Lücken bei der Lese

TRIER. Die Idee klingt plausibel: Viele Deutsche haben keinen Job, während Tausende ausländischer Saisonarbeiter hierzulande im Einsatz sind. Zumindest einen Teil dieser Arbeit könnten doch Beschäftigungslose übernehmen, meint die Bundesregierung – und hat eine entsprechende Regelung erlassen. Doch zwischen Theorie und Praxis klafft eine Lücke. Zur Weinlese macht sich das in der Region besonders bemerkbar.

Besonders gut ist Joachim Scherf nicht auf die Arbeitslosen zu sprechen, die die Bischöflichen Weingüter bei der Arbeit im Wingert unterstützen sollten. "Wenn überhaupt, kamen sie nur kurz", berichtet der Betriebsleiter der Saarweingüter des Bischofs. Hinzu komme, dass man statt der benötigten 20 bis 25 Kräfte nur sieben oder acht von der Arbeitsvermittlung erhalten habe. "Das läuft nicht, wie wir oder die Politiker es gewünscht haben", sagt Scherf. Schlechtes Wetter oder Rückenprobleme

"Das" ist die Eckpunkteregelung der Bundesregierung, nach der deutsche Betriebe in diesem Jahr nur noch höchstens 90 Prozent der 2005 zugelassenen Saisonarbeitskräfte aus Osteuropa beschäftigen dürfen. Insgesamt arbeiteten vergangenes Jahr rund 325 000 ausländische Helfer diesseits der Oder, meistens kamen sie aus Polen. Die neue Regelung trifft vor allem größere Weingüter - wer bis zu vier Ausländer beschäftigt, fällt nicht darunter. Genaue Zahlen hat man beim Bauern- und Winzerverband im Kreis Trier-Saarburg nicht. "Es gibt aber in jedem Weinort Betriebe, die größer sind und unter der neuen Regelung leiden", schätzt Gerhard Brenner. Vor allem, wenn aus Witterungsgründen sehr schnell gelesen werden müsse, werde es eng. Was den Winzern das Leben zusätzlich schwer mache, klagt Brenner, sei die neue Regelung, nach der die Winzer Abgaben für die polnischen Saisonarbeiter zahlen müssen (der TV berichtete mehrfach). Gerade in unserer Region seien die Winzer durch die arbeitsintensiven Steillagen besonders auf Helfer angewiesen, sagt Dominik Völk, Kellermeister beim Wiltinger Weingut van Volxem. "Wir brauchen um die 60 Osteuropäer à 50 Tage im Jahr. Ein vergleichbarer Betrieb in der Pfalz kommt mit sieben bis acht aus." Völk hat bisher mit rund zehn Arbeitslosen gearbeitet - und nicht nur schlechte Erfahrungen gemacht: Einer von ihnen ist inzwischen fest beim Weingut van Volxem angestellt. Dennoch bilanziert er: "Auf den deutschen Arbeitsmarkt können wir nicht setzen." Einige Kandidaten seien nicht einmal zu den vereinbarten Vorstellungsgesprächen erschienen, andere ungeeignet gewesen, und wer die Arbeit aufgenommen habe, sei meist schnell wieder wegen Rückenproblemen oder schlechten Wetters Zuhause geblieben. "Die meisten waren demotiviert", sagt Völk. Ferdinand Zingen von der Agentur für Arbeit in Bernkastel-Kues, bei der man die innerhalb der Region größte Nachfrage an deutschen Arbeitskräften für die Weinlese erwartet hatte, spielt den Ball zurück: "Die meisten Winzer fordern Deutsche gar nicht erst an. Wir haben bisher erst von 16 Arbeitgebern Aufträge für rund 30 Kräfte erhalten." Zingen versteht, dass die Winzer sauer sind, wenn sie unmotivierte Leute erhalten. Er betont aber, alle Arbeitslose, die in die Lese vermittelt würden, seien sorgfältig ausgesucht. "Wir haben keinen Druck auf die Leute ausgeübt." Das Problem liege manchmal auch bei den Winzern selbst. "Es kommt vor, dass man uns sagt: ,Der hat ja einen Pferdeschwanz, den nehme ich nicht!'" Beim Weingut van Volxem konnte man die Kappung bei der Zahl osteuropäischer Hilfskräfte größtenteils dadurch auffangen, dass eine Betriebserweiterung den Anspruch auf diese Kräfte erhöhte. Auch Joachim Scherf von den bischöflichen Saarweingütern hat für dieses Jahr eine Lösung gefunden: "Wir haben neben einigen Hausfrauen vor allem Schüler engagiert, die uns zur Hand gehen." Die Herbstferien lägen in diesem Jahr günstig, sagt der Betriebsleiter. "Aber wenn die Regelung bleibt, bekommen wir mittelfristig arge Probleme."

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