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Ausbildung: Noch freie Plätze auf der Karriereleiter

Ausbildung : Noch freie Plätze auf der Karriereleiter

Während viele Hotels und Gastbetriebe händeringend einen Unternehmensnachfolger suchen, geht die Zahl der Absolventen an der einzigen regionalen Fachschule für Hotelbetriebswirtschaft zurück.

Aktueller hätte das Thema ihrer prämierten Abschlusspräsentation nicht sein können. Just in der Woche, als bekannt wurde, dass das millionenschwer sanierte Fünf-Sterne-Hotel Schloss Lieser einen neuen Eigentümer gefunden hatte, stellten Markus Olechny, Kevin Müllerstein und Thanyaphat Weesommai ihr Konzept für eine Eröffnungsfeier des Hotels vor. Die drei Schüler der staatlichen Fachschule für Hotelbetriebswirtschaft in Bernkastel-Kues hatten in ihrem gemeinsamen Abschlussprojekt vom Menü über den Kostenplan bis hin zur Stellenanzeige für Personal eine komplette Planung für eine solche Veranstaltung erstellt, die wohl bald Realität werden könnte.

Das Trio wird bald seinen Abschluss machen, im neuen Schuljahr startet dann die nächste, zweijährige Runde an der Fachschule, die an der Berufsbildenden Schule Bernkastel-Kues angesiedelt ist.  „Wir können noch Schüler aufnehmen, wir haben noch Kapazitäten“, sagt Schulleiter Willi Günther: „Im Gegensatz zu anderen Privatschulen ist die zweijährige Ausbildung bei uns kostenlos.“ Trotz dieses Vorteils sind die Schülerzahlen in Bernkastel-Kues in den vergangenen Jahren rückläufig.

Die Situation der Branche: Diese Entwicklung ist umso erstaunlicher, da der Dachverband Dehoga seit Jahren alarmierende Zahlen präsentiert, was die Unternehmensnachfolge gerade in der Eifel-Mosel-Region betrifft. „Bei 60 Prozent der gastgewerblichen Betriebe in Rheinland-Pfalz steht in Kürze die Übergabe an. In nur einem Viertel der anstehenden Geschäftsübergaben steht überhaupt ein potenzieller Übernehmer zur Verfügung“, heißt es in einer Dehoga-Mitteilung. Und genau diese Gruppe von künftigen Hotel- und Gastronomie-Chefs bildet die Schule in Bernkastel-Kues aus.

Die Schule wird aktiv: Vor einigen Wochen hatte die Hotelfachschule daher zu einem Informationsaustausch mit regionalen Hotels und Restaurants eingeladen, um für die zweijährige Zusatzqualifikation zum Hotelbetriebswirt zu werben, große Hotelketten wurden für eine potenzielle Kooperation für künftiges Führungspersonal angeschrieben, überregional wurde Werbung geschaltet, alle ehemaligen Azubis, die in den vergangenen Jahre an der Hotelfachschule waren, wurden angeschrieben.

Das sagt der Experte: Einer der Hoteliers, der beim Informationsaustausch war, ist Frank Weiler. Der Besitzer des Vier-Sterne-Hotels Naturpur Maarblick in Meerfeld (Kreis Bernkastel-Wittlich) war 1990 einer der ersten Absolventen der Fachschule für Hotelbetriebswirtschaft in Bernkastel-Kues. Für ihn gibt es zwei Gründe für die Entwicklung: „Erstens gab es damals bundesweit nur drei, vier Hotelfachschulen, die den Betriebswirt angeboten haben. Heute gibt es alleine drei staatliche Schulen in Rheinland-Pfalz, und bundesweit sind die privaten Schulen wie Pilze aus dem Boden geschossen. Und zweitens geht die Zahl der Azubis im Hotel- und Gastgewerbe dramatisch zurück. Immer mehr Schulen stehen also immer weniger potenzielle Schüler gegenüber. Das ist die Krux.“ Als Weiler seinen Betriebswirt machte, waren die Zulassungsvoraussetzungen noch ganz andere: Die Ausbildung musste mit einer Note von mindestens 2,0 abgeschlossen werden, zudem musste man sieben Jahre Berufserfahrung nachweisen, heute geht das einfacher (siehe Extra).

Karrierechancen: „Das gesamte Gastgewerbe hat ein Riesen-Nachwuchsproblem, was auch daran liegt, dass heute kaum noch ein Schüler eine Ausbildung machen will, sondern fast alle studieren wollen. Da bleibt für unser Gewerbe nicht mehr viel übrig. Und wenn wir keine Fachkräfte haben, blutet auch irgendwann die Hotelbetriebswirt-Fachschule aus. Dabei ist unsere Branche bei einer ordentlichen Ausbildung ein Riesensprungbrett für eine Karriere“, sagt Weiler.

Alternative zur Vollzeitschule: Er hatte im heimischen Betrieb seiner Eltern Koch gelernt, hat sich dann in Bernkastel-Kues vor allem sein kaufmännisches Wissen angeeignet. Aber schon damals war ein Problem, dass die Schule nur in Vollzeit angeboten wurde: „Zwei Jahre lang war ich fünf Tage pro Woche auf der Schule, am Wochenende habe ich mir dann als Koch ein bisschen Geld dazuverdient“, sagt Weiler. Genau an diesem Thema arbeiten Schulleiter Günter, Fachlehrer Jens Riplinger und sein Team gerade: „Eine Idee ist, die Fachschule auf drei Jahre auszudehnen, und nur in den Wintermonaten in Vollzeit anzubieten, damit die Schüler in den einnahmestarken Monaten auch in ihren Betrieben arbeiten können“, sagt Riplinger.

In einer Arbeitsgruppe wird nicht nur das Thema Dauer der Schulzeit angegangen, auch der Praxisbezug soll durch Kooperationen mit regionalen Betrieben erhöht werden. Da könnte schon das Abschlussprojekt der aktuellen Schulabgänger zum Thema Schloss Lieser ein Start gewesen sein.

Das sagen die Schüler: Markus Olechny ist gelernter Koch und sieht dank seines Abschlusses als Betriebswirt nun „sehr viele Jobchancen in der Region. Die Schule hat mich fit gemacht, um zum Beispiel im mittleren Management einzusteigen. Die gesamte Palette an kaufmännischen Themen war für mich der Reiz, die Schule zu besuchen.“

Sein Klassenkamerad Kevin Müllerstein hat eine konkrete Perspektive: Er soll irgendwann den elterlichen Betrieb Nero-Burg in Neroth (Vulkaneifelkreis) übernehmen. Vorher aber sucht er nach einem Job auf einem Kreuzfahrtschiff. Für Thanyaphat Weesommai, die aus dem Rhein-Main-Gebiet kommt und ihre Ausbildung in einem Frankfurter Hotel absolvierte, war ein Aspekt entscheidend, warum sie an die Mosel kam: „Im Gegensatz zu privaten Schulen ist Bernkastel-Kues kostenlos, und der Abschluss ist identisch.“ Sie sieht ihre Zukunft im Hotel-Management.

Und die Zukunft ihrer Schule? Hotelier Frank Weiler ist nachdenklich: „Ich weiß nicht, wie es gerade für die Region weitergehen würde, wenn diese Institution wegbrechen würde. Allein zwischen Trier und Koblenz gibt es rund 3000 Betriebe, die mindestens 10 000 Mitarbeiter brauchen – und natürlich auch Führungspersonal.“