"High Noon" bei Tectro

SAARBURG. Beim insolventen Saarburger Kunststoffunternehmen Tectro geht es diese Woche um die Existenz. Rund 50 Mitarbeiter mussten schon gehen, für die übrigen 150 entscheidet sich Ende der Woche die berufliche Zukunft.

Freitagmittag, 12 Uhr: "High Noon" bei Tectro. An diesem Tag entscheidet sich die Zukunft des Saarburger Kunststoffunternehmens. "Ich werde am Freitag mit mehreren Großkunden verhandeln. Sollten diese nicht Preiserhöhungen im zweistelligen Prozent-Bereich akzeptieren, gehen in Saarburg die Lichter aus", sagte Insolvenzverwalter Franz J. Abel gestern dem TV. Dieses Kunststück ist dem Anwalt aus St. Wendel vor wenigen Tagen immerhin schon bei zwei Großkunden gelungen. "Spielen die anderen Kunden auch mit, und können wir bis Juni eine ,schwarze Null' bei Tectro schreiben, haben wir wahrscheinlich einen Investoren, der das Unternehmen übernimmt." Bis dahin aber muss Abel eisern sparen. "Ohne Maßnahmen würde der Verlust in diesem Jahr 4,5 Millionen Euro betragen. Der Umsatz ist von rund 30 Millionen auf 15 Millionen Euro eingebrochen. Das ist nicht haltbar." Deshalb hat auch schon die Belegschaft den Sparzwang zu spüren bekommen. 46 Mitarbeitern ist gekündigt worden, über einen Sozialplan und eine Maßnahme der Agentur für Arbeit werden sie für ein halbes Jahr in einer Transfergesellschaft qualifiziert. Sechs Mitarbeiter haben selbst gekündigt. Damit kann Tectro rund 1,5 Millionen Euro einsparen, die Maßnahme kostet das Unternehmen aber auch 500 000 Euro. "Ich habe mit solchen Qualifizierungsmaßnahmen gute Erfahrungen. Zum Teil hatten wir eine Vermittlungsquote von 100 Prozent", macht Abel den Leuten Mut. Das Projekt wird von der Dekra geleitet. Die übrigen 150 Mitarbeiter zittern nun um ihre Zukunft, sagt der Betriebsratsvorsitzende Hans Molitor: "Wir versuchen hier zu retten, was zu retten ist." Viele Mitarbeiter sehnten inzwischen ein klare Entscheidung herbei. "Diese Ungewissheit zieht sich nun schon so viele Monate hin, das zehrt unglaublich an den Nerven." Insolvenzverwalter Abel hat einen Schuldigen für das Tectro-Dilemma ausgemacht: das alte Management "Es hat den Anschein, dass hier sämtliche Preiskalkulationen ohne Kostenrechnungen geführt wurden. Bei gut 200 Unternehmensinsolvenzen, die ich in 20 Jahren geleitet habe, ist mir so etwas noch nicht untergekommen. " Der neue kaufmännische Leiter Dirk Hubertus bestätigt diese Einschätzung: "Hier wurden den Kunden Preisnachlässe jenseits von Gut und Böse gewährt." So habe man bei einzelnen Produktgruppen höhere Rohstoffkosten gehabt, als später im Verkauf erlöst wurden. Zudem habe man sich in der Endphase auch noch Berater geleistet, die mit rund 1,8 Millionen Euro entlohnt wurden. Inzwischen sei wohl auch bei vielen Kunden angekommen, dass das Unternehmen so nicht überlebensfähig sei. "Wir haben mittlerweile aber wieder die Liefertreue und die Qualität unserer Produkte im Griff, so dass sich unsere Kunden auf uns verlassen können", sagte Abel. Sollte es der Tectro gelingen, höhere Preise am Markt durchzusetzen und wieder rentabel zu wirtschaften, gibt es laut Abel mehrere Investoren, die das Unternehmen fortführen wollen. "Wir sondieren die Angebote zur Zeit." Nach TV-Informationen liegen drei konkrete Angebote vor.