So bekommen behinderte Menschen einen Zugang zur digitalen Welt

Kreative Geschäftsidee : Die Grenze ist nur die eigene Kreativität

Es hat etwas Bezauberndes: Allein mit den Augen steuert Adrian Wegener Bausteine über den Bildschirm: Am Ende ist ein kleines Haus entstanden. Was zunächst wie ein Lego-Spiel aussieht, könnte vielen behinderten Menschen den Zugang zur digitalen Welt öffnen.

Der 24-jährige Adrian Wegener studiert in Trier Intermedia Design. Nach seinem Bachelor ist er nun im Master-Studium. Sein Projekt, das er betreut und entwickelt hat, sorgt aber auch außerhalb des Campus für Furore. So ist der junge Mann aus Göttingen in Niedersachsen ein Anwärter auf die Auszeichnung „Kultur- und Kreativpiloten 2019“.

800 Bewerbungen wurden eingereicht, Adrian Wegener ist noch einen kleinen Schritt davon entfernt, zu den Ausgezeichneten zu gehören. Derzeit bewerten 100 Jurymitglieder die besten Arbeiten. Der Trierer Student ist mit einem Softwareprogramm angetreten – dem Eye Build It Creator. „Mein Eye Build It Creator ist ein einfach zu erlernendes 3-D-Kreativprogramm, bei dem virtuelle Blöcke wie Bausteine aneinandergefügt werden können“, erklärt Wegener.

Das Besondere dabei, die Software-Lösung ermöglicht es, lediglich durch die Blickführung von Menschen komplexe Grafiken und 3-D-Modelle zu erstellen. „Es ist ein Schritt zur digitalen Inklusion“, erklärt Adrian Wegener, der 2014 zum Studieren nach Trier kam. Denn Menschen mit einem Handicap, die beispielsweise keine Kontrolle über die Hände haben oder gar vom Hals ab gelähmt sind, könnten mit dem Programm kreativ arbeiten und kommunizieren. So könnte jemand allein mit den Augen architektonische Aufgaben ausführen, Modelle erstellen und per 3-D-Drucker erzeugen. Das könnte ein Hausmodell sein oder auch ein Hochzeitspaar aus Marzipan oder Zucker, das eine Torte ziert.

„Ich habe sogar schon mit einer Konditorin aus Mainz gesprochen, die sofort jemanden dafür einstellen würde“, ist der Student begeistert. Denn genau darum geht es ihm: Inklusion im Berufsleben.

Wegener: „Die Wirtschaft ist für mich eine wichtige Zielgruppe. Es gibt viele Firmen, die Strafen zahlen, weil sie keine Menschen mit Behinderung einstellen. In vielen Fällen ist der Grund, sie haben keine Arbeit für sie.“ Seine Software könnte den Behinderten ebenso helfen wie den Unternehmen.

Die Idee des Trierer Studenten ist dabei nicht neu. „Solche Programme gibt es schon lange. Doch sie werden von den Betroffen nicht angenommen, sie sind nicht praxistauglich.“ Das ist bei seinem Programm anders. Gemeinsam mit dem Club Aktiv in Trier hat Adrian Wegener seine Plattform getestet, und sie kommt bestens an. „Ich habe mir die Frage gestellt, wie kommt der Nutzer damit klar? Wie kommt der Betreuer damit klar? Und beides hat funktioniert.“

Der Nutzer kann allein mit den Augen gesteuert Elemente auf der Plattform verrücken und kombinieren. In der jetzigen Optik hat das etwas von Lego-Steinen. Doch der Entwickler beruhigt: „Das ist nur eine Frage der Auflösung. Im Prinzip lässt sich alles darstellen.“

Die Augen-Impulse werden von einer schwedischen Hardware aufgenommen und an den Computer übermittelt. „Das ist alles kein Hexenwerk, sondern alles ist vorhanden“, erklärt Wegener. Zurzeit hat er eine Reihe von Förderanträgen laufen. Denn der junge Mann möchte aus seiner Idee heraus ein Unternehmen gründen. „Wenn alles glattläuft, könnte das 2020 sein“, hofft Adrian Wegener. Dabei geht es nicht darum, nur eine Software zu verkaufen. „Das Hauptaugenmerk ist die gemeinsame Plattform, der Support, um die Nutzer zu unterstützen, und auch, damit sich darüber die Menschen vernetzten können und voneinander lernen und profitieren können.“

Dieser Netzwerkansatz blieb nicht unbeobachtet. Schon in diesem Jahr wurde der junge Mann mit dem Europaen-Youth-Award in der Kategorie Connecting Cultures ausgezeichnet. Besonders gelobt wurde die Idee, Menschen mit Behinderung eine Möglichkeit zu geben, sich weltweit zu vernetzen.

Behinderten die digitale Welt zu öffnen, für Hobbies, den Alltag und den Beruf, das ist das große Ziel von Wegener, der glaubt: „Die Grenze ist nur die eigene Kreativität.“

Foto: TV/Adrian Wegener
Adrian Wegener stellt sein Programm vor, das es Menschen mit Behinderung erlauben soll, nur durch die Steuerung mit den Augen, kreative Prozesse am Computer durchzuführen (links). Der Screenshot zeigt die Oberfläche des Programms. Foto: TV/Heribert Waschbüsch

Die Preisverleihung zum „Kultur- und Kreativpiloten 2019“ ist am 12. November in Berlin. Unter den 800 Bewerbungen werden 32. Sieger ausgezeichnet.

Mehr von Volksfreund