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"Regeln für den Jugendschutz gefragt"

"Regeln für den Jugendschutz gefragt"

Es geht um viel Geld: Experten schätzen das Werbeaufkommen der Alkoholindustrie nur für den Sport auf rund 800 Millionen Euro im Jahr. Nun streiten in einer Allianz Wirtschaft und Sport mit der Politik darum, ob oder in welcher Form es ein "Bierwerbeverbot" (der TV berichtete) geben könnte.

Trier/Berlin. (hw) In der Braubranche geht die Angst um: Pläne der Drogen- und Suchtbeauftragten der Bundesregierung Sabine Bätzing (SPD) sehen ein Bierwerbeverbot vor. Am 15. September treffen Brauer und Sportverbände noch einmal mit Bätzing zusammen. Im Vorfeld sprach die 33-Jährige mit TV-Redakteur Heribert Waschbüsch.

Die deutschen Brauereien befürchten, dass die Umsetzung der Pläne des Aktionsprogramms Tausende von Arbeitsplätzen in der Braubranche und in der Gastronomie zerstören. Sehen Sie das auch so?

Bätzing: Durch das Nationale Aktionsprogramm zur Alkoholprävention werden keine Arbeitsplätze verloren gehen. Durch das Aktionsprogramm soll der Alkoholkonsum von Kindern und Jugendlichen, während der Schwangerschaft und im Straßenverkehr reduziert beziehungsweise verhindert werden. Es geht um die Reduzierung des Alkoholmissbrauchs. Die Befürchtungen der deutschen Brauer sind vor diesem Hintergrund ohne Grundlage.

Die Alkoholindustrie bestreitet aber einen Zusammenhang von Alkoholkonsum, der rückläufig ist, und zunehmenden Alkoholexzessen, die drastisch ansteigen. Wie sehen Sie das?

Bätzing: Der Alkoholkonsum ist nicht rückläufig, er stieg im vergangenen Jahr zum ersten Mal wieder an, von 10,0 auf 10,1 Liter pro Kopf und Jahr. Die Alkoholexzesse nehmen tatsächlich drastisch zu, besonders unter jungen Menschen. Beiden Entwicklungen versucht das Nationale Aktionsprogramm zur Alkoholprävention entgegenzuwirken. Durch den hohen Alkoholkonsum entstehen in Deutschland jedes Jahr 20 Milliarden Euro Kosten, auch hier ist eine Reduzierung dringend notwendig.

Die Brauereien leugnen einen Zusammenhang zwischen Werbung und Konsum: "Der Einfluss der Alkohol-Werbung auf die Trinkmenge der Jugendlichen lässt sich empirisch nicht nachweisen." Wie sehen Sie diese Behauptung?

Bätzing: Allein in den letzten fünf Jahren wurden sechs Studien veröffentlicht, die den Einfluss der Alkoholwerbung auf Kinder und Jugendliche nachweisen Alkoholwerbung wird von Kindern wahrgenommen, als "witzig" bewertet, Alkoholwerbung erzeugt ein positives Bild von Alkoholkonsum und steigert das Interesse am Alkoholkonsum. Die Folgen von Alkoholwerbung: Jugendliche, die viel Alkoholwerbung sehen, beginnen früher Alkohol zu trinken, trinken eher riskant und neigen später zu Alkoholmissbrauch. Diese Studien wurden von der Europäischen Kommission nochmals geprüft, und die Ergebnisse wurden bestätigt.

Müsste ein Werbeverbot sich auch auf alkoholfreie Produkte von Brauereien auswirken?

Bätzing: Ein vollständiges Werbeverbot steht nicht zur Debatte, es geht um den Jugendschutz. Kinder sehen bis mindestens 20 Uhr fern, deshalb darf vor 20 Uhr keine Alkoholwerbung gesendet werden. Da Kinder und Jugendliche Werbung für alkoholfreies und -haltiges Bier nicht unterscheiden können, muss alkoholfreies Bier miteinbezogen werden. In Polen haben Ausnahmen für alkoholfreies Bier leider einen Missbrauch hervorgerufen.

Brauereien unterstützen im großen Maße Vereine. Diese befürchten nun enorme Einnahmeverluste. Wie sehen Sie diese Situation?

Bätzing: Auch diese Befürchtungen sind ohne Grundlage, da es nicht um ein Verbot des Sponsorings geht. Tatsächlich sind nur eindeutige Regeln für den Jugendschutz gefragt: Keine Bierwerbung auf den Trikots von Kindern und Jugendlichen, kein Alkoholsponsoring für Jugendmannschaften, klare Suchtprävention in allen Sportvereinen. Dadurch entstehen keine Einnahmeverluste, aber unsere Kinder werden besser vor Alkoholmissbrauch geschützt. In den meisten Sportvereinen existieren bereits derartige Regeln, der Fußball muss noch etwas nachholen. Aber darüber spreche ich nächste Woche mit dem Deutschen Fußballbund.

Die Brauwirtschaft bietet ihre Unterstützung für Präventionsmaßnahmen an, die Jugendliche vom exzessiven Alkoholkonsum abhalten sollen. Was halten Sie davon?

Bätzing: Suchtprävention wird in Deutschland von der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung (BZGA), von zahlreichen Vereinen, in Schulen, der Polizei und Ärzten betrieben. Die Brauwirtschaft kann sich mit ernsthaften und wissenschaftlich abgesicherten Kampagnen gerne beteiligen. Die Spirituosenindustrie hat hier ein gutes Beispiel gegeben. Die bisherigen Kampagnen der Brauer erfüllen die Mindestkriterien - wissenschaftlich abgesichert und auf Grundlage von modernen Präventionsansätzen erarbeitet sowie breiter Einsatz - leider nicht.

Meinung

Unvereinbare Ziele

Die Gespräche zwischen Alkoholwirtschaft und der Drogen- und Suchtbeauftragten könnten sich die Beteiligten schenken. Zu unterschiedlich sind die Auffassungen, zu weit liegen die Pläne der beiden "Streithähne" auseinander. Sabine Bätzing will, dass die Deutschen weniger Alkohol konsumieren, die Wirtschaft will Bier und Wein verkaufen, nicht in homöopatischen Dosen, sondern so, dass die Gewinne sprudeln. Das lässt sich nicht in einigen Gesprächen lösen, sondern es wird ein langes politisches Ringen geben. h.waschbuesch@volksfreund.de Zur Person: Die 33-jährige Sabine Bätzing wurde am 13. Februar 1975 in Altenkirchen im Westerwald geboren. 1994 machte sie Abitur am Westerwald-Gymnasium und anschließend, bis 1997, eine Ausbildung im gehobenen nichttechnischen Dienst mit Abschluss als Diplomverwaltungswirtin (FH). Bätzing ist Mitglied des Bundestages seit 2002 und seit Dezember 2005 Drogenbeauftragte der Bundesregierung. Sie ist verheiratet.