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Klein, stark, familienfreundlich

Klein, stark, familienfreundlich

TRIER/WIESBAUM. Familienfreundliche Arbeitsbedingungen schaffen – das können nur große Betriebe, glaubt man. Dass das auch anders sein kann und in Zukunft für viele Unternehmen sein muss, zeigt ein Projekt in der Region.

Kinder und Küche - so lautete jahrzehntelang die Bestimmung für viele Frauen. Seit das vermeintlich schwache Geschlecht gleich gut ausgebildet ist wie die Männerwelt und auch seinen Platz in der Berufswelt ergattert hat, sind Frauen ein selbstverständliches und zunehmend unverzichtbares Kapital für viele Betriebe geworden. Gerade in kleinen Betrieben und Firmen auf dem Land ist es schwierig, gut ausgebildetes und zuverlässiges Personal zu finden und zu halten. Familienfreundlichkeit wird damit zunehmend zum Standortvorteil. Wie in dem Kunstschmiedebetrieb Apel in Trier-Kernscheid, einem Modellbetrieb im Projekt der Trierer Wirtschaftskammern "Vereinbarkeit von Familie und Beruf" und der Landes-Initiative "Viva Familia".Standortvorteil und Motivationshilfe

Das Sechs-Mitarbeiter-Unternehmen hat sich Anfang des Jahres für das Audit "Beruf und Familie" der Hertie-Stiftung angemeldet, um als Arbeitgeber im Handwerk mit einem weiteren Pfund wuchern zu können. Gleitzeit, familienbedingte Teilzeit, Notfallregelung, Sonderurlaub, Fahrgemeinschaften und Hilfe bei der Wohnungssuche: "Das ist für mich eine Selbstverständlichkeit", sagt der Chef Matthias Apel. Als er vor vier Jahren den Betrieb von seinem Vater übernahm, war ihm eines besonders wichtig: "Die Zahlen müssen betriebswirtschaftlich stimmen, aber ich kann nicht nur fordern und den Daumen auf meine Mitarbeiter halten", sagt er. Der Beschäftigte müsse sich auch wohlfühlen. Das kommt Alexandra Kuchenbrandt entgegen. Denn die zweifache allein erziehende Mutter ist auf flexible Arbeitszeiten und einen verständnisvollen Chef angewiesen. "Ich brauche eine individuelle Lösung - auch im Notfall", sagt sie, die laut Rahmenvertrag über täglich 2,5 Stunden im Büro arbeitet. Bis der Betrieb das komplette Audit in drei Jahren bekommt, müssen und wollen Chef und Angestellte noch an sich arbeiten: Regelmäßige Mitarbeitergespräche, ein gemeinsames Mittagessen pro Woche und eine Notfallkinderbetreuung - auch mit anderen Betrieben - will man einrichten. "Ein ideales Instrument, denn das Audit ist für Betriebe unter 25 Mitarbeiter kostenlos", sagt Projektleiterin Petra Walden. "Studien belegen, dass Unternehmen künftig mehr in Familienfreundlichkeit investieren müssen. Denn für sie wird es schwieriger sein, Mitarbeiter zu halten, weil sie sich künftig weniger stark über den Beruf definieren." Bis Mitte 2007 will Petra Walden eine Plattform für kleine und ländliche Betriebe schaffen, Beratungsangebote bündeln und Hilfe für Beschäftigte und Chefs anbieten. "Wer familienbewusste Personalpolitik betreibt, verbessert die Motivation, die Arbeitszufriedenheit und senkt Fluktuations- und Krankheitsquoten." Dass das nicht nur Wunsch, sondern auch Wirklichkeit ist, zeigt das Unternehmen WKV Direktvertriebsservice aus Wiesbaum (Kreis Daun). Jährlich 100 000 Euro lässt es sich der Betrieb kosten, Kinder der rund 50 Beschäftigten kostenlos in der eigenen Kindertagsstätte zu versorgen - einmalig in Rheinland-Pfalz. "Klar, das ist ein Imagefaktor für uns", sagt Jessica Wolf, Assistentin der Geschäftsleitung von WKV. Doch seien gerade Frauen, junge Mütter und allein Erziehende die Zielklientel, um fähige Mitarbeiter für den Call-Center zum Vertrieb von Buch- und Bildungsmedien auch in der Eifel zu bekommen. Für Kinder zwischen einem halben und drei Jahren ist die Tagesstätte von 8 bis 17 Uhr geöffnet, ältere Kinder werden mit einem kostenlosen Fahrservice von ihrem Kindergarten oder der Grundschule im Umkreis abgeholt und bei WKV von zwei Erzieherinnen bei den Hausaufgaben oder beim Spielen betreut. "Der Kindergarten befindet sich im Innenhof, sodass ihn die Mitarbeiter jederzeit im Blick haben - ein Plus für die Motivation", sagt Wolf. Doch nicht nur das. Auch Nicht-Mitarbeiterinnen können ihre Kinder bei WKV abgeben. Voraussetzung: Die Mutter muss wieder in ihren Beruf zurückgehen. Und auch an den Standorten Trier und Koblenz denkt das Unternehmen über ein solches Modell nach. "Jeder Unternehmensberater würde die Hände über dem Kopf zusammenschlagen. Aber wir wissen: Mitarbeiter, die zufrieden sind, arbeiten anders", sagt Jessica Wolf. Ein Alleinstellungs-Merkmal, das den Betrieb nicht zwangsläufig als uneigennützig ausweist. Denn laut der Universität Münster und dem Forschungsinstitut Prognos könnten mittelständische Unternehmen durch Familienfreundlichkeit mehrere 100 000 Euro sparen. Tendenz steigend bei zunehmendem Engagement.