Krise statt Party zum Geburtstag

Krise statt Party zum Geburtstag

Seit zehn Jahren zahlen wir mit dem Euro. Für die Hälfte der Deutschen ist das kein Grund zum Feiern: Sie wollen die D-Mark zurück. Wissenschaftler und Experten hingegen sagen: Der Euro ist kein Teuro, er ist gut für die Wirtschaft und sichert Arbeitsplätze. Wie kommt es zu diesen gegensätzlichen Meinungen?

Trier. Fragt man Unternehmer in der Region nach ihren Erfahrungen mit dem Euro, fallen die Antworten eindeutig aus: "Der Euro ist für die Wirtschaft absolut unverzichtbar", sagt Gerhard Eder, Werkleiter der Firma Stihl in Weinsheim (Verbandsgemeinde Prüm). Auch Alfred Müller, Geschäftsführer Finanzen und Verwaltung der Bitburger Braugruppe, sagt: "Für uns hat sich die Einführung des Euro vor zehn Jahren vor allem im Exportgeschäft positiv ausgewirkt."
Und Albrecht Ehses, Geschäftsführer International und Tourismus bei der Industrie- und Handelskammer Trier, fasst zusammen: "Als eine der führenden Exportnationen hat Deutschland von der Einführung des Euro noch mehr als seine Partner profitiert."
Ein anderes Bild ergibt sich, wenn man sich in der Trierer Innenstadt umhört: "Es ist auf jeden Fall alles teurer geworden", sagt Melanie Bohn, 27, aus Hermeskeil. Auch Maria Meier, 52, aus Trier findet: "Man hat am Monatsende weniger im Geldbeutel." Und Heinrich Gause, 47, aus Dortmund und gerade zu Besuch in Trier, sagt: "Vor allem Lebensmittel sind teurer geworden."
Die Meinungen zum Euro gehen auch zehn Jahre nach seiner Einführung weit auseinander. Dafür gibt es nach Einschätzung des Trierer Wirtschaftspsychologen Professor Thomas Ellwart zwei Gründe. "Der erste Grund ist: Das, was wir bar bezahlen und oft kaufen, merken wir stärker", sagt der Wissenschaftler. Restaurantbesuche, der Einkauf im Supermarkt, die Schachtel Zigaretten: Viele Güter des täglichen Bedarfs sind in den vergangenen zehn Jahren tatsächlich teurer geworden (siehe Tabelle). Gleichzeitig sanken die Preise für viele andere Produkte wie Computer oder Fernseher. Das fällt fielen weniger oder gar nicht auf, weil diese Gegenstände seltener gekauft werden. "Wenn die Pommes teurer werden, fällt einem das dafür sofort auf", sagt Ellwart.
Insgesamt sind die Verbraucherpreise (siehe Extra) von 2002 bis 2011 jährlich um durchschnittlich 1,6 Prozent gestiegen. Vor dem Euro war der Antstieg stärker: von 1992 bis 2002 waren es 2,2 Prozent jährlich, in der gesamten D-Mark-Zeit von Mitte 1948 bis Ende 2001 sogar 2,6 Prozent.
Der zweite Grund, warum dies von den meisten Menschen anders empfunden wird, ist ein psychologischer. "Viele von uns haben damals erwartet, dass mit dem Euro alles teurer wird", sagt Psychologieprofessor Ellwart. Dementsprechend nähmen die meisten Menschen Preiserhöhungen stärker wahr als Preissenkungen, da sie eher ihren Erwartungen entsprechen. "Wir neigen dazu, das, was nicht zu unserem Bild passt, auszublenden", sagt der Wissenschaftler, "das ist beim Euro nicht anders als in der Liebe."
volksfreund.de/umfrage
Extra

Was bedeutet Inflation? Inflation steht für Geldentwertung. Wenn der Verbraucher für sein Geld weniger Waren und Dienstleistungen kaufen kann, verliert die Währung an Wert. Die Kaufkraft sinkt. Die Inflation zehrt aber nicht nur Ersparnisse, sondern auch Schulden auf. Das führt insbesondere bei manchen hoch verschuldeten Staaten dazu, dass sie die Geldentwertung nicht unbedingt als großes Problem betrachten. Wie wird die Inflation berechnet? Gemessen wird die Inflation oder Teuerung mit einem statistischen "Warenkorb", der gängige Produkte und Dienstleistungen enthält, darunter Ausgaben für Benzin, Miete und Lebensmittel. Dieser Preisindex wird jeden Monat vom Statistischen Bundesamt in Wiesbaden berechnet. Insgesamt setzt sich die monatliche Datenbasis aus etwa 350 000 Einzelpreisen zusammen, die in 190 Gemeinden in ganz Deutschland erhoben werden. Die jährliche Veränderung ergibt die Inflations- oder Teuerungsrate. Das Gegenteil von Inflation ist Deflation - was passiert dann? Bei einer Deflation gehen die Preise über einen längeren Zeitraum permanent zurück. Der Grund dafür ist eine wirtschaftliche Lage, in der das Angebot an Waren und Dienstleistungen größer ist als die Nachfrage. Das Überangebot drückt die Preise. Eine solche Situation kann zu einer Abwärtsspirale aus weiter fallenden Preisen und einer schrumpfenden Produktion führen. Diese Eigendynamik kann noch verheerendere Auswirkungen haben als eine Inflation. mem/dpaExtra

Nach Zahlen der deutschen Bundesbank waren im November 2011 noch etwa 13,3 Milliarden D-Mark im Umlauf. Die Bundesbank berichtet von Geldscheinfunden im Wert von einigen Tausend D-Mark: Eine Tochter stieß nach dem Tod ihrer Mutter auf eine wertvolle Gardine: in den Vorhang waren 1000-DM-Scheine eingenäht. Die Bundesbank wechselt das alte Geld weiterhin und unbefristet kostenlos in Euro. In den ersten elf Monaten des Jahres 2011 wurde 220 000 Mal von diesem Angebot Gebrauch gemacht. dpaExtra

... Otmar Issing, ehemaliger Chefvolkswirt der Deutschen Bundesbank sowie später der Europäischen Zentralbank (EZB) und damit einer der Architekten der Währungsunion. Wie erinnern Sie sich persönlich an den 1. Januar 2002, als der Euro als Bargeld in Umlauf kam? Issing: Für uns in der EZB war der entscheidende Tag der 1. Januar 1999, als der Euro die nationalen Währungen ablöste. Die Bargeldeinführung war die größte logistische Herausforderung in Friedenszeiten. Die reibungslose Durchführung war ein überragender Erfolg. Euro gleich Teuro. Das hat sich in den Köpfen vieler Verbraucher festgesetzt. Issing: Diese Wahrnehmung der Menschen hat uns überrascht. Man erinnere sich, als dieses Phänomen auftauchte, gab es Befürchtungen,es könne eine Deflation in Deutschland drohen, also ein allgemeiner Rückgang der Preise. Wir haben versucht, die Menschen aufzuklären, freilich mit vor allem anfangs begrenztem Erfolg. Schuldenkrise, Austrittsszenarien, Notfallpläne - wie lange wird es den Euro noch geben? Issing: Der Euro ist nach wie vor eine stabile Währung und wird es bleiben. Den Euro wird es noch sehr lange geben. Weniger sicher kann man in der Frage sein, wie viele Länder auf Dauer dazugehören werden. dpa

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