Luxemburg am Wendepunkt

LUXEMBURG. Luxemburgs Wirtschaft zeigt strukturelle Mängel, sagt die Industrie-Vereinigung Fedil. Die kommende Regierung müsse dafür sorgen, dass das Land wettbewerbsfähig bleibe.

Mit der EU-Erweiterung und der wachsenden Globalisierung kommen auf die Industriebetriebe Luxemburgs neue Anforderungen zu. Sie vertreiben im Durchschnitt 95 Prozent ihrer Produktion weltweit und sind der internationalen Konkurrenz immer stärker ausgesetzt. Außerdem belegen sie häufig Nischen. Sie müssen besonders flexibel sein, wenn sich die Marktbedingungen in anderen Teilen der Welt ändern, so das Fazit der Industrie-Vereinigung bei ihrer Generalversammlung diese Woche: "Luxemburg muss darauf achten, dass sein Industriestandort im internationalen Vergleich wettbewerbsfähig bleibt." Die Fedil vertritt in Luxemburg 450 Betriebe aus Industrie, Bau und Dienstleistungen. "Luxemburg ist dabei, sich zu einer alternden Gesellschaft, die an ihren Errungenschaften der Vergangenheit festhält und über ihren Verhältnissen lebt, zu entwickeln. Sie lehnt es ab, wettbewerbsfähig zu werden", sagte Fedil-Präsident Charles Krombach. Luxemburg sei mehr denn je von Verlagerungen ins Ausland bedroht. Besonders empört zeigt sich die Fedil über die Art, wie Regierung und Gewerkschaften die Bewertungen der Wirtschaft durch anerkannte internationale Wirtschaftsinstitute wie den Internationalen Währungsfonds, die OECD oder die Europäische Kommission gering schätzten. Konkret prangert sie die mangelhaften wirtschaftlichen Strukturen Luxemburgs an. Die Produktivität sei zu gering, die Staatsausgaben zu hoch, das Sozialsystem zu generös und die Inflation zu hoch, heißt es. "Jetzt sind tief greifende Reformen nötig", forderte Krombach. Die laufenden Ausgaben des Staates seien zu hoch. "Im Moment leben wir noch von unseren Reserven. Der Durst wird aber auch dann bleiben, wenn die Reserven aufgebraucht sind." Außerdem müsse der Staat das Leben der Betriebe vereinfachen, etwa durch eine Straffung der Genehmigungsprozeduren. Weitere Forderung der Fedil: Die Politik soll die Arbeitskosten im Blickfeld behalten. Die automatische Lohnanpassung per Index müsse überdacht werden. Außerdem sei der Staat dabei, mit seinen hohen Gehältern dem Privatsektor die besten Talente abzuwerben. Der Sozialstaat müsse dringend reformiert werden, fordert die Fedil im Hinblick auf die Lücke im Pensionswesen. Die schwache Wachstumsrate und die abnehmende Zahl der Beschäftigten führten zu einer "Rentenmauer". Die Fedil beklagt auch die hohe Zahl der Krankheitsfälle in Betrieben. Hier liege Luxemburg europaweit vorn. "Der Angestellte muss sich an den Kosten, die seine Abwesenheit verursachen, beteiligen", sagt Krombach. "Arbeit muss sich lohnen", lautet eine andere Forderung der Industriellen-Vereinigung. Die ausbezahlten Löhne müssten in einem günstigen Verhältnis gegenüber den Arbeitslosenhilfen stehen. Zudem soll nach Ansicht der Fedil das Schulsystem geändert werden. Das frühe Scheitern in der Schule müsse verhindert werden, damit der Arbeitsmarkt neue Kräfte bekommt. Auch ältere Arbeitskräfte müssten länger auf dem Arbeitsmarkt bleiben. "Denn", klagt die Fedil, "der vorzeitige Abbruch der Laufbahn stellt derzeit die Regel, nicht die Ausnahme dar." SJean-Claude Weishaar ist Redakteur der luxemburgischen Zeitung "Tageblatt".