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Nachhaltigkeit wird zum Boom-Faktor

Nachhaltigkeit : „Selbsterzeugter Strom macht Spaß“

Umwelt- und sozialverträgliches Wirtschaften ist nicht nur eines der Kernziele der Vereinten Nationen und der EU. Nachhaltigkeit wird zum Boom-Faktor auch im lokalen Handeln in der Wirtschaft. Wir beleuchten Branchen, Unternehmen und Kommunen mit herausragenden Zukunftsideen in einer Serie.

Energieautarke Kita, selbsterzeugte Wärmeversorgung beim Energieversorger, Null-Energie-Haus: Nachhaltigkeit und Energieautarkie scheinen einen aktuellen Boom zu erleben. „Auf jeden Fall“, bestätigt Michael Hauer, Geschäftsführer der Energieagentur Rheinland-Pfalz und damit Dienstleister und Schnittstelle zwischen Kommunen, Bürgern sowie Unternehmen im Land bei der Umsetzung ihrer Aktivitäten zur Energiewende und zum Klimaschutz. Und er macht dies exemplarisch am Waldschadensbericht des Landes fest, der knapp der Hälfte der Bäume Schäden bescheinigt.

Aber auch die Extremwassersituationen mit Starkregen und überfüllten Dorfbächen auf der einen und Wassermangel und Dürre für die Landwirtschaft auf der anderen Seite zeigt laut Hauer, wie stark das Thema inzwischen auf kleinster Ebene angekommen sei. Mit der Fridays-for-Future-Bewegung seien nochmals viele von der jungen Generation wachgerüttelt worden, konkret etwas Messbares für Umwelt und Klima zu tun.

Dass das Thema „Nachhaltiges Wirtschaften“ so an Fahrt aufgenommen hat, macht Hauer etwa am Förderprogramm des Landes für Photovoltaik-Anlagen (PV) deutlich. Für 1500 Förderanträge von Bürgern hat Rheinland-Pfalz drei Millionen Euro ausgegeben. „Doch das wichtigere: Vor Ort sind damit Investitionen bei Handwerkern und anderen Dienstleistern von mehr als 70 Millionen Euro ausgelöst worden.“

Nachhaltigkeit also als Wirtschaftsfaktor? „Definitiv“, macht der gebürtige Eifeler klar. „Neben den Investitionen sind die Bürger und Privatleute zu Unternehmern geworden, was insgesamt nicht hoch genug anzurechnen ist. Sie denken inzwischen wesentlich wirtschaftlicher und genießen zudem steuerliche Vorteile. Selbstgemachter Strom auf dem Dach macht Spaß!“ Sei es früher ein regelrechter Sport gewesen, den günstigsten Zeitpunkt im Jahr herauszufinden, um Öl für die Heizung einzukaufen, werde es jetzt immer wichtiger, so wenig wie möglich abhängig von Energieversorgern zu sein.

Dies ist für Michael Hauer jedoch nicht ohne die Kommunen im Land denkbar: Mehr als 200 kommunale Klimaschutzprojekte, 60 auf Kreisebene, 130 auf Verbandsgemeindeebene sowie mehr als 300 Verwaltungsprojekte – „Nachhaltigkeit wird immer mehr als Verpflichtung und Chance zugleich gesehen“, stellt er fest.

Wenn mehr als 40 Prozent der Verbandsgemeinden im Land über ein kommunales Energiemanagement verfügen, in dem Energieerzeugung, Energiespeicherung und Energieversorgung geregelt werden, dann steht für Hauer nicht nur der Klimagedanke im Vordergrund, sondern auch ein Wertschöpfungsfaktor: „Viele kommunale Haushalte haben eine prekäre Finanzlage. Da ist es wichtig als Gremium zu sehen, dass die Kommunen doch noch etwas gestalten können.“

Ob die Ausweitung energetischer Sanierungsgebiete, Wärmequartiers­entwicklung oder Mieterstrommodelle – im Kern geht es um umweltfreundliche, finanzierbare und am Ende gewinnbringende Ideen, die Bevölkerung mit Wärme, Kühlung und wohliger Wohnatmosphäre zu versorgen. So ist etwa die Zahl der Beratungsanfragen zur Stadtteilsanierung in Sachen Energie im Land von 30 im Jahr 2018 auf 200 im Coronajahr 2020 gewachsen.

„Gelebte Sektorkopplung“ nennt der Umwelttechnologie-Ingenieur Hauer das. So seien allein aus dem Kreis Trier-Saarburg fünf Anfragen zum Aufbau eines Netzwerkes Kalte Nahwärme eingegangen: Denn in Verwaltungsgebäuden oder Schulen geht es neben der Energieversorgung auch um die Verknüpfung von Photovoltaik, Lüftung, Wärme und Klimatisierung. Auch werden Kommunen wie etwa in der Verbandsgemeinde Südeifel oder Wittlich-Land künftig stärker darüber nachdenken, Freiflächen für die Sonnenenergienutzung bereitzustellen, ist Hauer überzeugt. „Hier sehen wir vor allem in strukturschwachen Regionen viel Potenzial. Es geht nicht darum, alles mit Kollektoren vollzusetzen, aber vorhandene Flächen sinnvoll zu gestalten“, sagt der Geschäftsführer.

Und so kann er sich – nicht zuletzt auch durch das Solarkataster des Landes – vorstellen, dass sich die Sonnenenergie-Fläche schon bald vervierfacht: „Es wird einen Boom geben“, ist Hauer sicher, zumal sogenannte 10 Kilowatt-Peak-Anlagen für Einfamilienhäuser bereits für unter 10 000 Euro zu haben seien. Aber auch Mieterstrommodelle würden immer beliebter und gefragter, bei denen sich auch Mieter dezentral mit erneuerbarem Strom versorgen können. Das Potenzial ist vorhanden: Laut Hochrechnungen könnten bis zu 3,8 Millionen Wohnungen in Deutschland mit Mieterstrom versorgt werden.

Diese Entwicklung werde aber vor allem auch durch die Industrie gefördert, deren Energieversorgung immer autonomer werde. Noch bestehende Hürden bei der nachhaltigen Energieversorgung würden schon bald fallen. Die jetzigen Energieversorger würden immer mehr zu Energiedienstleistern: „Eigenstrom bedeutet auch für die Industrie eine nachhaltige Investition.“

 Herbert Jostock (rechts) und sein Lebensretter Michael Hauer freuen sich gemeinsam mit Notärztin xx xxx, dass es ihm nach dem Herzstilllstand beim Joggen wieder so gut geht.
Herbert Jostock (rechts) und sein Lebensretter Michael Hauer freuen sich gemeinsam mit Notärztin xx xxx, dass es ihm nach dem Herzstilllstand beim Joggen wieder so gut geht. Foto: Rainer Neubert
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Logo Nachhaltigkeit Foto: TV/Typserve

Hier setzt die Energieagentur an: Schon heute müssen Kommunen sich vor der Ausweiung eines Baugebietes oder der Sanierung eines Stadtteils Fachwissen auf verschiedenen Ebenen einholen. Sollen Elektrostrom-Ladesäulen installiert werden? Welche Gesellschaftsform soll man wählen? Wie beteiligt man die Bürger? „Hier muss viel Know-How eingebracht werden, bevor der erste Handwerker anfängt. Kommunen müssen integrativer denken und wissen, wofür sie welche Förderung erhalten. Dabei werden auch Folgekosten immer wichtiger, um nicht in die Sanktionierung durch den Rechnungshof zu geraten“, weiß Michael Hauer. Und so berate die Agentur bereits in der Vorplanung und später in der Bauleitplanung. „Es wird darauf ankommen, nicht nur ambitionierte Ziele zu haben, sondern sie auch genau umzusetzen“, fordert er. Erst dann hätten Bürger, Kommunen und Unternehmen eine Entwicklungsschance. „Dazu wollen wir die Mutigen unterstützen.“