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Friseurhandwerk leidet unter dem zweiten Lockdown

Interview : „Fragt euren Friseur nicht, ob er euch die Haare schneidet“

Tipps für alle, deren Frisur während dieses zweiten Lockdowns seit dem 16. Dezember aus der Form gerät und die wirtschaftliche Situation in der Friseur- und Kosmetik Branche. Die Lage ist ernst, sagt Guido Wirtz, vorsitzender Landesinnungsmeister, aus dem Eifelkreis Bitburg-Prüm.

Frisch frisierte Fußballprofis sind auch in Zeiten von Corona keine Seltenheit. Dabei sind Friseurgeschäfte seit rund vier Wochen geschlossen. Die Branche ärgert aber nicht nur das, wie das Interview mit dem Verbandschef zeigt. 

Besteht die Gefahr, dass die Schwarzarbeit zunimmt? Wie war es beim ersten Lockdown? 

Guido Wirtz: Es gab tatsächlich nur vereinzelt Kollegen, die sich nicht an die Regeln gehalten haben und die sich vielleicht von einer guten Freundin oder guten Bekannten haben überreden lassen. Deshalb meine Bitte an alle: Fragt euren Friseur nicht, ob er eine Ausnahme macht und euch die Haare schneidet, weil man ihm damit keinen Gefallen tut. Der Friseur mag seine Kunden, hat ein persönliches, gutes Verhältnis zu ihm und eine Ablehnung tut ihm im Herzen weh. Es tut ja schon weh, dass wir keine Haare schneiden dürfen. Unternehmen, die sich nicht an die Auflagen halten, drohen 25 000 Euro Strafe, und sie tun sich selbst wie schon gesagt keinen Gefallen. Wir Friseure wollen ja auch irgendwann wieder öffnen und Geld verdienen.

Ist auch die Grenzsituation zu Luxemburg für Sie und einige Ihrer Kollegen ein Ärgernis?

Wirtz: Wir haben tolle Stammkunden. Die warten auf uns. Aber dem ein oder anderen wird die Zeit doch zu lange und er sieht sich gezwungen, einen anderen Salon in Luxemburg zu besuchen. Auch wenn es vielleicht doppelt so viel kostet.


Was hören Sie aus der Branche? Ihre Arbeit als Landesinnungsmeister geht virtuell weiter.

Wirtz: Ich schätze, dass 30 Prozent der selbstständigen Friseure bundesweit diesen zweiten Lockdown nicht überleben werden. Die großen Filialisten, die großen Friseurbetriebe, sind alle in die Insolvenz gegangen. Es handelt sich um eine der größten Krisen in der Friseurbranche, zumindest seit ich denken kann. Im vergangenen Jahr hatte die gesamte deutsche Friseurbranche einen Umsatzausfall von 15 bis 20 Prozent. Ich nehme mich und meinen Betrieb einmal als Beispiel: Ich hatte in der ersten Lockdown-Phase im vergangenen Jahr sechs Wochen geschlossen, und jetzt werden es voraussichtlich wieder sechs Wochen. Es fehlen Einnahmen aus drei Monaten. Und es ist ja nicht unbedingt so, dass die Friseure Geld auf der hohen Kante liegen haben. Ich hatte vergangene Woche ein Video-Gespräch mit Kollegen. Es werden Altersversorgungen aufgelöst, um zu überleben.


Vorläufig gilt der Lockdown bis zum 31. Januar. Was würde eine Verlängerung bedeuten? Was hören Sie von Kollegen?

Wirtz: Bei unseren Videokonferenzen geben wir uns natürlich gegenseitig Hilfestellung und Ratschläge. Es gibt einerseits die Überbrückungshilfen, die jetzt kommen sollen, von denen wir aber noch nicht genau wissen, was darin genau festgehalten ist. Wir erklären den Kollegen, wie sie mit einem Kredit eine gewisse Zeit überbrücken können. Wir vermissen aber total in der bestehenden politischen Aussage, die Unternehmen zu unterstützen, die Unterstützung des Unternehmers selbst. Der Unternehmer hat weiter laufende Kosten, wie die Beiträge für die Kranken- und die Rentenversicherung, und muss ja auch etwas essen. Es gibt Bundesländer, die im ersten Lockdown Geld für den Unternehmer selbst in die Überbrückungshilfen miteingebracht haben. Nordrhein-Westfalen hat dem Unternehmer zusätzlich 2000 Euro Überbrückungshilfe gegeben, das heißt, er hat zusätzlich einen Unternehmerlohn bekommen. Baden-Württemberg hat etwa 1100 Euro pro Monat quasi als Unternehmerlohn in die Gesamthilfe eingestellt. Der Mensch, der das Unternehmen führt, nicht das Unternehmen selbst, kommt gerade in Rheinland-Pfalz im Gegensatz zu anderen Bundesländern zu kurz.


Sie meinen Unterstützung für den Lebensunterhalt des Geschäftsinhabers selbst, während seine Mitarbeiter Kurzarbeitergeld erhalten? Gibt es in diesem Fall nicht die grundsätzliche Möglichkeit, Arbeitslosengeld II (ALG II) zu beantragen?

Wirtz: Die Hürden für ALG II sind sehr hoch. Es müssen in der Regel zuerst alle Vermögenswerte (Rentenvorsorge und Immobilien) eingebracht werden. Wir haben die verantwortlichen rheinland-pfälzischen Politiker bereits auf das Fehlen eines Unternehmerlohns und andere Probleme beim Umsetzen der Hilfen hingewiesen und um Gespräche gebeten.


Für die vielen Menschen, die derzeit nicht zum Friseur kommen, welcher Schnitt gerät am schnellsten aus der Form?

Wirtz: Das sind Kurzhaarschnitte. Sie werden im Idealfall – egal ob bei Frauen oder Männern – schon nach drei, vier Wochen nachgeschnitten. Männer, die ohnehin selbst mit einem Rasierer arbeiten, haben wie immer keine Probleme und auch alle, die die Haare länger tragen, kommen besser aus der aktuellen Situation heraus.


Also zwischendurch selbst die Spitzen nachschneiden …?

Wirtz: Nein, ich empfehle allen dringend die Hände von der Schere zu lassen. Es sieht vielleicht einfach aus, aber ein Haarschnitt ist etwas sehr kompliziertes wie ein von einem Architekten erbautes Haus. Wer in einer Suchmaschine nach Haarschnittlinien vom Friseur sucht, kann Bilder mit den verschiedenen Linienformen sehen, mit denen wir arbeiten. Das lässt sich natürlich nicht nachmachen. Wer trotzdem zur Schere greift oder greifen lässt, wird sich nach meiner Meinung den Haarschnitt zu 100 Prozent kaputt machen.


Bei durchgestuften Kurzhaarfrisuren leuchtet das ein, aber raten Sie auch bei langen Haaren ab?

Wirtz: Ja, absolut. Wir Friseure schneiden ja nicht einfach nur unten ab, sondern haben unsere erlernten Techniken. Alle gut gemeinten Ratschläge von Kollegen, es selbst zu probieren, funktionieren aus meiner Sicht nicht. Was ich akzeptabel finde, ist wenn sich jemand seinen Pony nachschneidet. Aber nur zwei Millimeter. Am besten vorher auf einem Lineal anschauen, wie viel zwei Millimeter sind, sonst wird der Pony schnell zu kurz. Aber alles andere halte ich für nicht machbar.


Was raten Sie, wie wir alle über die Friseur-lose Zeit kommen können? Eine Punkfrisur stylen?

Wirtz: Wer die Haare lang genug trägt, kann einen Zopf machen oder auch mit dem Glätteisen und Styling-Produkten seine Frisur verändern. Kurzhaar-Trägern rate ich mit Wachsen oder Gelen, die Frisur um zu stylen. Der eigene Friseur hilft sicher mit kontaktlosem Einkauf weiter.  


Was tun bei herausgewachsener Haarfarbe oder Blondierung?

Wirtz: Blondieren ist kompliziert und nicht ganz ungefährlich. Davon rate ich ab. Wer nachfärben möchte, sollte vorsichtig damit umgehen, es handelt sich in der Regel um Chemie. Es gilt nur nachzuarbeiten, wo es nötig ist – am Scheitel oder an der Kontur. Wer gerne mit „seiner Haarfarbe“ nachfärben möchte, kann seinen Hausfriseur anrufen. Einige, nicht alle, verkaufen auch Farben und helfen gerne weiter – kontaktlos natürlich.

Die Fragen stellte Birgit Markwitan