Gebrannte Kunden

TRIER. Rund drei Millionen Haushalte in Deutschland sind überschuldet. Der Bedarf an Beratung ist groß, wie die Schuldnerberatungen der Region melden. Dabei hinterlassen Privatinsolvenzen auch nach der Restschuldbefreiung noch ihre Spuren.

Gleich welche Statistik man zu Grunde legt, in der Region liegt die Zahl verschuldeter Verbraucher höher denn je. Rund 80 Privatinsolvenzen je 100 000 Einwohner in der Region Trier werden derzeit sowohl vom Statistischen Landesamt in Bad Ems als auch von dem Inkasso-Unternehmen Seghorn registriert. Tendenz: weiter steigend. "Ich habe mehr Neufälle als im vergangenen Jahr", sagt etwa Beate Lippert von der Schuldnerberatung der Caritas für die Stadt Trier. Folglich gebe es Wartezeiten für eine Beratung bis zum Februar. Dabei böten gleich mehrere Stellen Hilfe an. Ähnlich lange Wartezeiten vermeldet auch das Diakonische Werk in Trier. "Weil wir zunehmend Arbeitslosengeld-II(Alg II)-Empfänger haben, haben wir unsere Methodik verändert", sagt Eva-Maria Schmitt von der diakonischen Schuldnerberatung. Weil immer mehr Menschen in ihrer Existenz gefährdet seien, nicht einmal mehr monatlich 50 Euro zur Schuldenregulierung hinterlegt werden könnten, gehe es darum, ein formelles Insolvenzverfahren zu vermeiden und stattdessen Lebenshaltung, Wohnraum und Nebenkosten zu sichern (siehe Hintergrund). "Diese Fälle sind gravierend und frustrierend", sagt Schmitt. Die Ursache: Einführung der Hartz-IV-Gesetze, zunehmend befristete Arbeitsverhältnisse und niedrige Einkommen, die zum Lebensunterhalt nicht reichen, fügt ihr Kollege Jürgen Ziegler hinzu. Weil auch im Kreis Bitburg-Prüm mit der Zusammenlegung der Arbeitslosenhilfe und der Sozialhilfe zum Alg II mehr Menschen in ihrer Existenz gefährdet sind, haben die Caritas und die Arbeitsgemeinschaft des Kreises ein spezielles Beratungsangebot geschaffen. Wartezeit: drei bis vier Wochen. Doch das könnte sich bald verschlechtern. Denn die Finanzierung einer zusätzlich geschaffenen Halbtagsstelle läuft zum Jahresende aus. "Der Bedarf ist da. Wir haben in der Halbjahrestatistik schon 30 Prozent mehr Fälle verzeichnet", sagt Thomas Jager von der Schuldnerberatung der Caritas Westeifel in Bitburg. "Leute, die schon früher am Limit gelebt haben, betrifft die Überschuldung weniger, eher diejenigen, deren Arbeitslosengeld plötzlich herabgestuft wurde." Eine weitere Gesetzesänderung könnte Verbraucher, Schuldnerberater und Insolvenzverwalter schon bald treffen: Eine Bund-Länder-Kommission plant, nur noch dann ein Insolvenzverfahren mit einer Regelung für alle Gläubiger einzuleiten, wenn der Schuldner über ausreichend Eigentum und Geld verfügt. "Katastrophe pur", urteilt Eva-Maria Schmitt. Jeder Gläubiger könne in den anderen Fällen jederzeit ein eigenes Verfahren einleiten. Es gebe für den Verbraucher keine Ruhe und keinen Schutz mehr am Arbeitsplatz, da jederzeit ein Gläubiger auftauchen könnte. "Paradox", urteilt auch ihr Kollege Jürgen Ziegler, denn so entstehe unter denen, die ohnehin nichts besäßen "eine Zwei-Klassen-Gesellschaft". Und selbst unter den Rechtsanwälten ist man sich nicht einig, ob sich die neue Regel positiv auswirkt, wie sich beim Trierer Forum für Insolvenzrecht herausstellte."Meist liegt das Kind schon im Brunnen"

Folglich versuchen die Schuldnerberatungsstellen der Region vorbeugend aktiv zu werden: in Schulen und Gemeinden. "Meist kommen die Leute erst, wenn das Kind schon im Brunnen liegt", sagt Jager. Und die Kollegen von der Diakonie in Trier fügen hinzu: "Fehlende finanzielle Allgemeinbildung und der falsche Umgang mit Geld - das ist häufig der Einstieg zur Überschuldung", sagt Schuldnerberater Ziegler. Selbst wenn ein Verbraucherinsolvenzverfahren überstanden ist, hinterlässt jeder Fall in der Wirtschaft seine Spuren. "Viele werden dann als negative Kunden betrachtet", sagt Guido Joswig von der Auskunftei Creditreform. Die hat nämlich eine massiv gestiegene Zahl (plus 75 Prozent) von Auskünften registriert, die Banken, Versicherungen, Kreditkartenunternehmen und Telekom-Firmen über mögliche Kunden einholen. Der Blick in Schuldnerlisten und Insolvenzregister ist also an der Tagesordnung, der Kunde transparent. Joswig geht sogar noch ein Stück weiter: "Es wird bald schwer werden, überhaupt noch einen Geschäftskredit zu bekommen ohne eine Konsumentenauskunft."