1. Region
  2. Wirtschaft

Illegal, aber lecker: In der Region leben immer mehr Menschen von Abfällen

Illegal, aber lecker: In der Region leben immer mehr Menschen von Abfällen

Fernab der Supermarktregale lagern unzählige Lebensmittel, die aussortiert werden, obwohl sie noch genießbar sind. Der Trierer Jonas Stoll (Name geändert) ist einer von vielen Studenten, die diesen Müll nach Ladenschluss aus den Tonnen der Supermärkte holen - und selbst verzehren.

Trier. Weit lehnt sich Jonas Stoll in die Mülltonne, seine linke Hand umgreift die kleine Taschenlampe und den Rand der Tonne, mit der rechten Hand wühlt er im Abfall. Die Plastiktonne hinter einem größeren Supermarkt in Trier umgibt ein angenehmer Geruch, der an Wochenmarkt oder Gewächshaus erinnert. Stoll richtet sich auf und präsentiert drei eingeschweißte Paprika, makellos, ohne jegliche Druckstellen.

Auf dem Boden neben sich hat er bereits zwei Bünde Radieschen in einer Plastiktüte gesammelt, einige Blätter sind etwas welk, die Knollen aber knackig und dunkelrot. An diesem Abend findet er weit mehr, als er brauchen kann - wenn er wollte, könnte er mehrere Taschen mit verzehrbaren Lebensmitteln füllen. Für den Supermarkt sind sie Müll.Verschwendung de luxe


Läden und Supermärkte sortieren Lebensmittel beispielsweise aus, wenn diese das Mindesthaltbarkeits-Datum überschritten haben. Dieses Datum wird allerdings recht willkürlich von den Herstellern festgelegt und bedeutet nicht, dass das Lebensmittel hinterher nicht mehr genießbar ist. Aber auch Früchte mit Druck- oder Gammelstellen landen auf dem Müll, genauso wie Lebensmittel, die aus Platzgründen einem neuen Sortiment weichen müssen.

Finanziell wäre es für Stoll kein Problem, bis zum nächsten Morgen zu warten und das gleiche Gemüse im selben Supermarkt gegen Bezahlung zu holen. Das allerdings wäre reine Verschwendung, sagt er. "Warum das, was mühsam angebaut, produziert und transportiert wurde, auf den Müll werfen, obwohl es noch gut ist?", fragt er. Deswegen hat er sich einer kleinen Bewegung von größtenteils Studenten angeschlossen, die nachts alleine oder in der Gruppe "containern" gehen und so genießbare Lebensmittel vor dem Müll bewahren. In Trier dürfte ihre Zahl einige Dutzend bis mehrere Hundert betragen, das zumindest schätzen die Containerer. Verlässlich sind diese Zahlen allerdings nicht, weil es sich um keine eng vernetzte Szene handelt - viele kleine Gruppen ziehen auf eigene Faust los.

Juristisch gesehen ist das Diebstahl, deshalb taucht Jonas Stoll in diesem Artikel nicht unter seinem richtigen Namen auf. Der Inhalt der Container ist Eigentum der Supermärkte. Oft lässt die Staatsanwaltschaft die Anklage aber wegen Mangels an öffentlichem Interesse fallen. Sind die Container eingezäunt, handelt es sich zusätzlich um Hausfriedensbruch; dann kann der Supermarkt entscheiden, ob er Anklage erheben will.

"Mit dem, was man hinter einem Supermarkt an nur einem Tag entdeckt, könnte man manchmal eine große Familie eine Woche lang ernähren", sagt Stoll in Zimmerlautstärke. Den ganzen Abend über flüstert er kein einziges Mal. "Verhalte dich auffällig, das ist am unauffälligsten", rät er. Nur als ein Polizeiauto in etwa 20 Meter Entfernung vorbeifährt, wird er etwas nervös und packt die Taschen zusammen. Die Polizisten haben offensichtlich nichts bemerkt. Moralisch fühle er sich im Recht, sagt der 22-Jährige auf dem Weg zum nächsten Supermarkt. Eine Strafe fürchtet er nicht - die würde den Supermärkten bloß Kritik einbringen.

Stoll, ein dunkelhaariger Student mit braunen Augen, macht einen aufgeschlossenen Eindruck. Wortgewandt erzählt er von seinen Absichten und sieht seinem Gegenüber beim Gespräch fest in die Augen. Auf seiner Tour trägt er einen dunkelblauen Kapuzenpulli und bequeme Jeans. Er versucht, so zu leben, dass andere Menschen und die Umwelt möglichst wenig unter seinem Konsum leiden: Fairtrade-Klamotten, veganes Essen, Müll vermeiden. Neben Idealismus treiben ihn aber auch die Abenteuerlust und die Möglichkeit, Geld zu sparen, zum Containern, das streitet er nicht ab. Damit Lebensmittel erst gar nicht auf dem Müll landen, engagiert er sich im Verein Foodsharing in Trier, der in Kooperation mit einigen Supermärkten deren aussortierte Waren übernimmt und weitergibt.

Doch nicht alle Supermärkte willigen in eine Zusammenarbeit ein. Viele lassen ihre aussortierten Lebensmittel von Firmen wie ReFood abholen, die aus ihnen Strom und Wärme produzieren.
Auf Anfrage verweisen die Supermarktketten auf zahlreiche Programme, die dazu führen sollen, dass möglichst wenig auf dem Müll landet: Aldi bezeichnet sich etwa als "Schnelldreher", also als Geschäft, in dem die Lebensmittel nur kurz gelagert und schnell gekauft werden. Dadurch verderben angeblich weniger Lebensmittel im Laden. Rewe verweist auf seine partielle Zusammenarbeit mit den Tafeln, genauso wie Edeka. In den Filialen gibt man sich oft ahnungslos: Mitarbeiter und Leiter gehen davon aus, dass bei ihnen nicht containert wird, weil sie ihren Müll "nicht öffentlich zugänglich" aufbewahren.

Trotz dieser Programme landen nach wie vor unzählige Lebensmittel auf dem Müll; oft eingeschweißt, frisch und vor Ablauf des Mindesthaltbarkeits-Datums. 750 000 Tonnen Lebensmittel wirft der deutsche Handel im Jahr weg. So beeindruckend diese Menge erscheinen mag, so verschwindend klein ist sie gegen den Lebensmittel-Müll, den private Haushalte produzieren: 5,8 Millionen Tonnen landen hier jährlich im Müll. Das sind etwa 81,6 Kilo pro Einwohner im Jahr, rechnet eine Studie der Universität Stuttgart aus dem Jahr 2012 vor.

Das Gefühl für das richtige Maß musste auch Stoll erst finden: Anfangs war er überwältigt von der schieren Menge an Lebensmitteln, die er gefunden hat, so dass er zu viel mit nach Hause nahm und einiges wieder wegwerfen musste. Inzwischen weiß er sich zu zügeln - von dem, was er an diesem Abend an brauchbaren Lebensmitteln gefunden hat, nimmt er etwa ein Zehntel mit. Weggeworfen wird bei ihm fast nichts mehr.Extra

Das Containern ist weit verbreitet: In vielen Ländern gibt es Menschen, die genießbare Lebensmittel aus Müllcontainern holen. Viele, vorwiegend Jüngere, wollen so die "Wegwerfgesellschaft" anprangern oder die Verschwendung von Ressourcen verhindern - die Ernährungs- und Landwirtschaftsorganisation der Vereinten Nationen schätzt, dass weltweit ein Drittel aller Lebensmittel auf dem Müll landet. Doch es gibt auch zahlreiche Menschen, die aus wirtschaftlicher Not containern. Verlässliche Statistiken über die Containerer gibt es freilich nicht - in vielen Ländern, auch in Deutschland, ist die Praxis gesetzlich verboten. bel