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Mehr Rebstöcke an Mosel, Saar und Ruwer

Trier. Die EU will den europäischen Weinanbau in Maßen ausweiten. Was für Kellereien eine Chance ist, gerade im Ausland mit zusätzlicher Menge Kunden für deutschen Wein zu begeistern, sehen viele Winzer kritisch. Ein Stimmungsbericht aus einer sehr heterogenen Branche. Sabine Schwadorf

Trier. Nur weil sie alle Wein herstellen, sitzen Winzer, Genossenschaften und Kellereien noch lange nicht immer in einem Boot. Dies zeigt sich derzeit beim Thema Anbaustopp. Denn Wein trinken darf in Europa jeder, anbauen jedoch nicht. Seit 1976 sind neue Pflanzgebiete verboten. Der Weinbau ist streng reguliert. Die Kellereien ihrerseits haben das bisherige Pflanzrechtesystem immer als "veraltet" angesehen, wie der Bundesverband der Deutschen Weinkellereien und des Weinfachhandels es formuliert.
Veraltete Vorschrift


Nun soll die Anbaufläche für Wein peu à peu wachsen. Der Kompromiss auf EU-Ebene zwischen Kommission, Parlament und Mitgliedsstaaten sieht vor, dass jeder Staat jährlich ein Prozent seiner Gesamtanbaufläche für neue Reben freigeben kann. Für Deutschland bedeutet das bei 100 000 Hektar Anbaufläche 1000 Hektar im Jahr, ein Neuntel des gesamten Anbaugebietes Mosel also (siehe Extra).
"Für mich ist dies ein fauler Kompromiss", ärgert sich Michael Willkomm, Geschäftsführer des 70-Hektar-Weinguts und der Kellerei Peter Mertes in Bernkastel-Kues. Als größte deutsche Kellerei mit 350 Mitarbeitern und rund 2,5 Millionen Hektoliter abgefülltem Wein pro Jahr sieht er auch in der neuen Regelung eine Wettbewerbsverzerrung: "Wir sind in einer Wettbewerbsgesellschaft, in der der Vorteil bei unserer Konkurrenz liegt", sagt er. Bei Peter Mertes werden immerhin 40 Prozent des Weins ins Ausland exportiert, vor allem nach Skandinavien, England, in die Niederlande, aber auch nach China und in die USA.
Ursprünglich wollte die EU-Kommission die Anbauflächen für Wein komplett freigeben. Etwas, das auch Willkomm gefallen hätte. Denn der aktuelle Anbaustopp gilt nur noch bis 2015. Die Vorschrift aus den 1970ern sollte immer verhindern, dass mehr Wein als benötigt produziert wird. Ziel: ein stabiler Weinpreis.Neue Problematik


Doch auf einem mittlerweile globalisierten Weinmarkt haben die Produzenten mit ganz anderen Problemen zu kämpfen, nämlich mit geringeren Weinmengen bei mehr internationaler Konkurrenz. Vor allem in Asien wächst die Nachfrage nach Wein - europäische, vor allem deutsche, Produkte können sie nicht immer bedienen.
Dies bestätigt die Trierer Industrie- und Handelskammer (IHK). "Wir sehen, dass es kontinuierlich schwieriger wird, Weine für das Basissegment zu liefern", sagt IHK-Wein- und Tourismus-Geschäftsführer Albrecht Ehses. Dort bräuchte der Markt mehr Dynamik, der Weinpreis sei festgefahren. "Die Betriebe müssen wachsen können, wenn sie dies möchten." Deshalb sei der EU-Kompromiss vor allem ein Systemwechsel, den die Wirtschaft per se begrüße.
Und in der Tat sind die Lieferungen deutscher Weine ins Ausland 2012 im Vergleich zum Vorjahr zurückgegangen - von 153 Millionen Liter auf 130 Millionen Liter. Auch wenn der Durchschnittspreis um 20 Cent je Liter auf 2,46 Euro geklettert ist, so gab es "enorme Verschiebungen in den Märkten, bei den einzelnen Produkt- und Qualitätskategorien", sagt Ehses. Heißt: Weil in Abnehmerländern wie Großbritannien oder den Niederlanden vor allem der Preis eine entscheidendere Rolle als die Herkunft spielt, werden dort Qualitäts- und Landweine schnell durch günstigere Weine aus anderen Ländern ersetzt.
Und: Weil in ganz Rheinland-Pfalz für Prädikatsweine wie Spät- und Auslesen 100 000 Hektoliter mehr Wein vorgesehen wurden, stehen für die unteren und mittleren Segmente weniger Moste zur Verfügung. Gerade an der Mosel mit großen Kellereien zeigt sich eine Diskrepanz: Von den Winzern werden laut dem Statistischen Landesamt zwar 0,6 Millionen Hektoliter Wein produziert. Ausgebaut wurden jedoch fast 1,3 Millionen Hektoliter Wein. Heißt: Es wurde viel Wein zugekauft. Unklar ist bislang jedoch, wie der Systemwechsel im EU-Weinbau in die Tat umgesetzt wird und schließlich beim Winzer und den Kellereien ankommt. Denn die Ausgestaltung der Rebflächenausweitung liegt nun jeweils in nationalen Händen, also in Deutschland bei Regierung und Bundestag. Damit bleibt es den EU-Mitgliedern selbst vorbehalten zu bestimmen, wer in welchen Regionen den Zuschlag für Pflanzrechte bekommt.
Die rheinland-pfälzische Landwirtschaftsministerin, Ulrike Höfken(Grüne), jedenfalls befürchtet einen Kompromiss zu Lasten der Winzer: "Zwar bleibt der Anbau deutlich eingeschränkt, aber die Bürokratie zulasten unserer Winzer sowie die Benachteiligung der traditionellen Weinanbaugebiete werden zunehmen", ist sie sicher und teilt damit die Befürchtungen von Kellerei-Chef Michael Willkomm, der einen "quasi nationalen Anbaustopp" wähnt, "in der der Wettbewerbsvorteil bei unserer europäischen Konkurrenz liegt". Denn laut EU-Kompromiss könnte nun auch ein Landwirt in Mecklenburg-Vorpommern aufgrund des Klimawandels auf die Idee kommen, an der Mecklenburgischen Seenplatte Wein anzubauen und neue Anbauflächen beantragen. Moselwinzer hätten damit das Nachsehen.
Und so wünscht sich etwa Dirk Richter, Vorsitzender des IHK-Weinausschusses aus Mülheim (Kreis Bernkastel-Wittlich), dass Erweiterungen der Rebflächen "nur in der Nähe bestehender Anbaugebiete zugelassen werden sollten. Die bestehenden Betriebe brauchen ein Wachstumspotenzial". Gerade für die Qualitätsweine, die von den Winzern oft in Selbstvermarktung vertrieben werden, sieht er dagegen "keine Nachteile. Im Steilhang könnten nun Rebflächen auch wieder interessanter werden", ist er überzeugt.
Diese Furcht hat einigen Winzern Kopfzerbrechen bereitet: Wenn durch mehr Wein der Wein billiger würde, könnten große Konzerne kleine Winzer verdrängen und aufwendige Bewirtschaftung - wie etwa in den Steillagen - unrentabel machen.
Dorothee Zilliken vom Weingut Forstmeister Geltz-Zilliken in Saarburg befürchtet vor allem, "dass nun viele Winzer zu sehr aufs Flachland ausweichen, statt die Steillage beizubehalten", sagt die Winzerin eines Elf-Hektar-Betriebes mit ausschließlich Riesling in der Steillage. Doch gerade die individuellen Weine seien doch das, was viele Betriebe des Anbaugebietes von anderen in Deutschland und der Welt unterscheide.
Unterstützung findet sie in der Politik. Gerade diese Lagen-Spezialität der Mosel halten Umweltpolitiker für besonders fördernswert. So wünscht sich sowohl Landes-Umweltministerin Höfken (Grüne) als auch die CDU-Europa-Abgeordnete Christa Klass eine bessere Steillagenförderung. Mit dieser Forderung sitzen dann Steillagenwinzer, Politik und Kellereien dann doch in einem Boot. So plädiert auch der Bundesverband der Weinkellereien für ein eigenes Programm für den Steillagenweinbau - auf europäischer Ebene ist dies nun in weiter Ferne, auf nationaler Ebene aus dem "Nationalen Stützungsprogramm für den Weinsektor" bei großer Lobbyarbeit noch möglich.
Klass formuliert: "Landwirtschaftliche Produktionszweige in sensiblen Regionen wie die Steillagen an der Mosel müssen speziell gefördert werden."

Extra

An der Mosel gibt es rund 5000 Winzerbetriebe, die Wein auf etwa 9000 Hektar Fläche anbauen. 1500 Güter arbeiten im Haupterwerb mit 8900 Beschäftigten. Zusätzlich haben etwa 30 Weinkellereien und Weinhandelsbetriebe ihren Sitz an der Mosel. Sie arbeiten über Verträge und Absprachen mit rund 800 Winzern zusammen. Da der Großteil der Winzer im Nebenerwerb Wein produziert, ist die durchschnittliche Betriebsgröße laut der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier mit etwa zwei Hektar besonders klein. Vollerwerbsbetriebe haben dagegen über vier Hektar Fläche. "Der Strukturwandel im Weinbau ist noch nicht abgeschlossen", sagt IHK-Geschäftsführer Albrecht Ehses. Im Jahr 2012 wurden knapp 600 000 Hektoliter Wein hergestellt. Davon wird etwa die Hälfte einer Moselweinernte über die Kellereien vermarktet, davon wiederum die Hälfte im Ausland. Auch wenn die Steillagen besonders markant sind und die Weinberge prägen, liegen doch 57 Prozent der Anbaufläche in der Region Trier auf Flachlagen. Immerhin stellt die Mosel weltweit das größte Steillagenweinbaugebiet. Der steilste Weinberg der Welt, der Bremmer Calmont bei Cochem, hat eine Hangneigung von 65 Grad. Etwa 60 Prozent der Fläche mit 55 Millionen Rebstöcken sind von der Sorte Riesling bestockt, es folgen Müller-Thurgau (Rivaner) mit 13 und Elbling mit sechs Prozent. Rote Rebsorten wie Spätburgunder oder Dornfelder machen knapp zehn Prozent aus. sas