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Gewerkschaftsmitglieder haben sichere Jobs

Trier. Warnstreiks hier, Protestaktionen dort, die Gewerkschaften sind derzeit an vielen Baustellen gefragt. Bei den vielen Auseinandersetzungen wird es sie freuen, dass sie nun wissenschaftlich Rückenwind bekommen: Jobs von Gewerkschaftsmitgliedern sind sicherer, urteilen zwei Uni-Professoren. Heribert Waschbüsch

Trier. Die Gewerkschaftsmitglieder im öffentlichen Dienst machen derzeit ordentlich Druck, bei Schlecker gibt es bundesweit und in der Region Massenproteste und die Streiks an den Flughäfen - ob Lotsen oder Vorfeldpersonal - sorgen für ordentlichen Diskussionsbedarf. Bei den Auseinandersetzungen steht die Rolle der Gewerkschaften im Mittelpunkt, doch gleichzeitig sparen sich immer mehr Arbeitnehmer den Mitgliedsbeitrag.
20 000 Stimmen ausgewertet


Ein Fehler, wie der Betriebswirtschaftsprofessor Laszlo Goerke (Uni Trier) gemeinsam mit seinem Bielefelder Kollegen Professor Markus Pannenberg meint. Eine Mitgliedschaft biete mindestens einen deutlichen Vorteil: Gewerkschaftern wird seltener gekündigt - und das wirkt sich auch positiv auf den Geldbeutel aus.
Im Rahmen eines von der Fritz-Thyssen-Stiftung geförderten Forschungsprojekts zur Gewerkschaftsmitgliedschaft wertet Experte Goerke gemeinsam mit Pannenberg über einen längeren Zeitraum hinweg das Sozioökonomische Panel (SOEP) aus. Darin werden die jährlich aktualisierten Antworten von 20 000 Deutschen auf 150 Fragen gesammelt, darunter zu Job, Einkommen und Gewerkschaftsmitgliedschaft. Eine entscheidende Erkenntnis der Auswertung: Die Wahrscheinlichkeit gekündigt zu werden ist für Nicht-Mitglieder im Durchschnitt um ein Drittel höher als für Mitglieder von Gewerkschaften. Bei Frauen und Industriearbeitern ist der Unterschied sogar noch deutlicher.
Grund für die höhere Jobsicherheit von Gewerkschaftsmitgliedern ist nach Ansicht der Forscher der Rechtsschutz, den Gewerkschaften ihren Mitgliedern bieten. "Im Falle einer Kündigung können sich Gewerkschaftsmitglieder von erfahrenen Anwälten vertreten lassen und erhalten so deutlich höhere Abfindungen. Für den Arbeitgeber ist es also teurer, sich von einem Gewerkschaftsmitglied zu trennen als von nicht organisiertem Personal", so Goerke.
Allerdings beziehen sich die Erkenntnisse des Forschungsteams nur auf Einzelentlassungen, im Falle von betriebsbedingten Massenentlassungen - wie sie möglicherweise auch den Beschäftigten im Trierer Stahlwerk (siehe Extra) bevorstehen -, macht es nach Einschätzung von Goerke keinen Unterschied, ob man organisiert ist oder nicht. "Einzelentlassungen kommen jedoch deutlich häufiger vor, sie fallen nur nicht so auf. Berichte über spektakuläre Massenentlassungen verzerren unsere Wahrnehmung."
Bei den Gewerkschaften ist man über die Auswertung erfreut. Christian Z. Schmitz, DGB-Chef in der Region Trier: "Die Studie zeigt, was wir in unserer täglichen Arbeit erfahren: Gewerkschaften stärken ihren Mitgliedern den Rücken und es macht einen Unterschied, ob man Mitglied ist oder nicht. Auch in kleineren Betrieben gewähren wir unseren Mitgliedern Rechtsschutz, aber, das zeigt die Studie auch, in größeren Betrieben, wo Mitbestimmung selbstverständlicher praktiziert wird, geht es den Mitarbeitern besser." Und IG-Metall-Chef Roland Wölfl ergänzt: "Hinsichtlich der Feststellung, dass es bei Massenentlassungen keinen Unterschied macht, ob man gewerkschaftlich organisiert ist, zeigt die Realität ein anderes Bild." Gerade in diesen Fällen sei die Gewerkschaft in der Lage ihre Mitglieder besser zu schützen, weil vor allem das neue Instrument Sozialtarifvertrag anstelle des klassischen Interessenausgleichs und Sozialplanes dazu führt, dass man für Mitglieder zusätzlichen Kündigungsschutz oder Beschäftigungssicherung durchsetzen könne, der nur für sie gelte. "In allen Betrieben in der Region Trier hatten wir am Ende des duchgeführten Personalabbaus einen höheren Organisationsgrad als vorher", so Wölfl.
Die DGB-Mitgliedsgewerkschaften haben in der Region rund 23 700 Mitglieder, weitere 4100 Menschen sind Mitglied in luxemburgischen Schwestergewerkschaften (EGB). In der Region sind 155 000 Menschen beschäftigt, zudem gibt es 28 000 Grenzpendler.Extra

Die Zukunft des Trierer Stahlwerks ist noch ungewiss. Nach TV-Informationen gibt es zwei ernsthafte Investoren, die das Werk übernehmen wollen. Eine Entscheidung soll in den kommenden Tagen fallen. Neben einem Interessenten aus der Stahlbranche hat auch ein Finanzinvestor seine Absichten erklärt. Derzeit sind 230 der 300 Beschäftigten freigestellt. hw