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"Hoffnungsvoll, aber mit Sorgenfalten"

"Hoffnungsvoll, aber mit Sorgenfalten"

In China brechen die Börsen ein, und auch der Dax hat seit Jahresbeginn schon rund zehn Prozent seines Werts verloren. Was heißt das für die deutsche Wirtschaft?

Berlin. Unser Berliner Korrespondent Stefan Vetter sprach darüber mit dem Direktor des gewerkschaftsnahen Instituts für Makroökonomie (IMK), Gustav Horn.Herr Horn, das neue Jahr beginnt mit großen Turbulenzen. Steht die deutsche Wirtschaft unter einem schlechten Stern? Horn: Nein, eigentlich nicht. Wir haben realwirtschaftlich gesehen durchaus positive Tendenzen. Immerhin können wir 2016 mit einem Wachstum von 1,8 Prozent rechnen. Aber die jüngsten Turbulenzen an den Börsen sind zugleich Ausdruck dafür, dass die Unsicherheit sehr groß ist. Die Anleger sind sich nicht gewiss, dass es aufwärts geht. Welche Ursachen sehen Sie? Horn: Gründe sind die nicht bewältigte Euro-Krise, die Schwäche der Schwellenländer und auch die Flüchtlingskrise. Schwächelt obendrein noch ein Gigant wie China, reagieren Anleger auch panisch.Das heißt, die Kurseinbrüche in China werden überbewertet? Horn: Die Unsicherheit unter Anlegern war natürlich auch schon vorher da. Aber nun passiert etwas in China, was diese Unsicherheit dramatisch anheizt. Auch bei deutschen Investoren. Als Faustregel gilt: Wenn die Nachfrage in China um zehn Prozent einbricht, dann würde die deutsche Wirtschaft um 0,3 Prozentpunkte weniger wachsen. Das müssen Sie erklären. Horn: Bleibt die Nachfrage in China aus, dann exportiert Deutschland auch weniger Waren dort hin. Gleichzeitig führen dann auch andere Staaten weniger Produkte nach China aus. Zum Beispiel Japan. Und das wiederum heißt, dass der deutsche Export auch nach Japan schrumpft. Der Effekt kumuliert also. So kommen die minus 0,3 Prozentpunkte zustande.Das Wirtschaftswachstum in Deutschland wird aber mittlerweile zu mehr als der Hälfte vom privaten Konsum getragen, also von der Binnennachfrage. Nützt das nichts? Horn: Oh doch. Das ist ja der Grund, warum Deutschland vergleichsweise gut dasteht. Ohne den privaten Konsum würden die internationalen Krisen weitaus stärker durchschlagen. Wenn der Konsum um zwei Prozent wächst, dann ist schon mal ein Prozent Wirtschaftswachstum sicher. Dies schützt im Moment davor, dass Deutschland wegen der weltwirtschaftlichen Turbulenzen in eine Stagnation gerät.Bremsen die vielen Flüchtlinge eher den Aufschwung, oder sind sie ein ökonomischer Katalysator? Horn: In jedem Fall sind sie ein Wirtschaftsfaktor, allein schon wegen der entsprechenden Mehrausgaben des Staates, die in die Wirtschaft fließen. Ob es eine langfristige Stimulanz gibt, hängt davon ab, wie schnell die Flüchtlinge in den Arbeitsmarkt integriert werden. Auch dafür sind aber deutlich mehr staatliche Investitionen erforderlich als bisher.Zulasten der von Bund und Ländern beschlossenen Schuldenbremse? Horn: Für die dringend notwendigen Investitionen sind neue Kredite durchaus sinnvoll, zumal sie wegen der Niedrigzinsen wenig kosten. Kurzfristig wären zehn Milliarden Euro zusätzlich möglich, ohne die Schuldenbremse zu verletzen. Denn die gestattet ja ein leichtes Defizit des Bundes. Von der schwarzen Null ist da nicht die Rede. Es bleibt unverständlich, warum die Bundesregierung am liebsten daran festhalten würde.In einem Satz, wie würden Sie die Wachstumsaussichten für 2016 charakterisieren? Horn: Hoffnungsvoll, aber mit Sorgenfalten. vetExtra

Gustav Horn, 61 (Foto: dpa), ist seit 2005 Wissenschaftlicher Direktor am Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung der Hans Böckler Stiftung. Der Volkswirt wurde 2007 Professor an der Uni Flensburg, 2012 an der Uni Duisburg-Essen. Seit 2011 ist er Vorsitzender der Kammer für Soziale Ordnung der EKD. red