Milchbauern hoffen

TRIER. Seit Monaten dringen die Landwirte auf höhere Milchpreise, derzeit laufen die entscheidenden Verhandlungen mit dem Handel. Bauernpräsident Leo Blum ist optimistisch. Warum, das erklärt er im TV-Interview.

Sie sagen, dass beim Milchpreis das "Tal der Tränen" durchschritten ist. Was macht Sie da optimistisch?Blum: Es gibt da viele Signale. Die Nachfrage nach Milch und Molkereiprodukten ist gestiegen. Bei Milchpulver und Butter haben wir leergefegte Lager. Der Milchpulverpreis ist seit 2006 um 70, 80 Prozent gestiegen. Wie sind die mächtigen Discounter zu bewegen, mehr zu zahlen?Blum: Die Verhandlungen laufen zurzeit, und die beiden rheinland-pfälzischen Molkereien sind optimistisch, höhere Preise durchsetzen zu können. Wenn der Herr Aldi oder der Herr Lidl sagt: Ich will aber die Milch noch billiger haben, dann muss auch die Molkerei mal sagen: Wenn Du weiter runter willst, kriegst Du von mir nichts. Und dann kaufen die Discounter im Ausland ein, und die Region ist dauerhaft aus dem Geschäft.Blum: Wir haben die größte Nachfrage in Drittländern. In Europa liegt der Zuwachs bei Milch und Molkereiprodukten bei einem halben Prozent, weltweit zwischen drei und fünf Prozent. Dort kommt man der Nachfrage nicht hinterher - und das entlastet unsere Märkte. Was halten Sie von einem Liefer-Boykott, wie ihn der Bund Deutscher Milchviehhalter ankündigt?Blum: Damit kann man kurzfristig vielleicht etwas erreichen, aber längerfristig müssen die Märkte die Dinge regeln. Allerdings bringt ein Boykott im Oktober, wie er angekündigt ist, gar nichts. Jetzt werden die Verträge gemacht - was nützt es, wenn ich die im Herbst bestreike? Ich halte mehr davon, jetzt zu sagen: Wenn Milchunion oder Hochwald bei den Leistungsgesprächen rausfliegen, weil sie zu hohe Forderungen gestellt haben, müssen wir aus Solidarität die Milchmenge zurückfahren, damit die Molkerei nicht darauf sitzen bleibt. Welche Preissteigerung erwarten Sie?Blum: Wir erwarten eine Steigerung, die über der Zehn-Prozent-Marke liegt. 2015 läuft die Milch-Quote aus. Was dann?Blum: Die Mechanismen der Vergangenheit wie Importzölle oder Interventionen sind abgeschafft, und damit macht auch die Quote künftig keinen Sinn mehr. Mir ist der freie, offene Markt lieber als ein Quotensystem, in dem es keine Möglichkeiten des Außenschutzes mehr gibt. Was bedeutet der Wegfall der Quote für die Bauern in der Region?Blum: Bei Getreide und Rindfleisch haben sich die Preise nach dem Wegfall der Marktordnungen positiv entwickelt. Das lässt mich auch für die Milch hoffen. Wenn wir offene, freie Märkte haben und die Milchproduktion zurückgeht, wie es sich abzeichnet - etwa aufgrund von Alternativen wie der Bioenergie -, wird der Milchpreis steigen. Andererseits haben in einem freien Markt die die Nase vorn, die am billigsten produzieren. Da hat unsere Landwirtschaft mit ihren kleinteiligen Strukturen schlechte Karten.Blum: Für die Milchproduktion braucht man Kapital und gut ausgebildete Landwirte, da haben wir gute Chancen. Vor allem aber werden große Betriebe im Osten und den neuen EU-Ländern stärker auf nachwachsende Rohstoffe setzen. Damit wandern die frei werdenden Milchproduktions-Potenziale in die Mittelgebirgsregionen. Sollte es bei den Molkereien eine weitere Konzentration geben? Blum: Es ist richtig, dass Molkereien sich weiterentwickeln. Ich war enttäuscht, als die Fusion von Milchunion und Humana gescheitert ist. Und ich finde nach wie vor, dass es entsprechende Gespräche zwischen Milchunion und Hochwald geben sollte. Gegen die Fusion mit Humana haben die Bauern mobil gemacht, weil der Milchpreis bei Humana niedriger ist. Auch Hochwald zahlt weniger als die Milchunion. Blum: Das steht in keinem Vergleich zu den Unterschieden zwischen Milchunion und Humana. Milchunion und Hochwald würden sehr gut zusammenpassen. Auch die Einzugsgebiete sprechen dafür - es macht wenig Sinn, dass zwei Molkereien ein Dorf anfahren. Eine Fusion würde längerfristig einen stabilen und höheren Milchpreis bringen. Was bedeutet die Milchpreis-Diskussion für die Verbraucher?Blum: Wenn ein Haushalt pro Tag einen Liter Milch verbraucht und der Preis um fünf Cent steigt, dann sind das im Monat etwa 1,50 Euro. Das ist für Verbraucher vertretbar. Für Landwirte ist es existenziell, um auf Dauer in der Region Milch produzieren zu können. Allerdings liegt das nicht nur in der Hand der Verbraucher sondern auch des Lebensmittel-Einzelhandels. Da muss ein Umdenken eintreten: Einheimische Produkte müssen wieder mehr wert sein. S Mit Leo Blum sprach TV-Redakteurin Inge Kreutz.