1. Region
  2. Wirtschaft

"Mein Handy gebe ich an der Pforte ab"

"Mein Handy gebe ich an der Pforte ab"

Tee oder Kaffee? Fotos von der Familie oder Kunstdrucke? Schnitt- oder Topfblumen? In dieser Serie besucht der Trierische Volksfreund Chefs von Unternehmen und Organisationen der Region Trier in ihrem Büro. Heute ist der TV zu Gast beim Oberstaatsanwalt Jörn Patzak, der seit Oktober 2014 die Justizvollzugsanstalt (JVA) Wittlich leitet.

Wittlich. "Von Anfang an habe ich mich sehr wohl in diesem Zimmer gefühlt. Von meinem Eckbüro aus habe ich quasi das gesamte Gelände im Blick: Durch das eine Fenster schaue ich auf die alte JVA, die von 1902 bis 2010 in Betrieb war. Aus dem anderen auf den Neubau sowie auf das Wasserauffangbecken, das teichähnlich gestaltet ist. Mein Büro liegt im zweiten Stock des Verwaltungsgebäudes - eine grundsätzlich gefangenenfreie Zone.Zum Mittag gibt's Anstaltskost

Die Möbel habe ich komplett von meinem Vorgänger Robert Haase übernommen. Den Schreibtisch musste ich allerdings höher stellen lassen, da ich mit zwei Metern etwas größer als mein Vorgänger bin. Die Zeichnung der Bundesanwaltschaft in Karlsruhe, die über dem Sideboard hängt, hat eine Kollegin von mir gemacht. Es hat Tradition, dass Staatsanwälte, die als wissenschaftliche Mitarbeiter des Generalbundesanwalts abgeordnet waren, zum Abschied ein Bild erhalten. Die Gemälde, die an der Wand gegenüber hängen, stammen von der Tante meiner Frau.Meist bin ich von 8 bis 18 Uhr in der JVA, mittags esse ich mit Kollegen im Sozialraum die gleiche Mahlzeit, die auch die Gefangenen bekommen, die sogenannte Anstaltsverpflegung. In meinem Kalender stehen viele Konferenzen und Gesprächstermine, weshalb ich oft auf dem Gelände unterwegs bin. Jeden Morgen treffen sich alle wichtigen Entscheidungsträger zu einer Frühbesprechung. Einmal in der Woche gibt es eine Bedienstetensprechstunde bei mir im Büro, die rege genutzt wird. Auch mit Gefangenen komme ich regelmäßig zusammen. Etwa mit ihrem Interessenvertreter. Oder bei Konferenzen der Gefangenenzeitung, deren Herausgeber ich bin.Im Grunde bin ich so etwas wie der Bürgermeister einer kleinen Stadt - schließlich haben wir hier alles, was man braucht: Insgesamt gibt es acht Eigenbetriebe, vom Bäcker über die Wäscherei bis zur Schreinerei, außerdem ein Krankenhaus. Das macht die Arbeit so abwechslungsreich und spannend.Zurück ins analoge Zeitalter

Ich habe übrigens ein klassisches Kalenderbuch. Auf dem gesamten Gelände sind Handys verboten - die Gefahr, dass es jemand verliert und es einem Gefangenen in die Hände fällt, ist zu groß. Als Chef halte ich mich natürlich auch daran, gehe als Vorbild voran, schließe mein ausgeschaltetes Handy an der Pforte ein und stelle es erst abends auf dem Heimweg wieder an. Das hat einen großen Vorteil: Früher war ich ein richtiger Handy-Mensch, mich konnte man stets erreichen. Diese Erwartungshaltung ist immer mehr zurückgegangen. Ich genieße das. Früher habe ich auch alle Termine ins Handy eingetragen - das fällt ebenfalls weg, weswegen ich sie "analog" notiere. Der Kalender ist jetzt mein treuester Begleiter.In der Glasvitrine verwahre ich einige Gegenstände, die mich an Stationen meines Berufslebens erinnern. Da steht beispielsweise eine Amsel-Figur. Die habe ich als Dank nach einem großen Drogenverfahren erhalten, bei dem Staatsanwaltschaft, Zoll und Polizei in der Ermittlungsgruppe "Amsel" erfolgreich zusammengearbeitet haben. Besonders stolz bin ich auf den Adler. Den hat die Kriminalpolizei der Airbase in Spangdahlem mir geschenkt, als Dank für die gute Zusammenarbeit bei dem schrecklichen Fall aus dem Jahr 2011, als ein Vater, ein junger US-Soldat, seinen acht Monate alten Sohn so brutal geschüttelt hatte, dass der Junge an den Verletzungen starb. Auf dem Sockel der Adler-Figur steht: "Thank you for everything", also "Danke für alles". Dieses Geschenk ist mir sehr ans Herz gewachsen." Aufgezeichnet von Ariane Arndt-JakobsExtra

 Auf diesen Adler, ein Geschenk der Kriminalpolizei der Airbase in Spangdahlem, ist Jörn Patzak besonders stolz.
Auf diesen Adler, ein Geschenk der Kriminalpolizei der Airbase in Spangdahlem, ist Jörn Patzak besonders stolz. Foto: Ariane Arndt-Jakobs (arn) ("TV-Upload Arndt-Jakobs"
 Das sieht der Anstaltsleiter, wenn er an seinem Computer arbeitet.
Das sieht der Anstaltsleiter, wenn er an seinem Computer arbeitet. Foto: Ariane Arndt-Jakobs (arn) ("TV-Upload Arndt-Jakobs"

Jörn Patzak, geboren 1971, studierte nach dem Abitur Rechtswissenschaften in Trier. Nach dem zweiten Staatsexamen war er bis Mitte 2013 bei der Staatsanwaltschaft Trier für die Bereiche Betäubungsmitteldelikte, Organisierte Kriminalität sowie Tötungsdelikte zuständig. Von 2004 bis 2007 wurde er an die Bundesanwaltschaft in Karlsruhe sowie 2008 für einige Monate zur Generalstaatsanwaltschaft Koblenz abgeordnet. Ab Juli 2013 war er im rheinland-pfälzischen Justizministerium tätig. Jörn Patzak ist Mitautor des Standardkommentars zum Betäubungsmittelrecht. Seit Oktober 2014 ist der Oberstaatsanwalt Leiter der JVA Wittlich mit mehr als 550 Häftlingen und etwa 350 Bediensteten. Zudem betreibt Patzak die Internetseite <%LINK auto="true" href="http://www.betaeubungsmittel-recht.info" class="more" text="www.betaeubungsmittel-recht.info"%> , auf der er über verschiedene Arten illegaler Drogen sowie über die aktuelle Rechtsprechung in Betäubungsmittelsachen informiert. arn mjv.rlp.de/Justizvollzug/JVA-Wittlich/