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Regionale Wirtschaft: Hoffnung für die Industrie, Sorgenkind Handel

IHK-Konjunkturbericht : Aufwärts aus dem Corona-Tal - Hoffnung für die Industrie, Sorgenkind Handel

Der Aufschwung ist da. Doch er ist zerbrechlich, und es wird noch Monate oder Jahre dauern, bis die Konjunktur in der Region zu alter Stärke zurückfindet. Warum die Lage in der Industrie Hoffnung weckt und der Handel das Sorgenkind der Wirtschaft bleibt.

Wenn die meisten Bundesländer wie Rheinland-Pfalz ein Beherbergungsverbot für Urlauber aus inländischen Corona-Risikogebieten beschließen, dann hat das auch direkte Auswirkungen auf Konjunktur und Wirtschaftskraft in der Region Trier. Hatten nämlich viele Hotels an der Mosel, in der Eifel oder im Hunsrück dank guten Wetters und vieler Deutschland-Urlauber einen Boom-Sommer 2020, so werden sie absehbar in den kommenden Wochen weitaus weniger Einnahmen haben, weil Nachweise über negative Corona-Tests und striktere Corona-Regeln gelten. „Hier sehen wir die erheblichen Auswirkungen, die das permanente Abwägen von so viel Wirtschaft wie möglich unter der Wahrung des Gesundheitsschutzes derzeit bedeutet“, macht Jan Glockauer, Hauptgeschäftsführer der Industrie- und Handelskammer (IHK) Trier bei der Vorstellung der jüngsten Konjunkturdaten deutlich. „Wir haben es bislang geschafft, zwei Drittel des Absturzes aus dem Lockdown im Frühjahr an Wirtschaftsleistung wieder wettzumachen. Aber es kommt jetzt darauf an, das zu halten und weiter zu steigern.“

Die aktuelle Konjunktur

„Der Motor ist wieder angelaufen. Jetzt müssen wir darauf achten, dass er nicht wieder ins Stottern gerät.“ So bildreich formuliert der IHK-Chef die derzeitige Wirtschaftslage in der Region Trier gern, wenn er Wert darauf legt, dass es zwar positive Signale aus den Reihen der Unternehmen gibt, es aber noch einiges zu tun gibt, um das Wohl aller bilanzieren zu können. Denn dass die Kammer zum zweiten Mal in diesem besonderen Corona-Jahr zur Vorstellung der Konjunkturdaten lädt, zeigt, wie brisant die Lage ist.

Ja, es hat seit Ende Mai in der Region Trier einen Aufschwung gegeben. Von dem Absturz des Geschäftsklimaindexes im Lockdown im Frühjahr um 31 Punkte haben die befragten 173 Betriebe mit rund 17 000 Beschäftigten in Industrie, Bau, Handel und Dienstleistungsgewerbe in der Region Trier inzwischen wieder zwei Drittel auf plus 20 Punkte aufgeholt. Bis zum Vorkrisenniveau von gut 110 Punkte ist es allerdings noch ein weiter Weg. „Wir sind noch weit entfernt von einem Normalbetrieb“, erklärt IHK-Chefvolkswirt Matthias Schmitt. Dennoch hat ihn die Einschätzung der aktuellen Geschäftslage „ein bisschen überrascht“. Positiv. Denn während noch im Frühjahr der Saldo zwischen Pessimisten und Optimisten unter den Unternehmern mit fünf Punkten zugunsten der Pessimisten lag, haben die Optimisten derzeit wieder die Oberhand gewonnen mit einem Saldo von plus 15 Punkten. Zum Vergleich: Im Herbst 2019 lag dieser noch bei plus 44 Punkten. „Allerdings haben die Branchen unterschiedlich schwer an der Krise zu knabbern. Vor allem im Handel sind noch nicht alle über den Berg“, sagt Schmitt (siehe unten).

Hoffnungsschimmer Industrie

Ein Vorreiter in Sachen wirtschaftliche Entwicklung ist häufig die Industrie, die am Weltmarkt agiert, Auftragseingänge und Investitionen gut abschätzen kann. „Hier hat sich die Auslastung aus Sicht der Unternehmen normalisiert“, sagt Konjunkturexperte Schmitt. So hätten viele Betriebe im Lockdown ihren Auftragsüberhang, der regional größer als im Bundesdurchschnitt war, abbauen können oder den Betrieb komplett stillgelegt. Mittlerweile liege die Auslastung der Unternehmen wieder leicht über dem Durchschnitt der vergangenen Jahre. „Wir sind in einer Phase der Stabilisierung, allerdings mit einer geringeren Dynamik als vor der Corona-Krise.“

Während der Bausektor für die Industrie einen Boomsektor darstellt, ist und bleibt der Export die Achillesferse für die regionale Industrie. „Einerseits hat sich der Außenhandel nicht so gut entwickelt, andererseits sind wir nicht so abhängig vom Export wie Rheinland-Pfalz insgesamt“, hält Schmitt fest. Erkennbar ist aber ein Trend, Zuliefererketten nicht nur auf einen Geschäftspartner auszurichten, sondern den Prozess auf mehrere Partner aufzuteilen.

Das Sorgenkind Handel

Besonders hart trifft es den Handel, wo mehr als die Hälfte aller Händler, im Einzelhandel sogar 60 Prozent, in den vergangenen zwölf Monaten Umsätze infolge der Corona-Krise verloren haben. Und noch immer bewertet ein Drittel der Händler in der Region Trier die aktuelle Lage als schlecht – so negativ wie in sonst keiner anderen Branche. Dahinter stecken logische Folgen des Lockdowns, aber auch regional typische Auffälligkeiten. So kaufen die Kunden trotz der Geschäftseröffnung nur zögerlich ein, viele Luxemburger scheuen weiterhin die regionalen Einkaufsläden, und viele Verbraucher sind in den Online-Handel (plus 20 Prozent) abgewandert. „Deshalb sind wir dafür, dem Handel mit verkaufsoffenen Sonntagen unter die Arme zu greifen“, sagt IHK-Chef Jan Glockauer. Vor allem das bevorstehende Weihnachtsgeschäft sei für die überwiegend auf Bekleidung spezialisierten regionalen Innenstädte eine wichtige Einnahmequelle. „Von diesen Geschäften und dem inhabergeführtem Einzelhandel hängt auch die Attraktivität unserer Innenstädte ab“, ergänzt Matthias Schmitt. Denn immer noch sind vier von zehn Kaufleuten für die kommenden zwölf Monate pessimistisch gestimmt.

Die Perspektiven

Bringt man die aktuelle Geschäftslage und die Erwartungen der Unternehmen für die kommenden zwölf Monate zusammen, so ist die aktuelle Lage deutlich positiver als es die Aussichten sind. „Die Erwartungen spiegeln die Skepsis und Unsicherheit wider“, sagt der Experte. Waren die größten Konjunkturrisiken jahrelang der Fachkräftemangel, so ist es nun die Furcht vor ausbleibendem Absatz im In- wie im Ausland, aber auch für drei von vier Betrieben die Unsicherheit über die weitere Pandemie-Entwicklung. Doch es gibt auch positive Signale: „Das ganz schlimme Szenario des Wirtschaftsabschwungs hat sich nicht eingestellt, wir sind jetzt deutlich optimistischer als noch vor vier Monaten“, hält Konjunkturexperte Schmitt fest. Allerdings ist der Weg zur Normalisierung lang: „Ein Drittel der Betriebe rechnet erst im kommenden Jahr mit einer Rückkehr zur normalen Geschäftstätigkeit, jeder fünfte Betrieb weiß nicht, wie es für ihn weitergeht“, sagt IHK-Chef Glockauer. Andererseits sind jedoch auch 31 Prozent der Betriebe bereits wieder auf oder sogar über dem Vorkrisenniveau.