Neue Unternehmen braucht das Land

Neue Unternehmen braucht das Land

Der Trend ist eindeutig: In Bund, Land und Region ist die Zahl der Betriebsgründungen rückläufig. Weil potenzielle Arbeitgeber fehlen, gehen der Wirtschaft auch neue Arbeitsplätze und Tätigkeitsfelder verloren.

Trier. Ob Uwe Seher mit seinem Beratungs-Unternehmen für Kreise und Gemeinden, der Neven Windenergie, oder das Ingenieurbüro LP Engineering mit Aufträgen für die Konstruktion der neuen Dexia-Bil Bank im luxemburgischen Esch-Belval und für ein Gasturbinenkraftwerk der Firma Siemens in Frankreich: Solch technologie-orientierte Neugründungen, beide mit Sitz im Technologiezentrum Trier (TZT), sind selten. Denn der Hochschulstandort Trier setzt traditionell eher auf Geisteswissenschaften denn auf Fächer wie Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften oder Technik (sogenannte Mint-Fächer).
Und wenn man sich die Zahlen anschaut, so werden in Zukunft vor allem die Betriebe fehlen, die neue Technik mit pfiffigen Vermarktungsideen verbinden. Allein im TZT sind die Erstgespräche zur Gründung im Jahr 2011 von 26 auf elf im vergangenen Jahr gesunken - ein Minus von rund 60 Prozent. "Die innovativen und technologie-orientierten Betriebsgründungen waren in der Region Trier schon immer eindeutig unterrepräsentiert. Diese Situation verschärft sich nun", sagt TZT-Geschäftsfüher Heinz Schwind.
Aber auch branchenübergreifend geht die Zahl der Neugründungen zurück (siehe Extra Statistik).
Obwohl Rheinland-Pfalz die höchste Gründerquote unter den Flächenbundesländern aufweist, so machen sich dennoch insgesamt weniger Fachkräfte selbstständig - im Land ein Minus von rund vier Prozent, in der Region etwa fünf Prozent, bei Kleingewerbetreibenden sogar minus 15 Prozent.
"Der Rückgang ist zwar nicht dramatisch, macht uns jedoch nachdenklich", sagt Raimund Fisch, verantwortlich für den Geschäftsbereich Existenzgründung und Unternehmensförderung bei der Trierer Industrie- und Handelskammer (IHK). Denn auf lange Sicht gesehen fehlten so nicht nur Unternehmen und damit Arbeitsplätze insgesamt, auch wichtige Tätigkeitsfelder etwa bei neuen Technologien fielen weg. Hinzukomme eine Verschärfung der Lage durch Betriebsschließungen, weil es nicht ausreichend Nachfolger gebe. "Deshalb müssen wir rechtzeitig den Nachwuchs fördern, um auch unsere Wirtschaftsstruktur in der Region zu erhalten", sagt Fisch.
Oft Gründung im Nebenerwerb


Dabei schälen sich zwei zentrale Gründe für den Rückgang der Betriebsgründungen heraus: Zum einen werden Gründungen aus der Arbeitslosigkeit durch die Arbeitsagentur nur noch im Einzelfall mit einem Gründungszuschuss gefördert. So sind bundesweit die Bewilligungen um 85 Prozent zurückgegangen. Zum anderen "scheuen viele das Risiko, sich selbstständig zu machen", sagt IHK-Gründungsexperte Fisch. Viele gingen auf Nummer sicher und blieben, auch angesichts der guten Arbeitsmarktlage, lieber angestellt. Einen Trend, den Marco Van Elkan, Gründungsexperte und stellvertretender Geschäftsführer des Trierer Instituts für Mittelstandsökonomie (Inmit), bestätigt: "Immer wenn es der Konjunktur gutgeht, sinken die Gründungszahlen."
Allerdings gibt es einen Boom bei den Gründungen aus dem Nebenerwerb heraus. Dies hat er für eine Studie des Bundeswirtschaftsministeriums, die im späten Frühjahr vorgestellt werden soll, ermittelt. "Jede zweite Gründung entsteht als Gründung aus einer Beschäftigung, aus der Eltern- oder Familienzeit her aus", sagt er. Dabei stellten sich diese, oft als "Notgründungen" bezeichneten, Betriebsformen als gar nicht so notdürftig heraus. Ob Rentner, die sich mit ihren Erfahrungen nützlich machen wollen, Frauen, die als Freiberufler ihre Arbeitszeit besser mit der Kinderbetreuung vereinbaren können, oder Festangestellte, die ihre Hobbys oder ihr berufliches Wissen in der Selbstständigkeit ausloten wollen: "Für sie alle bietet die Gründung die Chance, verschiedene Optionen ausprobieren zu können", sagt Van Elkan, der selbst als Freizeitwinzer im Nebenerwerb Unternehmer ist. Und oftmals würden auch so zusätzliche Stellen geschaffen. Jede einzelne Neugründung schafft laut den jüngsten Studien immerhin 2,5 weitere Arbeitsplätze.
Bei der Handwerkskammer (HWK) Trier sieht man den Rückgang der Gründungszahlen derweil weniger kritisch. "Quantität bedeutet ja nicht gleich Qualität", sagt HWK-Gründungsexperte Christian Neuenfeldt. So habe sich im regionalen Handwerk nach 2004 ein wahrer Gründungsboom von 350 auf rund 500 Betriebe jährlich allein daraus ergeben, dass mit der Handwerksnovelle nur noch in 41 Berufen ein Meisterbrief zur Gründung nötig gewesen sei. Und so stellen beide regionalen Kammern zwar ein ungebrochen großes Interesse an Betriebsgründungen fest. "Auffällig ist aber, dass sich Gründer intensiver mit der Finanzierung und damit mit der Umsetzung ihres Vorhabens beschäftigen", heißt es bei der IHK.Extra

Bislang 30 sogenannte "Starterzentren" der Wirtschaftskammern im Land bieten seit gut zehn Jahren alle Dienstleistungen zur Unternehmensgründung aus einer Hand an - von der Erstinformation bis hin zur Gewerbeanmeldung. Rund 90 Prozent der Unternehmensgründer bewerten Kompetenz, Inhalte und Terminvergabe der Starterzentren als gut oder sehr gut, wie die erste Umfrage der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier ergeben hat. 86,8 Prozent der potenziellen Unternehmensgründer gaben an, dass ihnen das Gespräch mit den Beratern weitergeholfen hat. 92,3 Prozent der Befragten beurteilten die Fachkompetenz als gut bis sehr gut. Kundenorientierung und Gesprächsführung liegen sogar noch etwas besser. "Das zeigt das sehr hohe Niveau in der Qualität der Beratung. Die Starterzentren haben einen nachhaltigen Eindruck hinterlassen", sagt Peter Adrian, Präsident der IHK-Arbeitsgemeinschaft Rheinland-Pfalz und Präsident der IHK Trier. Die Umfrage soll ein Baustein zur kontinuierlichen Weiterentwicklung des Gründerservices werden. sasExtra

Laut den jüngsten Daten des Statistischen Landesamtes gab es in den ersten drei Quartalen 2012 in der Region Trier 3060 Gewerbeanmeldungen. Ihnen stehen 3176 Abmeldungen gegenüber. Damit fällt der Saldo ungewöhnlich negativ aus. Bislang hat es laut Angaben der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier noch stets einen positiven Saldo gegeben. Allerdings sind die Gewerbeanmeldungen insgesamt seit einigen Jahren rückläufig. Bei jährlich rund 4000 neuen Gründungen sinkt ihre Zahl laut IHK pro Jahr um etwa fünf Prozent, im Land gab\\'s ein Minus von vier Prozent. sas

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