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Jugendliche nicht im Stich lassen

Jugendliche nicht im Stich lassen

Nachdem der Entwurf des Bundesbildungsberichtes eine Woche vor der offiziellen Veröffentlichung bekannt wurde, ist eine heftige Diskussion entbrannt: Sind viele deutsche Schulabgänger zu schlecht für eine Lehrstelle? Wie sieht es damit in der Region aus?

"Letztes Jahr sind uns neun von zehn Azubis von der Stange gesprungen", erklärt ein Gastronom dem TV. Während in Berlin und Mainz die Politiker über die "Ausbildungsreife" der Jugendlichen debattieren, ist das Problem in der Wirtschaft schon lange aufgeschlagen - auch in der Region Trier. "Gute Ausbildungskräfte für die Gastronomie findet man heute kaum noch", schwingt Frust bei dem Gastronom mit.

Insgesamt liest sich die Ausbildungsbilanz in der Region dennoch recht gut. Im vergangenen Jahr haben sich 3346 Jugendliche bei der Arbeitsagentur in Trier für einen Ausbildungsplatz gemeldet, dem standen rund 3700 gemeldete, freie Lehrstellen entgegen. "Am 30. September waren noch 129 Schüler unversorgt. Aktuell sind von diesen Jugendlichen noch 59 unversorgt", sagt Thomas Mares, Pressesprecher der Agentur für Arbeit in Trier.

Keine schlechte Bilanz, doch auch diese Medaille hat eine zweite Seite. "In vielen Bereichen haben unsere Betriebe Probleme, geeignete Jugendliche für die Ausbildung zu finden", sagt etwa der zuständige Geschäftsführer bei der Handwerkskammer Trier, Günther Behr. Auch eine aktuelle Umfrage der Industrie- und Handelskammer Trier (IHK) belegt, dass viele Betriebe mit der Qualität der Schulabgänger unzufrieden sind. 87 Prozent kritisieren in der Umfrage "eine mangelnde Ausbildungsreife der Schulabgänger". Wie äußert sich das?

"Wir haben in diesem Jahr drei Lehrstellen zu vergeben. Doch geeignete Bewerber haben wir nicht gefunden", sagt der Gastronom. "Die Jugendlichen konnten sich nicht entsprechend ausdrücken oder nicht rechnen." Vom Zentralverband des Deutschen Handwerks (ZDH) gab es jüngst sogar eine weitaus deutlichere Ansage. "Schon im vergangenen Jahr konnten wir fast 10 000 Ausbildungsplätze nicht besetzen", sagte der ZDH-Hauptgeschäftsführer Holger Schwannecke. Der Verband zähle jährlich rund 100 000 Jugendliche, die nicht ausbildungsreif wären. "Wir müssen aufpassen, dass Hartz IV nicht zum Lebensschicksal junger Menschen wird", warnt Schwannecke weiter.

In der Region Trier versucht die Arbeitsagentur, gezielt mit Maßnahmen hier voranzugehen. Derzeit werden rund 270 Jugendliche in sogenannten berufsvorbereitenden Bildungsmaßnahmen fit für den Job gemacht. "Zudem sind aktuell in der Region 188 junge Menschen in einer Einstiegsqualifizierung", erklärt Mares. Die Wirtschaft leidet zum Teil stark unter der Situation. "Unser Ziel muss es sein, dass wir keinen Jugendlichen im Stich lassen", fordert Behr. HWK, IHK und Arbeitsagentur versuchen mit dem TV in der Aktion "Ausbildung jetzt!", Jugendlichen schon während der Schulphase bei der Berufsorientierung behilflich zu sein. "Es sind verlorene Jahre, wenn die Berufsvorbereitung erst nach der Schule beginnt", sagt Behr. Dies sieht die Wirtschaft auch: "Bei uns sind Lehrlinge auch abgesprungen, weil ihnen die Arbeitszeiten nicht gefallen haben. Das sollten Jugendliche, die sich für eine solche Ausbildung entscheiden, doch vorher wissen", so die Kritik aus der Gastro-Branche.

Meinung

Das Recht der Jugend

Früher war alles besser! Wer ertappt sich gelegentlich nicht bei dem Versuch, die Vergangenheit zu glorifizieren. Wenn es um die eigene Geschichte geht, neigt der Mensch leicht dazu, etwa seine sportlichen oder beruflichen Meriten vielleicht bedeutender auszuschmücken wie sie die Umwelt wahrgenommen hat. Doch Vorsicht: Früher waren die Schüler besser! - mit dieser Ausrede darf die Gesellschaft keineswegs auf die bildungspolitische Misere reagieren. Richtig ist vielmehr, dass die Jugendlichen von heute anders sind als frühere Generationen. Wichtig ist, dass Wirtschaft und Schule früher und besser zueinander finden. Die Ansprüche in den meisten Ausbildungsberufen sind in den vergangenen Jahren erheblich gestiegen. In Deutschland können wir uns es nicht leisten, dass der Nachwuchs keine Ausbildung erhält. Wirtschaft, Gesellschaft und Politik sind gefragt: mit Engagement, als Vorbild und mit Geld. h.waschbuesch@volskfreund.de