Mogelpackung Zinsturbo

Eine Bausparkasse will Altverträge mit relativ hohen Zinsen loswerden und ködert neue Kunden mit einem sogenannten Zinsturbo. Ob dahinter wirklich eine attraktive Anlageoption steckt?

Koblenz. Das Schreiben der Bausparkasse kam Anfang Mai. Auf den ersten Blick liest es sich attraktiv. "Nutzen Sie den Zinsturbo für Ihr Bausparguthaben" steht in fetten Lettern ganz oben. Es folgen Sätze, die Marketingfachleute aufgeschrieben haben.
Wohlgemerkt: Es handelt sich nicht um irgend ein Werbeschreiben. Die Debeka schreibt Kunden an, die bei ihr schon einen Bausparvertrag abgeschlossen haben. Sicherlich sei man doch interessiert, heißt es da, für das "angesammelte Kapital eine gute Rendite zu erzielen". Und dann wieder: "Top-Konditionen über ein Exklusiv-Entnahmedepot." Die Debeka lockt zum Beispiel mit Zinsen von fünf Prozent für zwei Jahre. Die Konditionen variieren. Je nach Laufzeit des Entnahmedepots - 24 bis 60 Monate - wird eine Verzinsung von fünf, vier, 3,5 oder drei Prozent versprochen.
Attraktiv nur für eine Seite


Ist doch was in diesen Zeiten, oder? Vorsicht! Was so verlockend klingt, ist nur für einen Beteiligten attraktiv: für die Bausparkasse. Jeder Sparer, der sich auf das vermeintlich lukrative Angebot einlässt, macht ein dickes Minusgeschäft. Bausparer, die gar nichts machen, also ihr Geld auf dem Konto bei der bis weit ins Jahr 2011 angebotenen Standardverzinsung von drei Prozent liegen lassen und nicht einmal weiter in den Vertrag einzahlen, haben am Ende mehr Geld als die Kunden, die die angeblich so "attraktive Anlageoption" der Debeka ziehen.
Zum Beispiel: ein Bausparer mit 5000 Euro Guthaben. Die Debeka bietet für das Entnahmedepot vier Jahre lang 3,5 Prozent Zinsen. Bedingung: Der Vertrag wird gekündigt, das Kapital wird in 48 Monatshäppchen zu rund 111 Euro komplett verzehrt. Danach ist das Geld weg, der Kunde hat in den vier Jahren etwa 343 Euro Zinsen kassiert.
Würde der Sparer nichts tun, also das Geld in Ruhe arbeiten lassen, würden in den 48 Monaten etwa 630 Euro Zinsen auflaufen, also fast doppelt so viel.
Es kommt noch dicker: Bei Altverträgen - und die dazu gehörigen Kunden hat die Debeka angeschrieben - wird das Guthaben bei langen Laufzeiten und einem Verzicht auf das Bauspardarlehen am Ende noch einmal zusätzlich verzinst. Der Zinsbonus beträgt dann bis zu 1,5 Prozent. In unserem Beispiel macht der Zinsbonus dann noch einmal mehr als 80 Euro aus. Selbst bei einer zweijährigen Laufzeit des Entnahmedepots, bei der die Debeka den sagenhaften Zinssatz von fünf Prozent auslobt, fließen am Ende mit 236 Euro rund 150 Euro weniger Zinsen als bei der Variante "Liegen lassen und Zinsbonus kassieren".
"Nicht zu empfehlen"


Die Anlageexpertin Martha Chlebowski von der Verbraucherzentrale Baden-Württemberg hat die Renditen verglichen und kommt zu einem eindeutigen Urteil: "Der Zinsturbo ist den Kunden nicht zu empfehlen."
Das Motiv der Debeka liegt auf der Hand: Sie versucht, sich von vergleichsweise hochverzinsten Bausparverträgen zu trennen. Sie hat Kunden noch bis vor wenigen Jahren versprochen, drei Prozent Zinsen zu zahlen. In der Null-Zins-Phase, in der Banken für Guthaben bei anderen Banken sogar Strafzinsen zahlen, bereut sie es offensichtlich und versucht gegenzusteuern. Mit dem Zinsturbo macht die Debeka nach Recherchen unserer Zeitung nun aber auch recht jungen Bausparern das Angebot zum Aussteigen. Selbst Verträge, die erst vor knapp fünf Jahren abgeschlossen wurden, werden umworben. Es geht ihr offensichtlich nicht nur darum, Zahlungsverpflichtungen abzulösen, die die Zukunft beschweren. Die Debeka will auch das eigene Geschäft ankurbeln. Da raten Vertriebsmitarbeiter den Kunden, das Geld aus dem Entnahmedepot umzubetten, also wieder anzulegen. Zum Beispiel wird empfohlen, wieder einen Bausparvertrag abzuschließen. Der Slogan ist eingängig: "Günstige Darlehenszinsen für die eigenen vier Wände sichern". Auch das ist aber ein seltsamer Tipp: Die Guthabenzinsen bei dem alten Vertrag, der jetzt für den Zinsturbo liquidiert werden soll, sind viel höher. Dass der Kunde dafür erneut Abschlussgebühren zahlen müsste und die Rendite schlechter wäre, auch das verschweigt der Prospekt.
"Unverbindliches Angebot"


Die Debeka weist die Kritik zurück: Man müsse beachten, heißt es in einer Stellungnahme an unsere Zeitung, "dass es sich ausschließlich um ein unverbindliches Angebot handelt". Nur wenn der Kunde Interesse signalisiere, unterbreite ein Berater ein Angebot und kläre über alle Aspekte auf. Und weiter: "Wir gehen nicht davon aus, dass die einzige Kundenintention darin besteht, eine möglichst hohe Rendite zu erzielen." Denkbar sei auch, dass der Kunde flüssig sein wolle, etwa um einen Leasingvertrag für ein Auto abzuschließen.