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Landwirte in Schräglage: In Sellerich setzen sie sich für Unterstützung aus Politik, Handel und Gesellschaft ein

Banger Blick: Wo geht's lang für die Landwirte? TV-Fotos (3): Fritz-Peter Linden
Banger Blick: Wo geht's lang für die Landwirte? TV-Fotos (3): Fritz-Peter Linden FOTO: (g_wirt )
Sellerich-Hontheim. "Fünf nach zwölf": Bei einer Pressekonferenz in Sellerich hat Michael Horper, Präsident des Bauern- und Winzerverbands Rheinland-Nassau, die Situation der Landwirte zum Anlass genommen, von Politik, Handel und Gesellschaft Hilfe zu fordern - und eine andere Wertschätzung. Fritz-Peter Linden

Sellerich-Hontheim. "Ich hab früher Schach gespielt", sagt Michael Kockelmann, Landwirt aus Lichtenborn. "Da stehen in der ersten Reihe immer die Bauern. Die schickt man dann mal vor." Und erst, wenn fast alle hops gegangen seien, dann merke man: Den letzten könne man vielleicht doch noch für einen entscheidenden Zug brauchen.

Und so sei es auch mit der Politik, sagt der 41-Jährige: "Die kapiert erst was, wenn der letzte Bauer noch übrig ist." Noch sind es ein paar mehr im Land und der Region - aber infolge der niedrigen Preise für Fleisch und Milch, des Russland-Embargos, der China-Krise und des viel zu trockenen Sommers wird es für sie richtig eng (TV von Samstag).Es schreit zum Himmel


Und das will Landes-Bauernpräsident Michael Horper aus Üttfeld noch einmal deutlich machen - auf dem sehr vorzeigbaren Hof seines Kollegen Michael Steils in Sellerich-Hontheim. Mit dabei: Vertreter aus Landes- und Kommunalpolitik, des Landhandels und mehr als 60 Landwirte.
"Himmelschreiend", sagt Steils, sei die Lage. 160 Kühe hat sein Hof, er bewirtschaftet 140 Hektar Land, zuletzt habe er noch einmal "massiv" ins allerseits geforderte Tierwohl investiert - und dann diese Krise. Denn die Kosten liefen ja weiter. "Wir können nur mit Hilfe der Banken überleben. Der Handel will alles - außer bezahlen. Und der Verbraucher muss sich überlegen: Will ich immer nur zum Discounter gehen oder lieber in ein Geschäft, wo der Bauer noch mehr davon hat?"

Ähnlich sieht es bei Roland Schmitz aus Bleialf aus: Er hat "130 Milchkühe. Und keine weiteren Einnahmen." Dafür aber Kosten - und drei Liquiditätskredite. "Wenn die Situation so bleibt, wie sie ist", sagt der 40-Jährige, "dann sind die Darlehen nicht mehr zu bedienen. Wir sind wie die Griechen. Wir finanzieren uns selber tot." Er liefert rund 100 000 Kilo Milch im Monat. Und weil der Kilopreis zurzeit um 10 Cent zu niedrig sei, fehlen ihm alle vier Wochen 10 000 Euro.

Was also muss seiner Meinung nach geschehen? Er sehe nur eine Möglichkeit: "Dass der Handel fair mit den Produzenten umgeht und den Landwirten zahlt, was die Milch wert ist" - nämlichmehr als die aktuell 26 bis 27 Cent.

Michael Horper stellt noch einmal klar, dass es nicht alleine um die Bauern gehe, die ja immerhin in den vergangenen 70 Jahren auch zum sozialen Frieden beigetragen hätten, indem sie bezahlbare Lebensmittel in ausreichender Menge produzierten - zusammen mit Molkereien, Landhandel und anderen Betrieben seien es "Tausende von Arbeitsplätzen, die direkt und indirekt betroffen sind". Und dann komme eine oft falsche Darstellung der Landwirte in der Öffentlichkeit hinzu - wo sie dann als "Tierquäler und Umweltsünder" angeprangert würden - dabei gelte das für die große Mehrheit nicht. Das alles, sagt Horper, "fährt die Betriebe an die Wand".

Deshalb fordert er unter anderem, dass die "Superabgabe", die für überproduzierte Milch an Brüssel gezahlt werde, "zurück ins Land" müsse. Auch die Direktzahlungen (EU-Zuschüsse an die Landwirte, sofern sie bestimmte Auflagen einhalten) müssten schon zum 1. November überwiesen werden - was bei den anwesenden Politikern auf offene Ohren stößt.

Der Interventionspreis und die Interventionsmengen für Milch seien befristet anzuheben. Außerdem brauche man Entlastungen bei der Sozialversicherung und einen steuerlichen Risikoausgleich. Alles kleine Schritte, sagt Horper - mit denen man aber doch hier und da etwas bewirken könne. Der Handel dürfe zudem nicht immer "nur seine Marge im Kopf haben". Und der Verbraucher sei gefordert, die Arbeit der Bauern und ihre Produkte endlich wieder angemessen zu schätzen.

Denn sonst muss es sich Vera Schalz aus Reiff noch einmal überlegen: Sie stammt aus einer Bauernfamilie und will Landwirtschaft studieren, um später daheim miteinzusteigen: "Aber man muss sich jetzt fragen, ob man das nicht sein lässt."Extra

Um die Europa-Politiker auf ihre Situation aufmerksam zu machen, planen die Bauern eine große Demonstration am Montag, 7. September, in Brüssel. Der Bauernverband weist außerdem darauf hin, dass das Discounter-System den Betrieben massiv zu schaffen macht. "Das werden sich die Bauern nicht ewig gefallen lassen", sagt Michel Horper. Deshalb sei nicht auszuschließen, dass der eine oder andere irgendwann von den Landwirten boykottiert werde. fpl

Bauernpräsident Michael Horper im Einsatz für seine Kollegen.
Bauernpräsident Michael Horper im Einsatz für seine Kollegen. FOTO: (g_wirt )
Diskussionsbedarf auch nach der Pressekonferenz (von links): Michael Kockelmann aus Lichtenborn, Vera Schalz aus Reiff und Norbert Sohns aus Sellerich-Herscheid.
Diskussionsbedarf auch nach der Pressekonferenz (von links): Michael Kockelmann aus Lichtenborn, Vera Schalz aus Reiff und Norbert Sohns aus Sellerich-Herscheid. FOTO: (g_wirt )