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Langweilig ist wieder sexy

Langweilig ist wieder sexy

Die Schuldenkrise kennt nicht nur Verlierer. Die Deutschen haben Angst um den Euro und wollen ihr Vermögen möglichst sicher anlegen. Davon profitieren die Bausparkassen.

Frankfurt/Berlin. Egal ob private, genossenschaftliche oder öffentlich-rechtliche Institute: Seit Monaten steigt die Nachfrage nach Produkten, die einst als langweilig galten, darunter auch Bausparverträge. "Wir sehen uns nicht als Krisengewinner", sagt ein Sprecher der Bausparkasse Schwäbisch Hall. "Wir profitieren lediglich von dem Wunsch der Menschen nach einer planbaren und verlässlichen Anlageform."
Die Zahlen des Marktführers sprechen für sich: Im ersten Halbjahr schloss Schwäbisch Hall 470 000 Bausparverträge mit einer Bausparsumme von 17,6 Milliarden Euro ab. Damit stieg das Volumen um 25 Prozent im Vergleich zum Vorjahreszeitraum. Auch für das Gesamtjahr rechnet die Bausparkasse mit einer zweistelligen Wachstumsrate. Das ist umso beeindruckender, weil der genossenschaftliche Anbieter bereits 2010 ein Wachstum von fast 14 Prozent verzeichnet hatte. Die Bausparsumme pro Vertrag legt bei vielen Anbietern deutlich zu.
Neuer Charme


Auch der Vorstandsvorsitzende des Verbands der Privaten Bausparkassen, Andreas Zehnder, erwartet ein "solides Bausparjahr 2011". Bei den 13 Mitgliedsunternehmen, zu denen neben Schwäbisch Hall etwa Wüstenrot und BHW gehören, stieg die Zahl der Bausparverträge in den ersten neun Monaten um 3,8 Prozent auf rund 1,5 Millionen Verträge. Das Bausparvolumen der Neuabschlüsse erhöhte sich um 13,6 Prozent auf rund 48 Milliarden Euro. "Der Trend zu sicheren Spar- und Finanzierungsformen hält an", erklärte Zehnder. "Was früher mitunter als langweilig belächelt wurde, hat durch die Finanzkrise einen neuen Charme erhalten."
Ähnlich ist die Lage im Sparkassenlager: Die zehn Landesbausparkassen haben in den ersten neun Monaten dieses Jahres 2,8 Prozent mehr Verträge abgeschlossen als im Vorjahreszeitraum. Das summierte sich auf insgesamt 984 000 Neuverträge. Noch stärker, mit 5,2 Prozent auf 26,6 Milliarden Euro, stieg das Vertragsvolumen. Die Bausparsumme pro Vertrag nimmt also zu. Auch für das kommende Jahr ist der Verbandsdirektor der LBS-Gruppe, Hartwig Hamm, optimistisch gestimmt. "Für 2012 rechnen wir mit einer stabilen Weiterentwicklung unseres Neugeschäfts", sagte er dem Handelsblatt. Viele Kunden sparen nicht nur ihr Geld bei der Bausparkasse, sondern wollen dann auch tatsächlich eine Immobilie kaufen und fragen bei den Anbietern einen Baukredit nach.
Deutsche im Immobilienfieber


Dass die Deutschen im Immobilienfieber sind, zeigen nicht nur aktuelle Umfragen, sondern auch die Zahlen: Von Januar bis September haben die privaten Bausparkassen 17,6 Milliarden Euro an Baugeldern ausgezahlt - 10,3 Prozent mehr als im Vorjahreszeitraum. Von einer anderen Seite bekommen allerdings auch die Bausparkassen die Krise zu spüren: Die niedrigen Zinsen an den Kapitalmärkten führen zu Problemen bei der Anlage der Kundengelder. Gerade bei älteren Bausparverträgen haben die Anbieter den Kunden oft hohe Sparzinsen versprochen. Wenn sie nun weniger Erträge an den Kapitalmärkten erwirtschaften, bleibt weniger Gewinn für sie übrig. Die Bausparkassen haben schon in den vergangenen Jahren versucht, dem entgegenzusteuern. Einige Anbieter schrieben gezielt Altkunden an und versuchten, es ihnen mit eher zweifelhaften Aktionsangeboten schmackhaft zu machen, ihre lukrativen Bausparverträge vorzeitig aufzulösen, berichten Vertriebler. Als kundenfreundlich kann diese Politik nicht gelten. Aber auch an einer weiteren Stelle rechnen die Bausparkassen mit Belastungen: Da die Vermittler so viele Verträge verkaufen, erhalten sie auch besonders hohe Provisionen. Schwäbisch Hall rechnet daher ausgerechnet in diesem erfolgreichen Jahr damit, dass sich unterm Strich das Ergebnis etwas verringern wird.

Die Autoren Michael Detering und Frank Matthias Drost arbeiten als Experten für die Wirtschaftszeitung Handelsblatt.Extra

Die jüngste Postbank-Studie belegt: Bei Berufstätigen, die ihre Altersvorsorge ausbauen wollen, sind Immobilien der Favorit. Jeder Dritte plant den Bau oder Kauf eines Eigenheims. Das ist der höchste Wert, der durch die Studie seit 2003 gemessen wurde. Viele halten die eigene Immobilie für eine besonders sichere Vorsorgeform. HB