Frauen sehen Rot

Den "Steuerzahlergedenktag" kennen die meisten. Das ist der Tag, ab dem die Deutschen rechnerisch gesehen für sich und nicht mehr nur für den Fiskus malochen. Meist ist er im Juli. Ein anderer, ähnlich symbolischer Tag feiert heute Premiere. Der "equal pay day", Tag des gleichen Lohnes.

Berlin. Bis zum 15. April dieses Jahres mussten Frauen statistisch gesehen zusätzlich arbeiten, um genauso viel zu verdienen wie die Männer im Jahr 2007. Die Aktion wird vom Familienministerium unterstützt. Der durchschnittliche Lohnunterschied zwischen Frauen und Männern beträgt 22 Prozent. Deutschland rangiert damit auf dem drittletzten Platz in der EU. Der "equal pay day" wird international begangen und hierzulande vom Verein "Business and Professional Women" (BPW) organisiert, einem Netzwerk für berufstätige Frauen. An 25 Orten finden heute Veranstaltungen statt. Gemeinsames Symbol der Teilnehmerinnen ist eine rote Tasche. Die Ursachen für die Lohndiskriminierung sind vielfältig. Eine der wichtigsten: Frauen arbeiten überproportional häufig in Teilzeit. Ursache hierfür wiederum ist die schlechte Vereinbarkeit von Familie und Beruf in Deutschland. Familienministerin Ursula von der Leyen (CDU) betont denn auch in ihrem Aufruf für den equal pay day: "Wo die Frauenerwerbstätigkeit hoch ist und die Infrastruktur für die Vereinbarkeit von Familie und Beruf gut ist, ist der Abstand der Durchschnittslöhne gering". Weitere Gründe sind, dass Frauen nach wie vor in sogenannten Frauenberufen wie Pflege, Einzelhandel oder Gastronomie arbeiten, wo die Löhne niedrig sind. Aber selbst im gleichen Beruf, im gleichen Betrieb und bei gleicher Qualifikation verdienen Frauen im Durchschnitt noch zwölf Prozent weniger als die Männer. Das liegt an ihren geringeren Aufstiegschancen, an Berufsunterbrechungen wegen der Kindererziehung, aber auch an männlichen Netzwerken in den Unternehmen. Warum nur, hat sich die Berliner Soziologin Christiane Funken gefragt, werfen Firmen das Potenzial der gut gebildeten, leistungsstarken Frauen so leichtfertig fort? Die Mehrzahl der Hochschulabsolventen ist weiblich, ihre Noten sind besser als die ihrer männlichen Kollegen. Und doch gibt es unter allen Vorständen der Dax-30-Unternehmen derzeit nur eine einzige Frau. Funkens Erklärung heißt "gläserne Decke", und meinte eine subtile Form der Diskriminierung. Formal gleichberechtigt, werden Frauen seltener befördert und schneiden auch bei Gehaltsverhandlungen schlechter ab. Männer werden über ihre Leistung wahrgenommen, Frauen aber nur als Frauen, sagt Funken und spricht von einer "erstaunlichen Ignoranz" der Wirtschaft. Zumal laut einer McKinsey-Studie Unternehmen mit drei oder mehr Frauen im Vorstand wirtschaftlich wesentlich besser abschnitten als andere. Die Frauenorganisationen wollen das dicke Brett bohren, das unter der Losung "Gleicher Lohn für gleiche Arbeit" seit mehr als einem Jahrhundert Sozialgeschichte macht. Den "equal pay day" soll es künftig jährlich geben. Überflüssig wäre er erst, wenn er auf Silvester fiele. vk/bre