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HWK Trier: Axel Bettendorf über die Klimawende und die Zukunft

Wirtschaft : „Ohne das Handwerk ist die Energiewende nicht denkbar“

Kammer-Geschäftsführer Axel Bettendorf zur Situation des Handwerks, dem Rohstoffmangel, dem Ringen um Nachwuchs und dem Potenzial des Klimaschutzes und der Fridays for Future-Bewegung.

Erst Corona, dann das Hochwasser, dazu der Fachkräftemangel und die anstehende Klimawende: Die Auftragsbücher der Handwerksbetriebe in der Region sind voll, viele Ausbildungsplätze aber nach wie vor leer. Macher, Menschen + Märkte sprach darüber mit Axel Bettendorf, seit fünf Jahren Geschäftsführer der Handwerkskammer Trier.

Herr Bettendorf, bei Ihrer Amtseinführung 2016 wird Kammerpräsident Rudi Müller in einer Pressemitteilung mit folgendem Satz zitiert: „Axel Bettendorf kennt und kann Handwerk.“ Sind sie handwerklich begabt?

BETTENDORF: Meine Frau würde sicher sagen: Nein! (lacht) Ich komme zwar mütterlicherseits aus einer Handwerkerfamilie und väterlicherseits aus der Industrie, bin handwerklich aber eher minderbegabt (lacht). Als Ingenieur ist mein Gebiet auch eher die Planungsebene. Meine ersten Baustellenpraktika habe ich aber bereits während meiner Banklehre gemacht. Also mauern kann ich schon und ich bekomme auch Stahl geflochten, aber ich bin sicher weit davon entfernt, mich als qualifizierten Handwerker zu bezeichnen. Ich habe bei meinen Praktika unter Anleitung der Gesellen meine Arbeit erledigt und kam dann mit schwieligen Händen in die Bank zurück (lacht).

Das war Anfang der 1990er. Wo steht das Handwerk jetzt, gut 30 Jahre später?

BETTENDORF: Wir haben es nach wie vor viel mit dem Thema Fachkräftemangel zu tun, wie auch die letzte Frühjahrsumfrage gezeigt hat. Gleichzeitig konnten wir dabei aber feststellen, dass trotz Corona über 70 Prozent der Betriebe gesagt haben: Uns geht es gut bis sehr gut. Das spiegelt sich natürlich auch in den Auftragsbeständen unserer Betriebe wider. Vor allem das Bau- und Ausbaugewerbe ist derzeit am Boomen. Handwerker sind Mangelware, was nun leider auch die armen Menschen zu spüren bekommen, die von der Flut betroffen sind.

Die Situation wird durch den Klimawandel und seine Folgen also noch verschärft?

BETTENDORF: Nun, bei allem, was derzeit in Richtung Klimaschutz diskutiert wird, steht ­außer Frage, dass die nächste Bundesregierung da einen Schwerpunkt setzen werden muss. Und wir sind am Ende ja diejenigen, die alles umsetzen müssen. Wir dämmen die Häuser, wir ­montieren die PV-Anlagen, wir setzen die Gebäude und die Autos unter Strom. Ohne das Handwerk ist die Energiewende gar nicht denkbar. Wir hatten diesbezüglich übrigens bereits Anfang des Jahres Kontakt zu Fridays for Future. Weil das für uns eine sehr interessante Zielgruppe ist. Denn wenn man in einem bestimmten Bereich etwas verändern will, dann hilft ja nicht nur reden, sondern dann muss man auch etwas machen.

Wie schwierig ist es, die Mitglieder dieser Bewegung für eine Ausbildung im Handwerk zu begeistern?

BETTENDORF: Es ist in der Tat eine Herausforderung. Wir haben es bei Fridays for Future ja vor allem mit Oberstufenschülern und Studenten zu tun. Die Auszubildenden, die wir hier in unseren Zentren haben, sind in der Regel etwas jünger. Und sie haben – so wie ich das wahrnehme – auch kaum Kontakte zu Fridays for Future. Nichtsdestotrotz ist diese Bewegung für uns eine Zielgruppe. Wollen wir die Wende in Angriff nehmen, brauchen wir Leute. Wenn ich die ganzen Diskussionen im Fernsehen über die dringend notwendigen Investitionen verfolge, frage ich mich immer: Wer soll das denn alles machen? Es reicht nicht, nur den Finger in die offene Wunde zu legen. Wir haben allein im Kammerbezirk Trier derzeit noch rund 500 offene Lehrstellen. Und für die komplexe große Aufgabe der Energiewende, die vor uns steht, benötigen wir noch viel mehr.

Eltern wollen für ihre Kinder in der Regel immer nur das Beste. Und nach Ansicht vieler Eltern ist ein Studium besser als eine Ausbildung. Stimmt das?

BETTENDORF: Ich habe nichts gegen Abitur und Studieren. Aber man sollte es nicht gegeneinander ausspielen. Es ist letztendlich auch nicht jeder dafür geeignet. Ich selbst habe ja auch ­Abitur gemacht, danach zunächst eine Ausbildung absolviert und erst später studiert. Wäre ich damals im Studium gescheitert, hätte ich zumindest eine Ausbildung gehabt, mit der ich dann auch sofort hätte weiterarbeiten können. Meine Ausbildung hatte zwar letztlich nichts mit dem zu tun, was ich jetzt mache, aber es waren definitiv keine verlorenen Jahre.

Wo müsste man ansetzen?

BETTENDORF: Es gibt ja durchaus Länder, wie beispielsweise die Schweiz, die ganz klar sagen: Wer an der Hochschule studieren möchte, braucht zunächst eine Ausbildung. So war das früher bei der Fachhochschule auch in Deutschland. Ich habe bei uns inzwischen aber den ­Eindruck, dass wir es bei den Hochschulen mit einem sehr verschulten System zu tun haben. Bei dem es vor allem darum geht, möglichst schnell einen Abschluss zu haben, um dann möglichst frühzeitig Geld zu verdienen. Vor ­diesem Hintergrund kann man sich durchaus die Frage stellen, ob das, was ein junger Mensch mit Bachelor-Abschluss verdient, auch immer adäquat zu dem an ihn gestellten Anspruch ist. Ein Kaufmann, der in einem Betrieb eine duale Ausbildung macht und danach im Betrieb bleibt, ist für das Unternehmen vielleicht wertvoller als ein Bachelor, der frisch von der Uni kommt und erst einmal eine lange Einarbeitungsphase benötigt. Und die zweite Frage, die sich dabei stellt: Ist der Betrieb bereit, dafür auch mehr zu bezahlen?

Dass man als Akademiker automatisch mehr verdient als ein Handwerker, ist ja auch längst nicht mehr der Fall.

BETTENDORF: Ganz sicher nicht. Wir haben im Handwerk glänzende Perspektiven. Gleichzeitig diktiert der Mangel an Fachkräften auch den Preis. Handwerker, die ihren Meister machen, stehen bereits heute in vielen Fällen nicht schlechter da als Akademiker. Ein ehemaliger Mitarbeiter, der jetzt im Ruhestand ist, hat mal mit Blick auf den Fachkräftemangel gesagt: „Halten Sie sich immer Ihren Handwerker warm und verärgern Sie ihn nicht, indem Sie noch ein zusätzliches Angebot anfordern.“ Ich denke, da ist was dran (lacht). Vielleicht sind wir tatsächlich irgendwann an dem Punkt, dass man ein Chefarztgehalt benötigen wird, um sich einen Handwerker zu leisten.

 Fachkräftemangel, Auftragsboom und Rostoffmangel -— Das Handwerk steht vor Herausforderungen.
Fachkräftemangel, Auftragsboom und Rostoffmangel -— Das Handwerk steht vor Herausforderungen. Foto: Andreas Pacek/Handwerkskammer Trier

Hat man es als Chef der Handwerkskammer einfacher, einen Handwerker zu bekommen?

BETTENDORF: Ich kenne natürlich viele Handwerker, aber ob ich da jetzt schneller drankäme, kann ich nicht sagen. In der momentanen Lage wäre es sicher schwieriger. Ich habe auch schon mit Betriebsinhabern gesprochen, die mir gesagt haben, dass sie gar keine neuen Kunden mehr annehmen und sich stattdessen nur noch um die Aufträge ihrer Stammkundschaft kümmern. Von daher denke ich, dass ich als neuer Kunde genauso betroffen wäre wie jeder andere auch.

Inzwischen müssen Kunden aber nicht nur auf Handwerker warten, sondern auch auf Rohstoffe. Ist da Besserung in Sicht?

BETTENDORF: Der Bau- und Ausbaubereich kämpft nach wie vor mit der Materialknappheit und Preisexplosion, wenngleich sich die Situation in den letzten Wochen wieder entspannt hat – zumindest was die Verfügbarkeit betrifft. Bei Konstruktionsvollholz aus Fichte oder Tanne sind die Preise zeitweise von 400 auf 1200 Euro gestiegen. Die meisten Materialien sind inzwischen wieder erhältlich, zum Teil aber zu horrenden Preisen. Und das gilt nicht nur für Holz, sondern für alles, was man braucht, um ein Haus zu bauen oder zu renovieren und vieles mehr. Die Preise verharren auf hohem Niveau. Wir raten deshalb unseren Mitgliedsbetrieben zu Preisgleitklauseln in den Verträgen, damit das Risiko fair verteilt wird.

Und zur Rohstoffknappheit kommt dann auch noch das Hochwasser. Wie gehen die davon betroffenen Betriebe damit um?

BETTENDORF: Wir haben rund 200 Betriebe, die stark bis sehr stark betroffen sind. Jeder zehnte davon hat mit einem Totalschaden zu kämpfen, während in etwa nur jeder zweite elementarversichert war. Insgesamt liegt der von uns ermittelte Schaden bei rund 80 Millionen Euro. Die meisten Betriebe machen inzwischen wieder weiter, doch gibt es auch viele, die sich mit dem Gedanken tragen, ihr Unternehmen aufzugeben. In einigen Fällen liegt die Betriebsaufgabe auch aus Altersgründen nahe, besonders wenn kein Nachfolger in Sicht ist. Wir setzen alles daran möglichst viele Betriebe, Arbeits- und Ausbildungsplätze zu retten und stehen dazu auch im ständigen Austausch mit der Politik. Die Unternehmen sind darauf angewiesen, dass die Hilfen hoch genug sind, damit sich eine Fortsetzung des Betriebs lohnt.

Wie sehen Sie angesichts all dieser Umstände die Zukunft des Handwerks, vor allem hier in der Region?

Bettendorf: Wir geben die Hoffnung ja nicht auf. Und in einigen Bereichen ist diese ja durchaus auch berechtigt. Wir haben zum Beispiel in den Bauberufen steigende und zum Teil auch sehr stark steigende Zahlen. Wir platzen mit unserem Bauzentrum in Kenn derzeit aus allen Nähten, haben zwischenzeitlich sogar wieder einen Bereich nach Trier verlagert. Wir hoffen, dass das auch irgendwann auf die anderen Bereiche überspringt und dass die Gesellschaft beziehungsweise die Eltern die Einsicht gewinnen, dass ein Studium allein auch nicht der Heilsbringer ist. Eine handwerkliche Ausbildung ist schließlich auch keine Abwertung, sondern vielmehr die Folge der Erkenntnis, dass die Fähigkeiten eher im Praktischen und im Kreativen liegen.

Trotzdem spielt das Elternhaus eine entscheidende Rolle. Und immer mehr Eltern sind inzwischen selbst Akademiker. Wird es dadurch nicht noch schwieriger, die nächste Generation für eine Ausbildung im Handwerk zu gewinnen?

Bettendorf: Natürlich haben die Eltern einen maßgeblichen Einfluss auf die Berufswahl ihrer Kinder. Und nicht zu verachten ist auch der Einfluss der Lehrer. Wir versuchen, das mit Hilfe unserer seit 2010 laufenden Image-Kampagne aufzubrechen. Indem wir auch Karrierewege im Handwerk aufzeigen – als attraktive Alternative zu einer akademischen Ausbildung. Und ich glaube, das gelingt uns immer mehr. Allein der Umstand, dass das Handwerk völlig unbeschadet aus der Wirtschaftskrise und auch relativ unbeschadet aus der Corona-Krise gekommen ist, hat in der Öffentlichkeit eine gewisse Wirkung hinterlassen. Das Handwerk bietet sichere Arbeitsplätze. Und je größer der Fachkräftemangel ist, desto sicherer werden die Arbeitsplätze.

Glauben Sie, dass das durch Krisen wie die Pandemie oder aber das Hochwasser auch stärker ins Bewusstsein der Bevölkerung rückt?

Bettendorf: Durchaus. Wir haben bei der Katastrophe ja gesehen, was es bedeutet, wenn das, was für uns elementar und selbstverständlich ist, plötzlich wegfällt. Wenn Grundbedürfnisse wie Strom und Heizung nicht mehr da sind. Beeindruckend ist in diesem Zusammenhang die Hilfebereitschaft der Bevölkerung, aber auch die der Handwerksbetriebe. Wenn ich sehe, wie viele Unternehmen uneigennützig und zum Teil auch auf eigenen Kosten in den betroffenen Hochwassergebieten im Einsatz waren, bekomme ich Gänsehaut. Und ich bin auch beeindruckt von der Jugend, die in den Katas­trophengebieten geholfen hat. Es ist keineswegs so, wie immer behauptet wird: Die Generation Z, die nichts kann und nichts macht. Wer das sagt, hätte nach der Flut mal an den betroffenen Orten sehen sollen, wer dort schaufelt. Das waren vor allem junge Menschen, die aus der ganzen Republik gekommen sind. Von daher mache ich mir auch um die Jugend keine Sorge.

Nur ist diese für das Handwerk verloren, wenn sie nach der Schule studiert. Müsste sich vielleicht auch die Politik mehr für das Handwerk einsetzen?

Bettendorf: Wir sprechen ja immer von der Gleichwertigkeit der akademischen und beruflichen Bildung. Und da hat sich in der Vergangenheit auch schon einiges verbessert. Aber es kann nicht sein, dass die Studiengebühren abgeschafft werden, Studenten je nach Fach bis zu sechs oder sieben Jahre studieren und das dann von der Allgemeinheit gezahlt wird. Während derjenige, der den Meister macht, das aus eigener Tasche finanzieren muss. Fairerweise muss man sagen, dass das Land da inzwischen mit einem Meister-Bonus und dem Bafög für den Meister gut nachgesteuert hat. Es ist aber noch nicht in allen Handwerksberufen kostendeckend. Es darf keinen Unterschied machen, ob jemand Medizin studiert oder aber den Meister macht.

Aber stehen nicht auch die Handwerksbetriebe mit ihren vollen Auftragsbüchern ein Stück weit in der Pflicht?