1. Region
  2. Wirtschaft

Schneller in die Herrenjahre

Schneller in die Herrenjahre

TRIER. Die Lage im deutschen Handwerk ist nicht rosig. Eine Reform der Handwerksordnung muss laut Bundesregierung und Branchenverband her. Doch wie die aussehen soll, darüber sind sich beide Seiten (noch) uneins.

DenMotivationsschub durch die Überreichung der Goldenen Ehrennadelder Handwerkskammer (HWK) Trier kann Dieter Philipp gutgebrauchen. Kämpft er doch verbissen gegen einen Entwurf vonWirtschaftsminister Wolfgang Clement, nach dem dieHandwerksordnung den größten Wandel seit 50 Jahren erfahren soll. Der Plan für den Einschnitt in die Standesregeln des Handwerks: Für 62 der 94 Berufe soll der Meisterbrief als Voraussetzung zur Gründung eines Betriebes abgeschafft werden. Der so genannte Große Befähigungsnachweis soll dann für all jene Berufe als Zugangshürde verschwinden, deren unsachgemäße Ausübung nicht gleich Menschenleben gefährdet. Außerdem sollen sich auch in diesen Berufen Gesellen nach zehn Jahren ohne Meisterprüfung selbstständig machen können. Neben den so genannten "gefahrengeneigten" Tätigkeiten wie Elektrotechniker oder Schornsteinfeger bleibt der Meisterbrief in den übrigen Berufen nur noch als freiwilliges Gütesiegel erhalten. Auch braucht künftig der Besitzer eines Handwerksbetriebs keinen Meistertitel mehr, wenn er einen Meister einstellt.

"Wir lehnen diesen Unsinn ab", sagte Dieter Philipp bei der Obermeistertagung in Trier. Der Entwurf sei mit heißer Nadel gestrickt. Immerhin sei die Handwerksordnung mit dem Meisterbrief so erfolgreich gewesen, dass doppelt so viele Jugendliche ausgebildet würden, wie das Handwerk benötige, und die nun anderweitig in der Wirtschaft beschäftigt seien. Nun genüge "zehn Jahre Sitzfleisch" um ausbilden zu dürfen und einen Betrieb zu gründen. "Was geben denn Gesellen weiter, die nicht bereit sind, die umfassende Arbeit mit der Meisterprüfung auf sich zu nehmen?", fragt Philipp. Clement will dem Handwerk mit der Reform aus der Strukturkrise helfen und so bis zu einer Million neue Arbeitsplätze schaffen. Kein unlauterer Wunsch, haben im Handwerk doch im vergangenen Jahr 300 000 Gesellen ihren Job verloren. Doch das Handwerk selbst sieht im Meisterzwang nicht die Hürde für die Schaffung neuer Jobs, "sondern die Voraussetzung für stabile Unternehmen", wie es Triers HWK-Präsident Hans-Josef Jänschke beschrieb.

Dabei sieht die Lage in der Branche auch mit Meisterbrief nicht rosig aus - der Umsatz schrumpfte 2002 um 4,9 Prozent. Auch ausgebildet wird im Handwerk immer weniger. 6,5 Prozent weniger Jugendliche erhielten eine Lehrstelle.

Noch in diesem Monat soll das Kabinett in Berlin den Entwurf beraten, im Herbst der Bundestag ihn verabschieden. Setzt sich Philipp mit den Forderungen des Handwerks nicht durch, könnte er bald zu einer aussterbenden Spezies gehören. Denn in seinem Beruf als Maler- undLackierermeister würde der Meisterbrief dann nicht mehr gebraucht.