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Jeder Jugendliche soll eine Chance haben

Jeder Jugendliche soll eine Chance haben

Nachwuchs gesucht! Die regionale Wirtschaft wird es in diesem Jahr schwerhaben, genügend Jugendliche für ihre Lehrstellen zu finden. Logisch, dass der Tag der Ausbildung in der Region Trier ganz im Zeichen der Nachwuchsgewinnung stand.

Trier. Die Situation auf dem Ausbildungsmarkt hat sich in den vergangenen Jahren stark verändert. Noch vor wenigen Jahren standen weniger Ausbildungsplätze als Bewerber zur Verfügung. Dies hat sich zugunsten der Jugendlichen gedreht. Ausbildung jetzt!

Seit Oktober wurden der Arbeitsagentur Trier 3261 Lehrstellen gemeldet, 460 mehr als ein Jahr zuvor. Bei den Bewerbern gab es gerade einmal einen Anstieg um fünf Bewerber - auf nun 2436. Die Schere in der Region Trier geht also nicht nur wegen der zurückgehenden Schülerzahl weiter auseinander, sondern auch, weil die Wirtschaft mehr qualifizierte Fachkräfte sucht.Betrieb ausgezeichnet

"Wir müssen versuchen, dass auch die Jugendlichen, die keinen Hauptschulabschluss schaffen oder sich mit schlechten Noten bewerben, für den Arbeitsmarkt fit werden", gibt der Chef der Agentur für Arbeit Trier, Wolfram Leibe, eine Losung aus. Im Schnitt sind das etwa 300 Jugendliche im Jahr. Doch dafür benötige man auch Betriebe, die jungen Leuten eine Chance geben. Am Tag der Ausbildung hatte sich Leibe deshalb mit dem Trie-rer Wirtschaftsdezernenten Thomas Egger bei der Firma Metallbau Hase verabredet. Seit einigen Monaten arbeitet dort Julian Schneider aus Bescheid (Landkreis Trier-Saarburg). Der 19-Jährige hat nach seinem Hauptschulabschluss keine Lehrstelle gefunden und ging danach auf die Berufsfachschule 1. "Vor allem wegen Englisch ist mein Schnitt abgefallen", sagt Julian. Damit war ihm der Weg auf die weiterführende Berufsfachschule 2 verbaut, und mit seinem mäßigen Zeugnis fand er erst eine von der Arbeitsagentur geförderte Ausbildungsstelle bei der überbetrieblichen Industrie-Lehrwerkstatt in Trier (ILW). "Nach einem Jahr hat der Lehrlingswart mich bei Hase empfohlen", sagt der junge Mann. "Das ist toll, das hier ist mein Traumjob." Die Ausbildung zum Metallbauer dauert nun dreieinhalb Jahre. Auch Firmenchef Hans Hase ist mit dem Lehrling zufrieden. "Das Zeugnis ist für uns nicht alles", sagt er. Wichtig sei, dass die jungen Leute pünktlich und verantwortungsbewusst seien, aber auch, dass sie offen, kommunikativ und höflich seien. Der mittelständische Betrieb investiert viel Zeit und Geld in die Ausbildung. Jährlich werden rund zehn Azubis eingestellt, und "in der Regel werden die Leute auch übernommen", sagt Hase. Nach der Krise im Jahr 2009 hat sich das Unternehmen sehr schnell erholt und hat heute ordentlich gefüllte Auftragsbücher. "Wir schieben schon einige Überstunden", sagt Hase. Das Unternehmen fertigt etwa Maschinengehäuse, Theken, Schaltschränke oder Einsatzteile für die Getränke- und Verpackungungsindustrie. Als zweites, noch kleines Standbein bietet die Firma auch unter dem Label haseform.de Dinge aus Metall an. Vom Bieröffner zum Tisch, vom Garderobenhaken bis hin zum Tablett. Eine Mischung, die in ihrer Vielfalt auch Julian Schneider gefällt. "Die Arbeit hier ist sehr interessant und vielfältig", sagt er. "Julian ist damit sozusagen unser Vorzeige-Lehrling", erklärt Wolfram Leibe. Bei der Diskrepanz zwischen freien Lehrstellen und Bewerbern sei es wichtig, dass möglichst alle Jugendlichen eine Chance erhielten. Die Arbeitsagentur kann hier helfen, damit Defizite ausgeglichen werden - doch gelegentlich müssten dann die Betriebe auch über ihren Schatten springen. Mädchen haben drei Traumjobs

Viele Jugendliche sind indes bei ihrer Berufswahl sehr voreingenommen. "Vor allem die Mädchen konzentrieren sich zu rund 30 Prozent auf drei Berufe und zu fast 60 Prozent auf die Top 10", erklärt Agentur-Sprecher Thomas Mares. Das sind Bürokauffrau, Einzelhandelskauffrau und medizinische Fachangestellte. Auch hier raten die Experten der Agentur den Jugendlichen, sich weiter umzuschauen. Im Bewerbungsgespräch können angehende Azubis punkten, wenn sie die Tipps von Bewerbungsberaterin Sabine Neumaier aus Berlin berücksichtigen. "Ein fester Händedruck und ein Blick in die Augen: Wer das gleich am Anfang richtig macht, hat schon viel gewonnen." Wer eine schlechte Zeugnis-Note rechtfertigen muss, sollte niemals die Schuld auf den Lehrer schieben, empfiehlt Neumaier. Selbst dann nicht, wenn es der Wahrheit entspricht. Besser sei es, Selbstkritik zu üben und zuzugeben: "Ich war faul. Die Note ärgert mich selbst." Oder auch: "Das Fach liegt mir einfach nicht so." Wenn man eine Frage im Gespräch nicht versteht, sei es wichtig, cool zu bleiben, rät Neumaier. "Und sofort nachfragen, was gemeint ist." Wer sofort antwortet, obwohl er unsicher ist, gebe häufig ganz verquere Antworten. Dabei sollte der Bewerber das Lächeln nicht vergessen und dem Gesprächspartner in die Augen schauen. Anziehen sollte man im Zweifel die Garnitur, die der Bewerber auch auf dem Lebenslauffoto anhat. Ansonsten gilt: Leinen-Turnschuhe, Jeans und Kapuzenpullis sind tabu. Bewerber können aber prinzipiell das anziehen, was sie bei der Arbeit regulär tragen würden. Die Antworten auf manche Fragen kann man schon zu Hause üben. Vorbereitet sein sollte man auf Fragen wie "Seit wann kennen Sie unseren Betrieb?", "Was wissen Sie über uns?", "Warum interessiert Sie dieser Beruf?" und "Erzählen Sie etwas über sich!" Besonders die letzte Frage sollte sitzen: Bei dem eigenen Lebenslauf sollte niemand ins Stottern kommen. dpa