| 20:35 Uhr

Flexible Werkstatt für den Nachwuchs

Die weißen Industriehallen hinten rechts wurden in den 1980er Jahren hinzugekauft und zu Werkstätten umgebaut. Sie müssen dem neuen Gebäude des Berufsbildungszentrums weichen, ebenso wie die braunen Gebäudeteile im Vordergrund. TV-Foto: Friedemann Vetter
Die weißen Industriehallen hinten rechts wurden in den 1980er Jahren hinzugekauft und zu Werkstätten umgebaut. Sie müssen dem neuen Gebäude des Berufsbildungszentrums weichen, ebenso wie die braunen Gebäudeteile im Vordergrund. TV-Foto: Friedemann Vetter
Trier. Bis 2018 investieren Bund, Land und Handwerkskammer Trier rund 30 Millionen Euro in den Abriss und Neubau eines Berufsbildungs- und Technologiezentrums. Er gilt als größtes Handwerksprojekt in ganz Rheinland-Pfalz. Sabine Schwadorf

Trier. Wer als Maler moderne Techniken üben und neue Farben ausprobieren will, braucht vor allem eines: viel Licht. Doch im Berufsbildungszentrum der Handwerkskammer (HWK) in der Loebstraße in Trier ist es gerade das Tageslicht, das in einigen Räumen fehlt. Neonröhren liefern den Sonnenersatz. "Hier zu lernen und zu lehren, ist nicht befriedigend", beschreibt Karl-Heinz Schwall, Ausbildungsberater der HWK, die Lage im Bildungszentrum. Und dies gelte nicht nur fürs Malerhandwerk, sondern für verschiedene der insgesamt 27 Gewerke, in denen die Kammer die überbetriebliche Ausbildung für die Betriebe übernommen hat.
Weite Wege, wenig funktionale Technik und marode Wände: Dass der externe Gutachter der HWK zu der Erkenntnis gekommen ist, der Abriss und Neubau des Gebäudes aus den 1960er Jahren und den in den 80er Jahren hinzugekauften Industriehallen sei kein Mutwillen, sondern schlicht ökonomische Logik, wundert in der Kammer und unter den Handwerkern niemanden.
Für 30 Millionen Euro wird nun nach und nach das bestehende Zentrum abgerissen und an gleicher Stelle ein neues, um 3000 Quadratmeter Fläche kleineres, Bildungszentrum errichtet. Die Herausforderung: Der Lehrbetrieb läuft während der Bauarbeiten, die bis Anfang 2018 anhalten sollen, parallel weiter.Alle Wünsche finden Beachtung


Der Bund - Bundesinstitut für Berufsbildung (BiBB) und das Bundesamt für Wirtschaft und Ausfuhrkontrolle (Bafa) - steuert 45 Prozent der Kosten bei, das Landeswirtschaftsministerum 25 Prozent. Der Rest, also zehn Millionen Euro, verbleiben als Eigenanteil bei der HWK. Der stammt aus Rücklagen, ein Teil soll als Darlehen aufgenommen werden.
Wie das neue Bildungszentrum genau aussehen wird, ist noch unklar, denn das Projekt steht kurz vor der europaweiten Architektenausschreibung. Ein Büro in Bad Kreuznach soll diesen Prozess beobachten.
"Wir wollen ein kleines, kompaktes und funktionales Gebäude, das sinnvoll alle Gewerke untereinander vernetzt", beschreibt HWK-Hauptgeschäftsführer Manfred Bitter die Anforderungen: "Eine Art flexible Werkstatt." Dass Handwerker heutzutage flexibel sein müssen, zeigen die Zahlen: Gab es in den 1980er Jahren noch mehr als 8000 Handwerkslehrlinge, sind es heute weniger als die Hälfte. Dennoch bleibt das Handwerk ein wichtiger Wirtschaftsfaktor, erwirtschaften die rund 39 000 Beschäftigten nach jüngsten Zahlen des Statistischen Landesamtes immerhin 3,7 Milliarden Euro im Jahr.
Dass die neueste Technik in den Neubau Einzug hält, versteht sich von selbst: "Wir wollen mit gutem Beispiel etwa bei der Funktionalität und der Energieeinsparung vorangehen", sagt der HWK-Chef. Man baue ja nicht für die Kammer, "sondern fürs Handwerk". Deshalb haben Ausbildungsmeister und Innungen ihre Wünsche mitgeäußert. "Wir haben einen Investitionsstau allein bei der Technik und den geräten von geschätzt fünf Millionen Euro", sagt Thomas Sandner, Leiter des Berufsbildungs- und Technologiezentrums und nun Projektleiter des Neubaus. "Eine Lebensaufgabe", wie er sagt. HWK-Chef Bitter selbst wird zur Einweihung 2018 wohl als Ehrengast eingeladen: "Ich gehe 2016 in den Ruhestand. Ich schaue mir dann das Ergebnis an."Meinung

Fit für die Zukunft
Die Zahl der offenen Ausbildungsstellen im Handwerk der Region zeigt es: Die Zeiten sind vorbei, in denen sich die Betriebe aus dem Stapel an Bewerbern nur einen herausfischen mussten, den sie einstellen konnten. Längst konkurriert das Handwerk mit Universitäten und Hochschulen, mit Behörden und Großbetrieben um Absolventen. Umso mehr müssen sich die Handwerksmeister nach der Decke strecken, um eine reizvolle Ausbildung mit Anspruch zu bieten. Teure Investitionen lohnen sich für kleine Betriebe jedoch kaum, einen breiten Überblick übers Gewerk ist selten möglich. Umso wichtiger ist eine Einrichtung wie das neue Berufsbildungs- und Technologiezentrum in der Region Trier. Für die Handwerker bedeutet es, dass sie ihren Nachwuchs auf technisch höchstem Niveau ausbilden, sich selbst auf neuestem Stand halten können und damit wettbewerbsfähig bleiben. Angesichts des demografischen Wandels und der gleichzeitig gewachsenen Kundenansprüche ist es der richtige Schritt, fit für die Zukunft zu werden. s.schwadorf@volksfreund.de