl der gemeldeten Stellen ist mit Blick auf das Vorjahr ebenfalls gestiegen: Es wurden 166 Stellen mehr gemeldet (+ 5,1 Prozent). Insgesamt sind so 3413 freie Ausbildungsstellen bei der Arbeitsagentur aufgelistet. Der Bestand an unbesetzten Berufsausbildungsstellen liegt im April bei 1853 und fällt damit rein rechnerisch höher aus als die Zahl der noch unversorgten Bewerber (1331). Sowohl die Zahl der bisher noch unversorgten Bewerber als auch die Zahl der jetzt noch unbesetzten Stellen fällt höher aus als noch ein Jahr zuvor. Die Schulabschlüsse der noch unversorgten Bewerber: Zehn Bewerber ohne Abschluss, 660 Jugendliche mit Hauptschulabschluss, 449 mit Realschulabschluss, 102 mit Fachhochschulreife, 79 mit Allgemeiner Hochschulreife. Bei 31 Jugendlichen liegen den Berufsberatern keine Angaben vor. Gute Chancen haben Jungen und Mädchen als Kaufleute im Einzelhandelsbereich (113 Stellen gemeldet), Verkäufer (86), Koch (74), Elektroniker Energie-/Gebäudetechnik (65), Hotelfachleute (62), SHK-Anlagemechaniker (61), Restaurantfachleute (61), Fachverkäufer Lebensmittelhandwerk - Bäckerei (55), Friseure (50), Fachverkäufer Lebensmittelhandwerk - Fleischerei (47). In den übrigen Berufen sind noch 1179 Stellen frei. hw