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Risse in der Schaumkrone

Risse in der Schaumkrone

BITBURG. Der heiße und nasse Sommer hat zu einem extremen Mangel an Braugerste geführt. Eine Entwicklung, die aus Sicht vieler Landwirte absehbar und auch notwendig war. Sie erhoffen sich jetzt deutlich bessere Preise für den von ihnen erzeugten Bier-Rohstoff.

"Man kann einen Bauern eine gewisse Zeit lang in den Hintern treten, aber irgendwann ist das Maß voll", sagt Landwirt Klaus Enders aus Prüm, und wie es aussieht, haben die Landwirte der Region, wenn es um Tritte ins Gesäß geht, die annähernd gleiche Toleranzgrenze. Zumindest scheint diese Grenze mittlerweile bei allen überschritten. Ab jetzt wird zurückgetreten. Die Frage ist nur: Mit wie viel Schwung? Nachdem die Preise für Braugerste über Jahre hinweg so niedrig waren, dass viele Landwirte das qualitativ anspruchsvolle Getreide erst gar nicht mehr angebaut oder aus Protest lieber an die Schweine verfüttert haben, ist der Rohstoff für die Malzerzeugung zur Mangelware geworden. Und das nicht nur in der Eifel, sondern europaweit. Was zu einem rasanten Preisanstieg geführt hat. Während in Deutschland die so genannte "zweizeilige Sommergerste" Anfang Juli noch 135 Euro pro Tonne gekostet hätte, seien es drei Monate später 195 Euro gewesen, und am vergangenen Montag habe dieser Wert bereits bei 250 Euro pro Tonne gelegen, sagt Martin Göhler, Präsident des deutschen Mälzerbunds, der am Dienstagabend anlässlich der Bitburger Braugerstenschau in die Bierstadt gekommen ist. Frisch Gezapftes bekommt auch er angeboten, doch ein Genießer sieht anders aus. "Wir wissen nicht so ganz, wie das Ganze weitergehen soll", sagt Göhler, als er seinen kurzen Vortrag zur Marktsituation von Braugerste beendet und der Projektor ein riesiges Fragezeichen an die Wand wirft. Rechts davon sitzt Axel Simon, Geschäftsführer der Bitburger Brauerei, der als langjähriger Gastgeber der Braugerstenschau schon weitaus bessere Getreideproben gesehen hat als diesmal. Doch bleibt ihm nichts anderes übrig, als seine Ansprüche den Gegebenheiten anzupassen. Von einem "Versorgungsengpass" der Brauerei spricht er und von "technologischen Erfahrungen", die jetzt eingebracht werden, "um mit der schlechten Braugerste klarzukommen". Erst war der Sommer zu heiß, dann zu nass. Und das, was an Braugerste geerntet wurde, war weitaus weniger und schlechter als erwartet. Für Entspannung auf dem Markt könnte im kommenden Jahr selbst eine Jahrhundert-Ernte nicht sorgen, nicht zuletzt deshalb, weil sich China bereits jetzt in Europa 300 000 Tonnen Braugerste für 2007 gesichert habe, wie Mälzer-Präsident Göhler erklärt. Was für Brauer und Mälzer das halbleere Bierglas, ist für die Bauern das halbvolle, das nun vielleicht endlich auch eine Schaumkrone bekommt. "Wir haben Jahre lang Topqualität zu Niedrigpreisen geliefert", sagt Michael Horper, Vorsitzender des Kreisbauernverbands Bitburg-Prüm, "von daher ist es gar nicht so schlecht, dass es so gekommen ist". Statt wie bisher nur zwischen zehn und zwölf Euro pro Doppelzentner, "halte ich 18 bis 20 Euro schon für realistisch - wenn das Reinheitsgebot bleiben soll". Das soll es natürlich, sagt Simon, allerdings auch nur so lange, wie es wirtschaftlich vertretbar sei. Für ihn unterliegt auch das Reinheitsgebot den Gesetzten der Marktwirtschaft und ist somit "eine Frage des Preises". Und dass sich mit Zusatzstoffen statt Reinheitsgebot auch gute Ergebnisse erzielen ließen, zeigten auch Biere aus dem Ausland wie beispielsweise Belgien. "Man kann in Vornehmheit sterben", sagt der Geschäftsführer der Brauerei, aber sein Unternehmen ziehe den Selbsterhaltungstrieb vor.