Kuag kannibalisiert?

KONZ. Die Verbandsgemeinde Konz schlägt im Fall der Kuag-Schließung ungewöhnliche Wege ein: VG-Bürgermeister Winfried Manns stellte gestern gegen den Textilhersteller beim Amtsgericht in Trier einen Insolvenzantrag. Das Prekäre: Die GmbH wurde im Herbst 2004 mit der TWD GmbH in Deggendorf verschmolzen und ist nicht mehr im Handelsregister eingetragen.

Als 1995 die bayerischen Textilwerke Deggendorf (TWD) von der niederländischen Akzo das Kuag-Werk in Konz übernahmen, bekamen sie eine hübsche Braut mit reichlich Mitgift. Rund 700 Mitarbeiter waren bei dem Hersteller von textilen Garnen hauptsächlich für die Automobilindustrie beschäftigt, der Maschinenpark war gut bestückt – und als Zugabe soll Akzo auch noch 30 Millionen D-Mark zur Erfüllung von bestehenden Ansprüchen der Mitarbeiter aus der betrieblichen Altersvorsorge gezahlt haben. Nun scheint alles verloren. Die Kuag-Mutter TWD hat vor wenigen Wochen Insolvenzantrag gestellt. Der Münchner Insolvenzverwalter Michael Jaffé sieht Chancen, den Betrieb in Bayern mit rund 900 Mitarbeitern fortzuführen. Gleichzeitig hat er über die Kuag in Konz das „Todesurteil“ verkündigt: wirtschaftlich nicht tragbar.

Doch Bürgermeister Winfried Manns kämpft um die Arbeitsplätze in der Saar-Mosel-Stadt. Seiner Meinung nach wurde die Kuag „vorsätzlich kannibalisiert“. „Die Verschmelzung der Kuag GmbH in Konz mit der TWD GmbH in Deggendorf wurde erst im Herbst 2004 ins Handelsregister eingetragen, und wenig später wurde dann für die Gesamtgruppe Insolvenzantrag gestellt. Meiner Meinung nach wurden auf diese Art und Weise die Gläubiger der Kuag benachteiligt.“ Schon zum Zeitpunkt der Verschmelzung soll ein Insolvenzplan von der Geschäftsführung in Deggendorf in Auftrag gegeben worden sein.

Niedergang zieht sich über viele Jahre hin

Die Verbandsgemeinde Konz als einer der Gläubiger sieht damit ihre Forderungen im Insolvenzverfahren gegen die Kuag schlechter gestellt. Die Rechtsauffassung in diesem Punkt ist sehr strittig, doch einige Experten teilen die Ansicht des Bürgermeisters. Rechtsanwalt und Insolvenzfachmann Thomas B. Schmidt: „Insolvenzrecht geht vor Umwandlungsrecht. Stellt ein Gericht fest, dass der Verschmelzungsvertrag gegen diesen Grundsatz verstößt oder sittenwidrig ist, könnte es ihn als unwirksam einstufen.“ Auch in weiteren Punkten glauben die Experten, dass die Möglichkeit bestehe, ein Gericht könne die Kuag GmbH in Konz noch als bestehenden Rechtsträger ansehen. So haben etliche Mitarbeiter Widerspruch gegen den Übergang ihrer Arbeitsverhältnisse eingelegt, weil sie nicht zutreffend über die Situation aufgeklärt wurden. Auch dies ist rechtlich „dünnes Eis“, doch der Konzer Kuag-Betriebsratsvorsitzende Franz Zebe rechnet sich gute Chancen aus, nicht ganz über den Tisch gezogen zu werden. Mit Kollegen glaubt er, dass man in Konz betriebswirtschaftlich erfolgreich weitermachen könnte. Doch hat er – wie viele seiner Kollegen – den Verdacht, es gehe nur darum, Konz zu zerschlagen, um in Deggendorf keine Konkurrenz zu haben. Dabei würden in der Region „Spezialitäten“ hergestellt, die sonst kein Betrieb fertigen könne.

Den Niedergang der Kuag hat Zebe am eigenen Leib erlebt. In Spitzenzeiten waren bis zu 1900 Menschen bei dem Textilhersteller beschäftigt, bei der Übernahme im Jahr 1995 waren es noch knapp 700. Sukzessive reduzierte die neue Geschäftsleitung das Personal: Allein in den vergangenen vier Jahren wurde der Personalbestand um 65 Prozent reduziert, von den 481 Mitarbeitern im Januar 2001 blieben Anfang 2005 noch 169 übrig. Ebenso konsequent habe der Anteilseigner den Abbau von modernen Maschinen betrieben: So seien von den 40 Maschinen, die zwischen 1995 und 1999 in Konz aufgestellt wurden, vom Jahr 2000 an insgesamt 32 verlagert worden. Ferner seien Führungskräfte abgezogen und Aufträge umgeleitet worden. Für die Betroffenen in Konz ist klar: Wie ein Vampir hat die TWD in Deggendorf die Kuag bis auf den letzten Tropfen Blut ausgesaugt.

Sollte ein Gericht nun zur Erkenntnis kommen, die Verschmelzung der beiden Gesellschaften sei sittenwidrig und damit ungültig, könnten die Karten plötzlich ganz neu gemischt werden. Dann könnte das Szenario so aussehen: Das Amtsgericht Trier bestimmt für die Kuag GmbH einen eigenen Insolvenzverwalter. Die Kuag hätte gegen die TWD Forderungen in Höhe von 15 Millionen Euro (Pensionskasse) und in ähnlicher Höhe wegen der abgezogenen Maschinen. Die Forderungen, die Gläubiger gegenüber der Kuag in Anspruch stellen, würden dann aus dieser Masse befriedigt. Für Konz könnte es eine eigene Lösung geben. Betriebsrats-Chef Franz Zebe hofft gar: „Wir könnten mit der Belegschaft den Laden übernehmen und die Kuag erfolgreich weiterführen.“ Ein letzter Hoffnungsschimmer bleibt also noch den 170 Mitarbeitern.