"Panik macht keinen Sinn"

"Panik macht keinen Sinn"

Der Präsident des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Matthias Wissmann, fordert weitere Hilfen für die deutschen Autobauer. Mit Wissmann sprach TV-Korrespondent Hagen Strauß.

Berlin. (has) Wenn im Juni die Befreiung von der KFZ-Steuer bei einem Neuwagenkauf auslaufe, müssten unmittelbar danach neue Absatzimpulse gesetzt werden, so Wissmann im Gespräch mit unserer Zeitung. Der Verbraucher sei überdies klug beraten, in den nächsten Wochen und Monaten einen Neuwagen zu kaufen.

Herr Wissmann, 2008 war ein dramatisches Krisenjahr für die Autobauer. Wie wird das neue Jahr 2009?

Wissmann: Mindestens die ersten Monate werden eine schwierige Zeit werden. Das wissen wir bereits aus den Auftragseingängen. Wir wollen aber alles tun, um nach der Krise stärker zu sein als alle unsere Wettbewerber - weil wir die innovativsten Autos bauen.

Ist das das Prinzip Hoffnung? Es gibt Experten, die sagen, es wird grausam.

Wissmann: Dass in den letzten Monaten auf allen Weltmärkten für alle Hersteller die Nachfrage eingebrochen ist, eine solche Situation hat es in der Tat noch nicht gegeben. Trotzdem macht es keinen Sinn, Panik zu verbreiten. Zumal die deutsche Automobilindustrie momentan nahezu die einzige ist, die in Europa, Amerika und auch in Asien Marktanteile gewinnt.

Neue Autos stehen massenweise auf Halde. Rechnen Sie mit einem weiteren Preisverfall?

Wissmann: Da die Unternehmen die Produktion zurücknehmen, gehe ich von einer Stabilisierung der Preise aus. Klar ist: Der Verbraucher ist klug beraten, wenn er in den nächsten Wochen und Monaten einen Neuwagen kauft. Er kann die Steuerbefreiung mitnehmen, er hat einmalig günstige Angebote. Und er kann davon ausgehen, dass es eine grundlegende KFZ-Steuerreform geben wird, die ebenfalls Entlastungen bedeutet.

Wie wird sich auf der anderen Seite die Joblage in der Branche entwickeln - sind Werksschließungen oder eine Pleitewelle bei den Händlern zu befürchten?

Wissmann: Um die Händler, aber auch um die Zulieferer muss man sich besondere Sorgen machen. Hersteller und Zulieferer sind aber gewillt, so lange wie möglich an der Stammbelegschaft festzuhalten. Nur mit qualifizierten Mitarbeitern kommen wir aus der Krise.

In den nächsten Tagen wird die Bundesregierung über ein weiteres Konjunkturpaket entscheiden. Fordern Sie erneute Hilfen für die Autobranche?

Wissmann: Die Befreiung von der KFZ-Steuer bei einem Neuwagenkauf war ein richtiger Schritt. Sie gilt allerdings nur noch bis Juni. Unmittelbar danach muss es zu einer Neuordnung der KFZ-Steuer nach CO{-2}-Gesichtspunkten kommen, um damit die Absatzimpulse zu verlängern. Ich plädiere darüber hinaus für eine Umweltprämie bei dem Erwerb umweltfreundlicher Neuwagen. Sie sollte jedem gewährt werden, der in seinem Segment ein umweltfreundliches Fahrzeug erwirbt. Das heißt, eine Umweltprämie muss für alle Klassen gelten, nicht nur für die Kleinstwagen.

Welche Rollen spielen bei der Krisenbewältigung die Banken? Sie haben unlängst verschärfte Kreditbedingungen beklagt.

Wissmann: Wir haben von unserer differenzierten Kritik nichts zurückzunehmen. Die Kreditversorgung leidet. Immer mehr Unternehmen erhalten entweder deutlich teurere Kredite oder aber gar keine. Wer sich aus den Banken gegen unsere Kritik wehrt, soll dies durch Taten, also durch Aufrechterhaltung der Kreditversorgung tun. Hinzu kommt übrigens, dass die Kreditversicherer auf breiter Front zurückhaltend agieren, was für die Lieferversorgung der Automobilindustrie und die Wertschöpfungskette hochgefährlich ist.

Müssen Sie nicht auch Ihre eigene Branche rüffeln? Ein Teil der Krise ist doch hausgemacht durch eine gnadenlose Überproduktion und eine falsche Modellpolitik.

Wissmann: Dass die Produktion weiter zurückgefahren werden muss, sollte jedem klar sein. Es stimmt, der Wettbewerb um die innovativsten Autos bei der Verbrauchseffizienz und der Umweltfreundlichkeit entscheidet über die künftige Platzierung auf dem Weltmarkt. Deshalb kann ich nur dazu raten, die Forschungs- und Entwicklungsinvestitionen auf hohem Niveau zu belassen.

zur person

Matthias Wissmann ist seit anderthalb Jahren Präsident des Verbandes der Automobilindustrie. Der 59-jährige Christdemokrat war von 1993 bis 1998 Bundesverkehrsminister. Sein Bundestagsmandat legte Wissmann 2007 nieder.