Ob Tischler, Dachdecker oder Bäcker: In der Region gibt es mehr als 1000 offene Lehrstellen und 1500 freie Jobs

Ob Tischler, Dachdecker oder Bäcker: In der Region gibt es mehr als 1000 offene Lehrstellen und 1500 freie Jobs

Nachwuchs wird im Handwerk händeringend gesucht. Angetrieben von der hohen und wachsenden Baunachfrage sollen die Handwerksumsätze in diesem Jahr um immerhin bis zu zwei Prozent steigen.

Trier. Während inzwischen rund die Hälfte aller Schulabgänger an die Hochschulen und Universitäten drängt, kämpft das Handwerk zunehmend mit Nachwuchssorgen. Dies belegen Umfragen und Zahlen im Vorfeld der Internationalen Handwerksmesse (ab Donnerstag, 12. März) in München. Auch in der Region Trier. Das vergangene Ausbildungsjahr haben die Betriebe in Eifel, Mosel und im Hunsrück abgeschlossen, obwohl noch 500 freie Lehrstellen unbesetzt waren.Imageprobleme in der Praxis


Und für das neue Ausbildungsjahr sieht es auch nicht anders aus: Die knapp 7000 Betriebe aus der Region Trier bieten schon jetzt mehr als 1000 freie Lehrstellen an. "Unsere Region ist für junge Menschen ein Chancen-Paradies", wird Günther Behr, Ausbildungsreferent der Handwerkskammer Trier, nicht müde zu betonen.
In der Praxis haben die Betriebe jedoch vor allem mit Imageproblemen ihrer Gewerke zu kämpfen: "Wir stellen fest, dass viele junge Leute, die mal ins Handwerk reinschnuppern und etwas mit ihren eigenen Händen geschaffen haben, gern im Handwerk weiterarbeiten", sagt Raimund Licht, vorsitzender Kreishandwerksmeister Eifel-Mosel aus Lieser (Kreis Bernkastel-Wittlich). Das Phänomen sei aber auch eines der gesamten Gesellschaft. Handwerkliche Tätigkeiten würden selten wertgeschätzt, sagt der Bäckermeister mit dem über 50-jährigen Betrieb an der Mosel. Brötchen vom Bäcker seien jedoch nicht so günstig zu haben wie Industrieware für wenige Cent - ein Vermittlungsproblem. "Das Handwerk hat sich zu lange unter Wert verkauft", sagt Licht. Er ist aber durchaus auch selbstkritisch. "In Sachen Imagepflege hätten wir schon lange mehr machen müssen."
Hierbei geht es auch darum, nicht nur junge Leute - selbst mit schlechteren Noten - in eine handwerkliche Ausbildung zu bringen, sondern Lehrlinge generell bei der Stange zu halten. Denn immer mehr Azubis brechen ihre Ausbildung ab, wie auch jüngst die Tagung der regionalen Lehrlingswarte und Berufsschullehrer bescheinigte.Zwei neue Ausbildungsbetreuer


Die Lösung: Zwei zusätzliche Ausbildungsbetreuer sollen nun dabei helfen, leistungsschwächere Jugendliche zu fördern und Betriebe in der Region zu unterstützen. Aber nicht nur bei der Ausbildung müssen die Handwerker mit ihren Kampagnen verstärkt für sich und ihre Branchen werben. So stellen das Bundesinstitut für Berufsbildung und das Institut für Arbeits- und Berufsforschung für die Zukunft fest: Der deutschen Wirtschaft werden in Zukunft vor allem betrieblich ausgebildete Fachkräfte fehlen. Auch bei Meistern und Technikern soll es zunehmend Engpässe geben. Zeitgleich werden die Arbeitsmarktchancen für Ungelernte weiter sinken.
Schon jetzt könnte das Handwerk in der Region Trier mehr als 1500 Fachkräfte zusätzlich beschäftigen, doch die Fachkräfte gibt es auf dem Arbeitsmarkt nicht. Hinzu kommen Hunderte Betriebe, die in den kommenden Jahren einen Nachfolger suchen. "Wir haben zu wenige und zu wenig gut ausgebildete Handwerker", stellt Günther Behr fest. Wer im Handwerk arbeiten wolle, habe gute Aufstiegs- und Einkommenschancen. "Selbst wenn es mal einen Konjunktureinbruch geben sollte, wird die Lage auf längere Sicht so bleiben", ist er sicher.
"Ist die Suche nach geeigneten Azubis, vor allem im Nahrungsmittelgewerbe und in technischen Berufen, schon schwer genug, so ist die Suche nach ausgebildeten Fachkräften eine Katastrophe", weiß Herbert Tschickardt, Kreishandwerksmeister Trier-Saarburg. Eine mittlere Führungsebene mit Fachkräften von außen zu besetzen, sei quasi unmöglich. Da müssen Handwerker durchaus kreativ werden. In der Zimmerer-Innung Trier-Saarburg helfe man sich immer wieder untereinander einmal aus, sagt der Zimmerermeister. Und auch beim Blick über die Grenzen gebe es bei der Fachkräfteakquise kaum Schranken. "Wir würden - auch angesichts der hohen Zahl arbeitsloser Jugendlicher - gern junge Luxemburger zur Ausbildung einstellen", sagt der Kreishandwerksmeister. Allerdings sei es seinen Luxemburger Handwerkskollegen verboten, in den Schulen für eine Ausbildung zu werben.
Dem Fachkräftemangel kann sein Kollege Raimund Licht aber auch etwas Gutes abgewinnen. "Derzeit verengt sich die Sichtweise sehr auf den Mangel. Darin liegt jedoch auch eine Chance", sagt der Bäckermeister. Und hat dafür auch eine Begründung: Derzeit sei das Handwerk nicht attraktiv. Wenn die Fachkräfte jedoch rarer würden, so würden Handwerksleistungen auch teurer, die Löhne höher und damit die Berufe wieder attraktiver.Extra

Der Zentralverband des deutschen Handwerks (ZDH) vertritt gut eine Million Handwerksbetriebe in Deutschland. Die beschäftigen rund 5,3 Millionen Beschäftigte und erwirtschaften im Jahr einen Umsatz von gut 508 Milliarden Euro. Nachdem das deutsche Handwerk sein Geschäft 2011 kräftig um 7,4 Prozent ausbauen konnte, waren die Umsätze bereits 2012 um drei Prozent zurückgegangen. Im vergangenen Jahr nun hat das deutsche Handwerk erneut an Geschäft verloren. Die Umsätze gingen im Vergleich zu 2012 um 0,8 Prozent zurück, teilt das Statistische Bundesamt mit. Besonders deutlich sanken die Erlöse im Ausbaugewerbe (minus 1,5 Prozent) und im Kraftfahrzeuggewerbe (minus 1,2 Prozent). Die Zahl der Beschäftigten sank im vergangenen Jahr um 0,7 Prozent. Für das laufende Jahr rechnet der Zentralverband des deutschen Handwerks mit Umsatzsteigerungen um bis zu zwei Prozent. In der Region Trier sind bei der Handwerkskammer etwa 6900 Betriebe mit 40 000 Beschäftigten und rund 4000 Lehrlingen eingetragen. Sie erwirtschafteten in den vergangenen Jahren einen vergleichsweise stabilen Umsatz von jährlich jeweils rund 3,6 Milliarden Euro. Auch für das aktuelle Jahr geht die Kammer von einem ähnlichen Umsatz aus, Tendenz leicht steigend. sas

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