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Lieber Azubi in Horath als ohne Job in Palma

Lieber Azubi in Horath als ohne Job in Palma

Während in Deutschland Ausbildungsstellen nicht besetzt werden können, herrscht in Südeuropa extreme Jugendarbeitslosigkeit. Dank des Projekts MobiPro-EU kamen fünf junge Spanier zu einer Ausbildung im Familienhotel Hochwald in Horath.

Horath. Wenn andere feiern, müssen sie ran. Weihnachten, Silvester, an Wochenenden. Wegen dieser Dienste sind die Jobs und Ausbildungsplätze im Hotel- und Gastgewerbe nicht sonderlich beliebt. "Es wird immer schwerer, Azubis zu finden und diese nach der Ausbildung auch im Beruf zu halten. Es gibt zu viele Vorurteile, was Arbeitszeiten und Verdienst betrifft", sagt Sabine Mergelmeyer. Sie ist beim Familienhotel Hochwald in Horath (Kreis Bernkastel-Wittlich) unter anderem für die Ausbildung zuständig. In der Hochsaison arbeiten im Vier-Sterne-Haus (160 Betten, 30 000 Übernachtungen pro Jahr) bis zu 80 Mitarbeiter, darunter elf Auszubildende.
Das man in diesem Sommer alle Ausbildungsstellen besetzen konnte, liegt an MobiPro-EU. Dieses Programm des Bundesarbeitsministeriums, gefördert von der Bundesarbeitsagentur, bringt junge EU-Bürger nach Deutschland, die in der Heimat keinen Job finden. Während in Deutschland viele Ausbildungsstellen unbesetzt bleiben, herrscht vor allem in Südeuropa eine extreme Jugendarbeitslosigkeit.
70 Spanier kamen ins Land


Der Landesverband des Hotel- und Gastgewerbeverbands Dehoga hatte schon frühzeitig Kontakte nach Spanien geknüpft, suchte gezielt in Extremadura und Palma de Mallorca nach künftigen Auszubildenden für Hotels und Gastronomie. Mit Erfolg: Im August begannen 70 junge Spanier ihre Ausbildung in Rheinland-Pfalz, 34 von ihnen kamen an die Mosel, wo sie in 15 Betrieben ausgebildet werden und sogar eine eigene BBS-Klasse (España 14) in Bernkastel-Kues haben, sechs landeten in Horath.
"Leider hat eine zwischenzeitlich das Heimweh gepackt", sagt Mergelmeyer. Die verbliebenen fünf sind indes heimisch geworden im kleinen Hochwaldort. "Deutschland ist wunderbar", sagt Julian Stan. Der junge Mann wird im Familienhotel zum Koch ausgebildet, will danach die Welt erkunden: "Ich finde es super hier", sagt Stan.
Wie seine übrigen Mitstreiter hatte er in Spanien einen zweimonatigen Deutsch-Intensivkurs, lernt die fremde Sprache jetzt unter anderem an einem wöchentlichen Extratag in der Berufsschule - und durch den Trierischen Volksfreund. Denn alle spanischen Auszubildenden des Familienhotels nehmen, wie ihre deutschen Kollegen, am TV-Projekt "Zeitung lesen macht Azubis fit" teil.
"Die Zeitung ist sehr wichtig, um schneller Deutsch zu lernen", sagt Virginia Sanchez, eine von drei angehenden Hotelfachleuten: "Auch wenn die Grammatik und die Texte manchmal sehr schwer sind." Mit Wörterbuch und Übersetzungshelfern aus dem Internet lesen die fünf den TV und lernen damit fürs Leben.
"Das Deutsch lernen geht viel schneller, als wir gedacht haben", sagt Sabine Mergelmeyer: "Und die Rückmeldungen unserer Gäste sind durchweg positiv." In der Hauszeitung werden die Besucher über die Spanier und das Projekt informiert, natürlich auch darüber, dass die Spanier noch nicht perfekt deutsch sprechen. "Unsere Kollegen helfen uns sehr viel, das Klima im Hotel ist toll", sagt Cristina Guerrero: "Und es ist gut, dass wir hier zu fünft sind, so können wir uns gegenseitig unterstützen."
Sie hatte in Spanien als Kellnerin gejobbt, war dann arbeitslos geworden und hatte beim lokalen Arbeitsamt vom Projekt erfahren. "Es war die richtige Entscheidung, nach Deutschland zu kommen. Ich will für immer bleiben", meint Guerrero. José Manuel Alvares kommt aus demselben Ort wie Cristina, er hatte von Bekannten vom Projekt gehört. "Ich war auf einer Warteliste, doch die Plätze für Erfurt und Berlin waren schnell vergeben. Aber dann bekam ich die Zusage für Horath. Hier ist die Ausbildung viel professioneller als in Spanien." Auch er war zuvor arbeitslos, auch er lernt jetzt nicht nur Deutsch, sondern auch viel über Menschen und Kultur.
"Wenn man aus Palma kommt, ist Horath natürlich erst einmal eine Umstellung. Mal nach der Arbeit shoppen gehen, ist hier eben nicht", sagt Mergelmeyer. Um den Azubis, die alle im Hotel wohnen, etwas bei ihrer Freizeitgestaltung zu helfen, sucht sie derzeit nach einem Autohaus, das ein "Azubi-Car" wie in anderen Hotels zur Verfügung stellt. Ein großes Lob gibt es von ihr für den Kreis Bernkastel-Wittlich und speziell Landrat Gregor Eibes für die Unterstützung.
Obwohl die Spanier erst seit wenigen Monaten im Hochwald sind, ist die Integration schon weit fortgeschritten. "Unsere Kollegen nehmen sie häufig mit, zwei der Jungs spielen in der Horather Fußballmannschaft", sagt Mergelmeyer. Und Julian Stan ist sich sicher: "Wir sind ein tolles Team, wir schaffen das hier!"Extra

Zur Sicherung des Fachkräftebedarfs in Deutschland und als Beitrag gegen die hohe Jugendarbeitslosigkeit in Europa hat das Bundesministerium für Arbeit und Soziales das Sonderprogramm "Förderung der beruflichen Mobilität von ausbildungsinteressierten Jugendlichen und arbeitslosen jungen Fachkräften aus Europa" (MobiPro-EU) entwickelt. Es trat im Januar 2013 in Kraft. Zum Förderprogramm gehören Sprachkurse, umfangreiche Beratung und Betreuung, ein Praktikum in einem Betrieb und finanzielle Unterstützung. Das MobiPro-Programm wird 2015 fortgesetzt. BP