"Ich bin Banker - aber wie lange noch?!"

"Ich bin Banker - aber wie lange noch?!"

"Haben wir morgen noch einen Job", fragen sich derzeit viele Bankangestellte in Luxemburg. Mehrere Institute haben Entlassungen angekündigt; weitere werden folgen, sagen Experten voraus. Und die Zahl der Banken wird weiter zurückgehen.

Luxemburg. Wenn Rainer Schmitt 20 Jahre zurückblickt, gerät der studierte Wirtschaftswissenschaftler ins Schwärmen. "Damals", sagt der heute 48-jährige Schmitt (alle Namen geändert), "war hier in Luxemburg alles ganz einfach: Ging es einer Bank schlecht oder wurde sie übernommen, bist du einfach zu einer anderen gegangen." Das einzige Problem habe darin bestanden, sich für eine Bank zu entscheiden. So groß war das Angebot.
Wer als altgedienter Banker auf dem luxemburgischen Kirchberg heute seinen jüngeren Kollegen von den guten alten Zeiten erzählt, wird wohl mit großen Augen angeschaut. Denn die rosigen Bankerzeiten sind im Großherzogtum vorbei. Viele Banken bauen Personal ab oder machen den Laden gleich ganz dicht, wie dies zuletzt die deutsche Filiale der englischen Großbank HSBC Trink aus angekündigt hat. Die Bank richte sich strategisch neu aus, hieß es zur Begründung. Über 200 Arbeitsplätze sind von der Neuausrichtung betroffen.
Schließungen, Zusammenschlüsse oder Umstrukturierungen sind in den Bankenvierteln Luxemburgs längst Alltag. "Der Konzentrations- und Schrumpfungsprozess der letzten Jahre setzt sich weiter fort", heißt es im unlängst veröffentlichten Jahresbericht der luxemburgischen Bankenvereinigung ABBL.Vorurteile wachsen


"Seit Beginn der Bankenkrise werden bei uns dauernd Leute entlassen", sagt ein anderer Banker, der seit vielen Jahren auf dem Kirchberg arbeitet. Zusätzlich hätten etliche Institute "alle Register gezogen, die sich bieten, um die Mitarbeiterzahl zu senken". Da seien etwa ganze Abteilungen ausgegliedert worden, befristete Verträge nicht verlängert oder freie Stellen mit Praktikanten oder Trainees besetzt worden. "Und viele Banker, die noch einen Job haben, fragen sich: Wie lange wohl noch", sagt Andreas Mayer, der seit über zwei Jahrzehnten bei einer Bank in Luxemburg arbeitet. "Vor allem Kollegen, die gerade eine Familie gegründet und auf deutscher Seite ein Haus gebaut haben, bangen um ihre Zukunft", sagt der 51-Jährige.
Dabei müssen derzeit offenbar vor allem die geringer Qualifizierten Angst um ihren Job haben. "Wer gut ausgebildet und flexibel ist, findet schon eine neue Stelle", sagt Rainer Schmitt. "Wenn nicht in Luxemburg, dann eben in Frankfurt, London oder anderswo." Die kuriose Situation: Weil in den Boomjahren Anfang der 90er viele Einheimische ohne entsprechende Qualifikation bei den Banken angefangen hätten, haben die Betroffenen laut Schmitt jetzt Probleme: "Deswegen ist hier schon manchmal das Vorurteil zu hören, dass die deutschen Banken zuerst die Luxemburger rausschmeißen, bevor sie einen Deutschen entlassen."
Einig sind sich die Betroffenen darin, dass das Ende der Fahnenstange noch nicht erreicht ist. Und dass dann die Auswirkungen der Bankenkrise in Luxemburg auch auf deutscher Seite wesentlich stärker zu spüren sein werden. "Dass die Arbeitslosenquote bei uns so gering und der Wohlstand so hoch ist, kommt doch nicht von ungefähr", sagt Schmitt und fügt hinzu: "Das haben wir der Nähe zu Luxemburg und den guten Verdienstmöglichkeiten dort zu verdanken." Fielen die weg, fehlten auch in der Region Trier die Einnahmen.Extra

Die Luxemburger Regierung hat entschieden, ab 2015 das Bankgeheimnis komplett aufzuheben und den automatischen Informationstausch einzuführen. Dies ist der letzte Schritt bei der Aufgabe des Bankgeheimnisses für Ausländer, denn den Informationsaustausch auf Anfrage gibt es bereits seit 2009. Die Infos, die zwischen den EU-Ländern mitgeteilt werden, betreffen dabei ausnahmslos die jeweiligen Steuerbehörden, heißt, auch künftig kann keiner in den Konten des Nachbarn schnüffeln. Ab 2015 gibt Luxemburg dann automatisch an, welcher Ausländer wie viele Zinserträge auf seine Kapitalanlagen hat. sasExtra

Ende März 2013 gibt es in Luxemburg 141 Banken - zwei weniger als im Jahr zuvor. Von der Herkunft her hat sich die Struktur verändert. Es sind nur noch 37 deutsche Banken, 32 weniger als im Jahr 2000. Es folgen luxemburgisch-belgische Institute, Banken aus Frankreich und der Schweiz. Vor allem hat die Zahl nicht-europäischer Banken etwa aus China zugenommen. Die Banken verweisen im vergangenen Jahr auf eine Bilanzsumme von 762 Milliarden Euro, vier Prozentpunkte weniger als 2011. Die Beschäftigtenzahl im Bankensektor liegt bei 26 400; anderthalb Jahre zuvor waren es noch 700 Beschäftigte mehr. Eindrucksvoll zeigt sich die Situation am Ergebnis: So liegt das durchschnittliche Bankenergebnis 2012 nur noch bei 39 Prozent des Wertes aus dem Boomjahr 2007. Neben dem Privatkundengeschäft ist die Fondsindustrie in Luxemburg immer wichtiger geworden, auch was das ethische Grundgefühl angeht - zumal dieser Sektor ohne "Bankgeheimnisse" auskommt. Die Zahl der Fonds hat sich mit 3841 im Vorjahresvergleich erhöht, das verwaltete Vermögen ist dabei um rund 14 Prozent auf 2,4 Billionen Euro gestiegen. Die Zahl der Fondsverwaltungen blieb mit 180 annähernd gleich, die Zahl der Beschäftigten ist um fast zehn Prozent auf nun 2763 im Vergleich zu 2011 gestiegen. Der Finanzplatz Luxemburg gilt heute als bedeutendster Standort für Mikrofinanz-Fonds in Europa, also zur Finanzierung von Kleinkrediten für Gewerbetreibende vor allem in Schwellenländern. Dies zeigt auch, dass sich die Finanzbranche wandelt - hin zu einem Markt für sozial verantwortliche und ethische Geldanlagen: Laut der Beratungsfirma KPMG wird in Luxemburg ein Viertel aller weltweit aufgelegten Nachhaltigkeitsfonds verwaltet. Und noch einen Wandel gibt es in Luxemburg: Die Kunden, die im Ländchen ihr Vermögen anlegen, werden immer reicher. Im "Wealth Management" (Reichtumsverwaltung) hatten Ende 2011 schon 57 Prozent der Privatkunden ein Vermögen von mehr als fünf Millionen Euro. Drei Jahre zuvor lag dieser Anteil noch bei 43 Prozent. sas

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