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Handwerk
„Neue Meister braucht das Land“

Handwerkspräsident Rudi Müller, Handwerksmeister Julian Kröschel und HWK-Akademieleiter Christian Neuenfeldt werben für die Ausbildung zum Meister.
Handwerkspräsident Rudi Müller, Handwerksmeister Julian Kröschel und HWK-Akademieleiter Christian Neuenfeldt werben für die Ausbildung zum Meister.
Trier . Die Handwerkskammer Trier (HWK) rührt die Trommel für den Meisternachwuchs: Lehrling, Geselle, Meister, die typische Handwerkskarriere war selten so lukrativ wie derzeit: 2000 regionale Handwerksbetriebe stehen in den kommenden zehn Jahren zur Übergabe an. Von Heribert Waschbüsch
Heribert Waschbüsch

Handwerksmeister Julian Kröschel kann sich vor Aufträgen kaum retten. In dem 1908 gegründete Elektrobetrieb in Trier beschäftigt er fünf Mitarbeiter und zwei Azubis. Seit zwei Jahren sucht Kröschel einen Elektromeister, der ihn als Firmenchef unterstützen und entlasten könnte. „Doch das ist sehr schwierig“, sagt der Unternehmer. So wirbt Julian Kröschel, Lehrlingswart der Elektroinnung Trier-Saarburg, denn auch vehement mit der Handwerkskammer Trier für mehr Meisternachwuchs. „Neue Meister braucht das Land“, appelliert der Hauptgeschäftsführer der Handwerkskammer Trier, Axel Bettendorf, für die Kammer-Initiative.

Der Hintergrund ist so ernst wie eilig, denn in den kommenden zehn Jahren warten rund 2000 regionale Handwerksbetriebe auf einen neuen Chef. Davon sind gut 60 Prozent in der sogenannten Anlage A, die die meisterpflichtigen Gewerke auflistet. Die Meisterqualifikation ist für das Führen eines Betriebes in insgesamt 41 Handwerksberufen Voraussetzung. Und ohne die Meisterbetriebe gehe im Handwerk wenig. „90 Prozent der Ausbildungsplätze im Handwerk werden von Meisterbetrieben angeboten“, sagt Christian Neuenfeldt. Der HWK-Akademieleiter hat die Untersuchung des Forschungsinstituts für Berufsbildung im Handwerk an der Uni Köln (FBH) mit regionalen Zahlen als Grundlagen für die Initiative unterlegt: Das größte Übergabe-Potenzial weist das Friseurhandwerk auf (167 Betriebe), gefolgt vom KFZ-Bereich (150), den Tischlern (117) und den Elektrotechnikern (103).

Dabei ist die Bereitschaft der Gesellen, sich für Meisterkurse anzumelden, durchaus zufriedenstellend. Fast jeder vierte Geselle entschließt sich zum Karrieresprung. Für die Kammer ist das eine nachhaltige Entscheidung: Einer Studie zufolge sind Gründer mit Meisterbrief nach fünf Jahren noch zu 70 Prozent am Markt, Gründer ohne entsprechende Qualifikation nur noch zu 40 Prozent. Und Neuenfeldt setzt noch eine Statistik drauf: „Handwerksmeister sind weniger arbeitslos als Akademiker, nämlich mit 1,6 Prozent zu 2,5 Prozent.“

Doch trotz aller Attraktivität schlägt auch hier der demografische Faktor durch. 2007 zählte die Kammer noch 765 Gesellenprüfungen in den Meisterberufen, 2017 waren es nur noch 586 Gesellinnen und Gesellen. Entsprechend ist die Zahl der neuen Meister geschrumpft. Im Zeitraum von 2007 bis 2011 waren es durchschnittlich rund 160 im Jahr, von 2012 bis 2017 waren es nur noch 130 im Schnitt. „Wir müssen davon ausgehen, dass es einen weiteren Rückgang von rund 25 Prozent gibt, wenn die Meisterquote gleich bleibt und es eine stagnierende Anzahl an Neugesellen gibt“, warnt HWK-Präsident Rudi Müller.

Dem möchte die Kammer mit aller Kraft entgegenwirken. Eine Möglichkeit sei, mehr Abiturienten für die Chancen und Karrieremöglichkeiten zu gewinnen. Für den HWK-Präsidenten hat das Handwerk in den vergangenen Jahren wieder verlorenes Image zurückgewonnen. Dies zeige sich auch daran, dass wieder mehr Abiturienten auf die Duale Ausbildung setzen. Lag der Anteil der Auszubildenden mit Abitur 2006 noch bei rund fünf Prozent, ist er in den letzten Jahren auf 12,6 Prozent angestiegen. „Mehr junge Menschen mit Abitur entscheiden sich für eine handwerkliche Ausbildung und die sind für eine Meisterausbildung prä­destiniert“, findet Neuenfeldt. Hier liegt eine Hoffnung der Kammer, denn sie geht davon aus, dass der Anstieg der Abiturienten im Handwerk die Chance bietet, die derzeitige Meisterquote um 20 Prozent zu steigern.

Die HWK sieht bei der Herausforderungen auch die Betriebe in der Pflicht. Denn den Anstoß zum Meister haben die Kandidaten vor allem aus eigenem Antrieb (81,3 Prozent), die Familie gibt mit 12,1 Prozent den Antrieb und aus dem Betrieb komme nur selten der Impuls (6,2 Prozent). „Hier aber muss mehr geschehen. Die Unternehmen müssen zur Fachkräftesicherung und auch bei der Nachfolgereglung noch aktiver werden,“ findet Rudi Müller. Der HWK-Präsident: „Meister fehlen uns in allen Branchen. Doch sie sind die Grundlage für den wirtschaftlichen Erfolg im Handwerk und ein Qualitätssiegel.“

Und wer seinen Meistertitel in der Tasche habe, der brauche sich um seine berufliche Zukunft wenig Sorgen zu machen, meint Handwerksmeister Julian Kröschel: „Wir haben mehr als genug zu tun.“

Der Meisterkurs Kraftfahrzeugtechniker (v. l.): Kevin Wirz, Ausbildungsmeister Pepe Blumberg, Yanik Müller und Sascha Feuerbach.
Der Meisterkurs Kraftfahrzeugtechniker (v. l.): Kevin Wirz, Ausbildungsmeister Pepe Blumberg, Yanik Müller und Sascha Feuerbach.