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Scham vor dem Makel der Abhängigkeit

Scham vor dem Makel der Abhängigkeit

Mit dem heutigen Aktionstag "Einstellungssache - Jobs für Eltern" werben Jobcenter und Agenturen für Arbeit gemeinsam mit Arbeitgebern um das Potenzial arbeitsloser Eltern. Ein Beispiel aus dem Jobcenter Trier zeigt: Gerade Alleinerziehende tun sich oft schwer, aus der Grundsicherung in eine Beschäftigung zu kommen.

Trier. Tanja will nur raus - raus aus dem Hartz-IV-Bezug, weg von dem Makel, auf Geld vom Staat angewiesen zu sein. Sie schämt sich, der Allgemeinheit finanziell auf der Tasche zu liegen, so sehr, dass die 42-Jährige aus Trier uns ihren richtigen Namen gar nicht erst nennen will. Finanzielle Unabhängigkeit, das ist alles, was sich die alleinerziehende Mutter einer vierjährigen Tochter wünscht.
Nun gibt es Hoffnung für Tanja. "Einstellungssache - Jobs für Eltern" heißt der heutige bundesweite Aktionstag, der gerade Mütter und Väter mit Hartz-IV-Bezug in Beschäftigung bringen will. Mit dem baldigen Schulbeginn möchte man langzeitarbeitslose Eltern motivieren, sich unter besonderer Betreuung durch die Jobcenter und die Arbeitsagentur um einen Job zu bemühen. Denn trotz der guten Lage am Arbeitsmarkt und einem Fachkräftemangel tun sich Langzeitarbeitslose immer noch schwer, einen Job zu finden. Ihr Anteil an der aktuellen Arbeitslosenquote von 3,9 Prozent liegt bei gut der Hälfte (siehe Extra).
"Wirklich allein erziehend"


Allein in der Stadt Trier kommen in den kommenden Tagen 130 Kinder aus Haushalten mit Hartz-IV-Bezug in die Schule. Ihnen und ihren Eltern Perspektiven zu bieten, ist das Ziel des Projekts. "Die Herausforderung der Integration besteht darin, dass es unter Hartz-IV-Empfängern viele Alleinerziehende gibt, die eine beschränkte Arbeitszeit inklusive Ferienzeiten brauchen und denen oft ein tragfähiges soziales Netzwerk fehlt", sagt Claudia Tesdorf, Beauftragte für Chancengleichheit am Arbeitsmarkt und beim Jobcenter Trier verantwortlich für "Einstellungssache". "Und alleinerziehend heißt in vielen Fällen, wirklich allein zu sein", sagt die Beraterin.
Gemeinsam mit Elena Meerkamp vom gemeinsamen Arbeitgeberservice der Arbeitsagentur und der Jobcenter für die Stadt Trier und den Kreis Trier-Saarburg hat Tesdorf Langzeitarbeitslose angeschrieben und ebenso bei Arbeitgebern für ihre Klientel geworben. "Für den Arbeitgeber stellen wir individuell Kandidaten je nach Branche zusammen, Probearbeiten ist möglich, eine Förderung für sechs Monate von durchschnittlich 50 Prozent des Lohns ist ebenfalls möglich", sagt Meerkamp. Und für die Bewerber gilt: "Alle Hindernisse gleichen die Teilnehmer des Projekts durch ihre Motivation aus", sagt Marita Wallrich, Geschäftsführerin des Jobcenters Trier. Denn häufig seien die Kandidaten, oft mit abgeschlossener Berufsausbildung, dankbar für jede Arbeit.
Auch Tanja hatte ihr Leben anders geplant. Als sie sich als junge Mutter von ihrem Mann trennt, steht die vor wenigen Jahren aus Osteuropa eingewanderte Frau allein da - ohne Ehepartner, ohne Arbeit, ohne familiäres Umfeld. Dabei hat sie ein abgeschlossenes Studium, ist Expertin für Fragen in Büro und Organisation und hat bis zur Familiengründung Erfahrung am Arbeitsmarkt gesammelt. "Arbeit bedeutet für mich Integration", sagt sie. Und: Sie will Vorbild für ihre Tochter sein, endlich wieder eine Lebens- und Berufsperspektive haben. Dank des Jobcenters und des Projektes "Einstellungssache" hat sie eine professionelle Bewerbung entwickelt und ein Vorstellungsgespräch vereinbart. "Wir haben bereits einige der aktuell 23 Teilnehmer des Projektes zu Vorstellungsgesprächen vermittelt", sagt Claudia Tesdorf, die hofft, mindestens ein Drittel davon zu vermitteln. "Dies scheint wenig zu sein, doch jede Vermittlung ist ein Erfolg", sagt Meerkamp.
Auch Tanja weiß, dass sie noch Hindernisse aus dem Weg räumen muss, dass sie an ihren Deutschkenntnissen arbeiten muss und die Betreuung ihrer Tochter gesichert sein muss. Einen ersten Erfolg hat sie bereits durch das Projekt "Einstellungssache" errungen. Sie ist zum Probearbeiten in ein Unternehmen eingeladen. "Arbeiten: Das ist alles, was ich will!"Extra

Bei Hartz-IV-Empfängern in der Region Trier, die vom Jobcenter betreut werden und in der Regel auf Grundsicherung angewiesen sind, steigt die Arbeitslosigkeit im August um zehn auf 5680 Personen. Im Vergleich zum Vorjahr sind 142 Menschen weniger gemeldet. In der Stadt Trier gibt es 2238 Langzeitarbeitslose bei insgesamt 3055 Menschen ohne Job.sas