Preise verderben die Milch

Preise verderben die Milch

Ein gutes Jahr liegt hinter den Milchbauern, ein schwieriges noch vor ihnen. Das zeigt sich auch in der gestern vorgelegten Bilanz der Hochwald-Molkerei in Thalfang (Kreis Bernkastel-Wittlich).

Thalfang. Der Milchbauer der Zukunft hat 500 Kühe im Stall, Melkroboter übernehmen die Arbeit. So jedenfalls sieht es Hans-Jürgen Sehn. Der 58-Jährige aus Briedeler Heck (Kreis Cochem-Zell) ist selbst Milchbauer. Außerdem ist er Aufsichtsratsvorsitzender der Hochwald-Molkerei in Thalfang, der drittgrößten Molkerei in Deutschland. Mit dem derzeitigen Milchpreis von im Schnitt 20 Cent pro Kilogramm könnte kaum noch ein Milchbauer überleben, sagt Sehn. Jeder Preis unter 25 Cent sei existenzbedrohend - die Folge sei, dass nur noch große Betriebe rentabel seien. Karl-Heinz Engel, Chef der Molkerei, die an neun Standorten Milchprodukte herstellt, macht den Milchbauern auch wenig Hoffnung, dass die Preise in den nächsten Monaten ansteigen werden. Hochwald bezahlt derzeit seinen Bauern mit Zuschlägen rund 22 Cent für den Liter Milch. Im vergangenen Jahr waren es noch 34 Cent. Bis Herbst sind die Preise mit den Lebensmittel-Discountern festgeschrieben, nach dem Sommer beginnen die Verhandlungen. Höhere Preise für Milch lassen sich laut Engel aber vermutlich nicht durchsetzen. Das mussten die Milchbauern bereits im vergangenen Jahr erfahren. Nachdem der Lebensmittelhandel die Preise aus Solidarität mit den vor einem Jahr wegen des Preisverfalls der Milch protestierenden Landwirten kurzzeitig angehoben hat, ging die Nachfrage nach Milchprodukten dramatisch zurück. Die Verbraucher seien eben nicht dazu bereit, jeden Preis für die Milch zu zahlen, sagt Engel. Und nicht nur die. Auch die Industrie hat sich wegen der höheren Milchpreise umorientiert. Speise-Eis wird mittlerweile fast komplett ohne Milch produziert, auch der aus Laboratorien stammende Analogkäse aus Pflanzenfett, der häufig auf Fertigpizzen landet, ist Resultat der hohen Milchpreise und des immer stärker werdenden Preiskampfes im Einzelhandel. Für Hochwald, die auch Pizzakäse produzieren, sei Analogkäse kein Thema, sagt Engel.

Trotz der niedrigen Preise im Supermarkt ist die Milchnachfrage im Mai um neun Prozent gesunken. All das führt dazu, dass der Markt unter Druck ist, sagt Engel. Daher rechnet er mit einem deutlichen Umsatzrückgang in diesem Jahr. Statt der im vergangenen Jahr erwirtschafteten rund 1,3 Milliarden Euro wird es 2009 laut Engel wohl nur knapp eine Milliarde Euro sein. Neben den Problemen auf dem deutschen Milchmarkt muss Hochwald auch mit rückläufigen Exporten rechnen. Das Unternehmen ist zum Beispiel mit einer eigenen Marke stark in Saudi-Arabien vertreten.

Dabei hätte 2009 ein gutes Jahr für Hochwald werden können. Die angelieferte Milchmenge wird sich erhöhen; sie liegt derzeit sechs Prozent über dem des ersten Halbjahres 2008. Abgehakt hat man bei Hochwald den Protest der Milchbauern. Tagelang blockierten sie im vergangenen Sommer die Tore der Molkerei. Die Vertreterversammlung der Milchbauern, die zur Hochwald-Genossenschaft gehören, habe beschlossen, einen Schlussstrich zu ziehen. Trotz des durch den Boykott entstandenen Millionenschadens sehe man von Schadenersatzforderungen gegen rund 2000 am Boykott beteiligten Bauern ab, sagte Aufsichtsrat Sehn. extra Frisch-Milch: Die Molkereien sollen per Verordnung gezwungen werden, sogenannte haltbare Frischmilch als solche zu kennzeichnen. Das fordert Bundesverbraucherministerin Ilse Aigner (CSU). Eine freiwillige Vereinbarung mit der Milchindustrie und dem Handel sei fehlgeschlagen. Die haltbare Frischmilch ist drei Wochen haltbar, herkömmliche Frischmilch knapp eine Woche. Bei Hochwald hat man bereits reagiert. Auf den Packungen mit der haltbaren Frischmilch findet sich laut Marketing-Chef Andreas Schneider der Aufdruck "länger haltbar". Mittlerweile mach die sogenannte ESL-(Extended Shelf Life)-Milch fast 40 Prozent des Frischmilchumsatzes aus, sagte Schneider. (wie/dpa)