Ende der Protest-Kultur?

Die Aktionen der Milchbauern, bei denen sie Zigtausend Liter Milch in die Landschaft schütten, teilen den Berufsstand in zwei Lager. Der Bauernverband stellt sich gegen Maßnahmen des Bundes Deutscher Milchviehhalter.

Trier. Während vor allem in Frankreich, Spanien oder Griechenland die Landwirte in den vergangenen Jahren und Jahrzehnten aus Unzufriedenheit über die Agrarpolitik oder die Erzeugerpreise Tomaten auf die Straße kippten, Wein in die Flüsse schütteten und sogar ihre Politiker mit Obst und Eiern bewarfen, blieb es in deutschen Landen meist sehr ruhig. Hier und da ein Protestzug mit Traktoren - vielleicht mal ein Güllefass, das demonstrativ vor Ministerien ausgeleert wurde. Doch seit gut einem Jahr hat die "Protest-Qualität" eine neue Stufe erreicht. Vor allem der Bund Deutscher Milchviehhalter (BDM) geht in seinem Kampf gegen die niedrigen Milchpreise härter mit Widersachern und eigenen Produkten um.

Nun kritisiert der Deutsche Bauernverband in einem Rundbrief die Aktionen: "Die zunehmende Radikalisierung des Protestes einer Gruppe von Milchbauern findet immer weniger Verständnis bei Mitbürgern, Verbrauchern und Politikern, aber auch bei Berufskollegen selbst. Das systematische Verschütten und Zerstören des Lebensmittels Milch mit Güllewagen ist ethisch bedenklich und stößt in der Bevölkerung immer mehr auf Unverständnis", heißt es in dem Schreiben des Bauern- und Winzerverbandes Rheinland-Nassau.

Dramatische Lage auf dem Milchmarkt



Bei der Konferenz der Landwirtschaftsminister von Bund und Ländern in Eisleben in der vergangenen Woche sei Sachgut zerstört, ein Fischsterben ausgelöst, und Politiker seien genötigt worden. Aufgehängte oder verbrannte Puppen vor Agrarministerien unter Parolen wie "Hier sitzen die Bauernmörder" oder "Länderagrarminister sind Strohmänner der Milchmafia" sind nach Ansicht des Bauernverbandes "das Ende einer demokratischen Protestkultur", und weiter: "Der Deutsche Bauernverband und seine 18 Landesverbände rufen zur Rückkehr zu einem gewaltfreien Streit mit der Politik und den Marktbeteiligten auf."

Die Lage auf dem Milchmarkt sei zwar dramatisch, die Milchbauern litten unter historisch niedrigen Erzeugerpreisen. Geschuldet sei diese Entwicklung der Wirtschaftskrise, der extremen Machtkonzentration des Einzelhandels und unzureichenden Maßnahmen von EU, Bund und Ländern. Es bedürfe dringend schnell wirksamer Maßnahmen, die kurzfristig die Trendwende auf dem Milchmarkt stärkten. Zu einer Besserung des Milchmarkts könnten nur europaweite Lösungen beitragen. Die Bauernverbände würden "sich weiterhin mit Entschlossenheit und geeigneten Mitteln des Protestes hierfür einsetzen".

Meinung

Viel zu wenig

Milch wie Gülle auf die Felder kippen, Politiker verbal scharf angehen, manchmal auch weit über die Schmerzgrenze hinaus, Autobahnen blockieren und vieles mehr. Dürfen Landwirte so etwas? Darüber wird heftig gestritten. Das ist gut und richtig so. Aber was ausgerechnet die Verantwortlichen des Bauernverbands geritten hat, derart harsche Kritik an den Aktionen von Berufskollegen zu üben, wissen wohl nur Gerd Sonnleitner und seine Landesvorsitzenden. Zumal sie nicht einen einzigen Vorschlag machen, wie denn zu protestieren ist. Die Reaktion zeigt vor allem eins: wie weit die Bauernfürsten sich von ihren Mitgliedern entfernt haben. Ob sie nicht wissen, dass vielen Landwirten - und nicht nur Milchviehhaltern - das Wasser längst nicht mehr nur bis zum Hals steht, dass viele Menschen die nackte Existenzangst umtreibt? Und dem Bauernverband fallen nur Vorwürfe ein. Das ist nicht eben viel für eine Organisation, die sich als Interessenvertreter des gesamten Berufsstandes versteht. d.schwickerath@volksfreund.de

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