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Kommt Stuttgart 21 in Wellen unter die Erde?

Firmenübernahme an der Mosel: Die Porr AG will in das Betriebsgelände der Trierer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke investieren. TV-Foto: Portaflug
Firmenübernahme an der Mosel: Die Porr AG will in das Betriebsgelände der Trierer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke investieren. TV-Foto: Portaflug
Wellen. Die Zukunft der Trierer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke in Wellen an der Obermosel ist gesichert. Die österreichische Porr AG kauft die Bergbaufirma und kündigt weitere Investitionen in den Betrieb an. Christian Kremer

Wellen. Bergbau hat Tradition in Wellen an der Obermosel. Diese Tradition will nun die Porr AG, ein österreichisches Großunternehmen (siehe Extra), weiterführen. Die Porr-Gruppe kauft die Trierer Kalk-, Dolomit- und Zementwerke (TKDZ). Das habe der Aufsichtsrat des Unternehmens bei seiner Sitzung am vergangenen Freitag beschlossen, teilte das Unternehmen dem Volksfreund mit. Diese Entscheidung beendet ein monatelanges von Insolvenzgerüchten begleitetes Rätselraten um die Zukunft der TKDZ (der TV berichtete).
Aushub mit Schiff nach Wellen


Um die Stabilität des Berges zu erhalten, sei vorgesehen, die beim Abbau des Dolomit-Gesteins entstandenen Hohlräume aufzufüllen. "Unter anderem könnte die Porr dazu Gestein aus den Bauarbeiten rund um das Projekt Stuttgart 21 verwenden", teilte der Konzern mit. Ob überhaupt und in welchem Umfang Material aus Stuttgart kommt, sei aber noch offen. Fest stehe allerdings, dass es im Fall der Fälle mit dem Schiff transportiert werden soll.
Der Hintergrund: Im Sommer hat der Konzern im Zusammenhang mit dem umstrittenen Bahnhofsprojekt Stuttgart 21 einen Großauftrag der Deutschen Bahn mit einem Volumen von 720 Millionen Euro ergattert. Die Porr-Gruppe soll zwei Tunnel bauen, die zu dem unterirdischen Bahnhof führen. Das Material, das dort abgebaut und eventuell in die riesigen Stollen an der Obermosel eingelagert wird, sei vollkommen ungefährlich, sagt eine Unternehmenssprecherin auf Anfrage. Vor der Einlagerung werde es teilweise vorbehandelt.
Für die Beschäftigten der TKDZ ist der Einstieg von Porr eine gute Nachricht. Denn die Österreicher kündigen an, den Abbau von Dolomit-Gestein, das in der Betonindustrie und im Straßenbau gebraucht wird, von derzeit rund 600 000 Tonnen auf 800 000 Tonnen pro Jahr zu steigern. "Damit ist der Fortbestand des Unternehmens, das in letzter Zeit in wirtschaftliche Schwierigkeiten geriet, gesichert", sagte eine Porr-Sprecherin.
Die TKDZ-Belegschaft werde übernommen. Es sollen auch neue Arbeitsplätze geschaffen werden - in welchem Ausmaß, lasse sich noch nicht abschätzen. Als Sofortmaßnahme erhielten die Mitarbeiter noch vor Weihnachten ausstehende Lohnzahlungen.
Wellener Bürger skeptisch


Zudem seien Investitionen geplant. Das Werk solle optisch auf Vordermann gebracht werden, auch Zufahrtsstraßen und Infrastruktur würden saniert, verspricht das Wiener Unternehmen.
Vor Ort hat sich Porr Ende November bei einer nichtöffentlichen Gemeinderatssitzung vorgestellt (der TV berichtete). Die Wellener nehmen die Nachricht skeptisch auf. In der Vergangenheit kritisierten viele Bürger in der Gemeinde, dass die bisherige TKDZ-Führung ihre Stollen nutzen wollte, um dort Abfälle einzulagern - unter anderem Reste aus der Glasindustrie, Bauschutt oder auch Klärschlämme.
Der Gemeinderat hat gegen diese Pläne eine Klage vor dem Trierer Landgericht angestrengt, über die noch nicht entschieden ist. Außerdem gründete sich eine Bürgerinitiative, aus der der Verein "Sauberes Wellen" wurde. Der Verein befürchtet, dass geplant ist, belasteten Abfall in dem Stollen unter Wellen einzulagern. Nur so rentierte sich die Mülleinlagerung, erklärte der Vereinsvorstand in einem Rundbrief.
Beim Land Rheinland-Pfalz ist das Landesamt für Bergbau und Geologie zuständig. Dort reagierte Amtsleiter Harald Ehses zunächst erleichtert: "Wir sind froh, dass die Hängepartie ein Ende nimmt." Er freue sich, dass Porr hier eine zukunftsorientierte Investition verspreche. Zu den Befürchtungen der Wellener meinte Ehses: "Mit Sicherheit kommt kein Material in den Berg, das eine Gefahr für die Bürger oder die Umwelt in Wellen und Umgebung mit sich bringt." Zunächst müsse sich die Firma Porr jedoch erst einmal bei ihm vorstellen. Ende April laufe der aktuelle Betriebsplan für die TKDZ aus. Dann müsse eine neue Geschäftsgrundlage für die Bergbaufirma erarbeitet werden.
Der aktuelle TKDZ-Geschäftsführer, Winfried Meseke, war gestern für eine TV-Anfrage nicht erreichbar.Extra

Die A. Porr AG ist ein international agierendes börsennotiertes Bauunternehmen mit 10 000 Mitarbeitern. Laut eigenen Aussagen hatte sie im Jahr 2010 eine Produktionsleistung von 2,8 Milliarden Euro. Der Konzernsitz ist in Wien. Es gibt zudem Niederlassungen in zahlreichen europäischen Ländern. Zurzeit expandiert Porr auch im Nahen Osten. Gegründet wurde die Firma 1869 - damals unter dem Namen Allgemeine österreichische Baugesellschaft. Seit der Fusion mit der A. Porr Betonbauunternehmung Gesellschaft mbH im Jahr 1927 ist das Unternehmen nach dem österreichischen Betonbauer Arthur Porr benannt. Der Konzern versteht sich als Gesamtdienstleister für alle Sparten der Bauwirtschaft. Zu der Porr-Gruppe gehören mehrere Subunternehmen in verschiedenen europäischen Staaten und nach Bausparten gegliederte Tochtergesellschaften, unter anderem die Porr-Technobau und Umwelt AG (PTU), die für Tunnel- und Brückenbauprojekte verantwortlich ist. In der Region ist die PTU am Bau des Hochmoselübergangs beteiligt. In einer Firmenbroschüre gibt die PTU zudem an, dass sie Verfahren zur Reinigung hochkontaminierter mineralischer Abfälle entwickelt hat. Nach der Reinigung würden sie wieder zu handelbaren Wirtschaftsgütern. cmk