Mehr Billigjobs - weniger Vollzeit

Mehr Billigjobs - weniger Vollzeit

Es ist nicht alles Gold, was glänzt am deutschen Arbeitsmarkt. Zwar liegt die Erwerbslosigkeit auf einem erfreulichen Tiefststand. Im Vormonat war sie mit 2,7 Millionen Betroffenen so niedrig wie zuletzt vor 20 Jahren. Das Arbeitszeitvolumen, also die Gesamtstundenzahl, ging in diesem Zeitraum jedoch deutlich zurück.

Berlin. Das Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) hat eine Statistik ausgearbeitet, die unserer Zeitung vorliegt. Viele neue Arbeitsplätze sind demnach nur entstanden, weil Vollzeitstellen durch andere Beschäftigungsformen wie zum Beispiel Minijobs verdrängt wurden.
17 Prozent mehr Teilzeit


Den Daten zufolge ist die Zahl der Erwerbstätigen zwischen 1992 und 2010 um 2,4 Millionen auf einen Rekordwert von fast 40,6 Millionen gestiegen. Legt man jedoch das Arbeitszeitvolumen zugrunde und rechnet es in sogenannte Vollzeitäquivalente, also Vollzeitjobs um, so ergibt sich für den gleichen Zeitraum ein Minus von 1,9 Millionen auf nur noch 32,2 Millionen Vollzeitstellen.
Für die Bundesregierung ist das kein Anlass zur Sorge. Auf Nachfrage der Linksfraktion erklärte das Arbeitsministerium in einer schriftlichen Stellungnahme: "Zu keiner anderen Zeit war im geeinten Deutschland mehr Menschen eine Teilhabe am Erwerbsleben möglich als heute."
Weniger Arbeitsstunden, aber mehr Beschäftigte - dafür gibt es eine Erklärung: die starke Zunahme sogenannter atypischer Arbeitsverhältnisse. Dazu zählen nach Angaben der Regierung in erster Linie befristete Stellen. Wie aus einer Übersicht des Statistischen Bundesamtes hervorgeht, gab es hier zwischen 2002 und 2010 ein Plus von 830 000 Jobs. Das waren 43 Prozent mehr. Zu beachten ist allerdings, dass viele dieser Stellen von den Arbeitgebern nach einer gewissen Zeit in unbefristete Jobs umgewandelt werden.
Nach Angaben des IAB betrug die Übernahmequote im Vorjahr 52 Prozent. Zu den atypischen Beschäftigungsformen gehören auch die Minijobs. Ihre Zahl legte seit 2002 um über ein Drittel zu. Einen deutlichen Aufwärtstrend gab es auch bei einer dritten Kategorie, den sozialversicherungspflichtigen Teilzeitstellen mit höchstens 20 Wochenstunden. Sie wuchsen um 17 Prozent. Dagegen ging die Zahl der Personen in Normalarbeitsverhältnissen, also unbefristeten sozialversicherungspflichtigen Vollzeitjobs im gleichen Zeitraum um 465 000 zurück. Ihr Anteil an allen Erwerbstätigen liegt aktuell bei 66 Prozent.
Im Jahr 2002 waren es noch 71 Prozent.
Umwandlung in prekäre Jobs


Die Regierung sieht in diesen Daten einen Ausdruck des Wandels in der Gesellschaft. So führe die gestiegene Erwerbsneigung von Frauen und Älteren, die häufiger in Teilzeit oder geringfügig beschäftigt arbeiteten, zu einem Anstieg atypischer Erwerbsformen, heißt es in der Stellungnahme.
Dagegen warf die arbeitsmarktpolitische Sprecherin der Linken, Sabine Zimmermann, der Regierung eine Täuschung der Öffentlichkeit vor.
"Das angebliche Jobwunder beruht auf einem Boom von kleinen Billigjobs, von denen man nicht leben kann", sagte sie unserer Zeitung.
Nach Ihrer Meinung hängt dies eng mit den Hartz-Gesetzen zusammen, die 2003 unter Rot-Grün in Kraft traten. Sie hätten nicht zu mehr Arbeit geführt, sondern gute und sichere Arbeitsplätze in prekäre Jobs mit Niedriglöhnen umgewandelt. "Das ist schön für die Arbeitsmarktstatistik, aber schlecht für Millionen Arbeitnehmer und Erwerbslose", kritisierte Zimmermann.