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Spezialist mit Treue zum Standort

Spezialist mit Treue zum Standort

Vor 40 Jahren entstand in Weins-heim bei Prüm das Stihl-Magnesium-Druckguss-Werk. Inzwischen ist es zum größten seiner Art in Europa geworden. Ein Arbeitgeber, der aus dem Norden der Region nicht mehr wegzudenken ist.

Weinsheim. 462 Holzblöcke, jeder mit einem Namen versehen, zieren den Unternehmenseingang. Jeder Name steht für einen Azubi, der in den vergangenen 40 Jahren beim Stihl-Magnesium-Druckguss-Werk in Weinsheim seine Ausbildung gemacht hat. Diese 462 Namen stehen auch für Berufs-Karrieren, die ohne den Aufbau des Industriebetriebs auf der grünen Wiese vor vier Jahrzehnten wohl kaum möglich gewesen wären. Denn als die Firmengründer 1971 in die Eifel kamen, sollten mögliche Berufspendler nach Köln und Frankfurt in der Region gehalten werden, um die Landflucht zu begrenzen.
Dass der damalige Werksleiter Hermann Mezger selbst von Dorf zu Dorf fahren musste, um junge Leute für den in der Eifel fast unbekannten Beruf des Werkzeugmachers zu begeistern, war auch den Firmen-Oberen im schwäbischen Stammhaus in Waiblingen nicht ganz geheuer. Doch mit dem Vertrauensvorschuss, den der Familienkonzern seinen Standorten traditionell gewährt, begann die Erfolgsgeschichte in Weinsheim.
Fachkräfte-Sicherung, das ist auch heute noch die zentrale Herausforderung. Denn das Eifeler Werk gilt unter den "Stihlern" nicht nur als Innovationszentrale für leichte Metallteile in Motorsägen und Heckenscheren im eigenen Konzern (siehe Interview). Immerhin 80 Prozent aller Maschinen sind dort selbst von den eigenen Leuten entwickelt worden. Die Eifeler machen als größtes Magnesium-Druckgusswerk in Europa inzwischen auch rund 25 Prozent ihres 110 Millionen-Euro-Umsatzes mit Fremdaufträgen aus dem Maschinenbau: Aus Weinsheim stammte etwa Entwicklung und Produktion der Cockpit-Querträger für die erste Generation des Klein-Autos Smart, mit Magnesiumteilen aus Weinsheim sind Bohrmaschinen der Firma Hilti leichter zu handhaben, das Eifeler Unternehmen fertigte Laptop-Hüllen für Siemens, entwickelte Schalen für den Elektronik-Hersteller Bang & Olufsen und fungiert derzeit als Zulieferer von Verkleidungsteilen der neuen BMW 4- und 6-Zylinder-Motorräder.
Insgesamt 650 verschiedene Artikel werden in Weinsheim, der zweitgrößten Stihl-Produktion in Deutschland, derzeit hergestellt - in 17 Schichten, von montags bis samstags. "Wir müssen heute schon drei bis fünf Jahre vorausdenken. Und Fremdaufträge bereichern uns", sagt Gerhard Eder. Mit seiner 17-jährigen Betriebszugehörigkeit als Geschäftsleiter - Eder ist nach Mezger erst der zweite Firmenchef - steht er ganz in der Tradition der Nachhaltigkeit. Während Beschäftigte deutschlandweit rund zehn Jahre in einem Betrieb arbeiten, sind es bei Stihl 16 Jahre. Zur Philosophie bei Stihl gehört folglich, langfristig zu denken - bei Personal und Produktion. So wurde in Weinsheim in der Finanzkrise zwar neun Monate kurzgearbeitet, jedoch haben die Konstrukteure pro Tag in drei Schichten gearbeitet. Eder: "Wir konnten so das Stammpersonal halten und gestärkt Neues produzieren."
Von den Zahlen her wirkt die Produktion schon gigantisch: In der Eifel werden im Jahr 6500 Tonnen Magnesium verarbeitet, und das mit 18 Millionen Kilowattstunden Strom - der Verbrauch von 30 Millionen Menschen. Nicht von ungefähr: Allein 2010 wurden 24 Millionen Druckgussteile produziert und pünktlich nach Dänemark, China, USA (Exportanteil: 15 Prozent) oder Waiblingen geliefert.
Auch wenn die Infrastruktur für den Materialtransport rund um Weinsheim laut Eder "eine Belastung für uns alle" bedeute, sei man mit der Situation in der Eifel generell "ausgesprochen zufrieden. Wir haben als Gießerei angefangen und entwickeln heute zusätzlich Gussprodukte, die wir bearbeiten". Neue Arbeitsinhalte als Modullieferant stehen deshalb für die Zukunft auf der Agenda, rund 600 Arbeitsplätze sind gesetzt. "Für die Menschen in der Region bedeutet das Sicherheit", sagt Eder. Eine Sicherheit, die jährlich rund 40 Millionen Euro an Lohn und Gehalt ausmacht. Ein Faktor, an den vor 40 Jahren sicher niemand so recht gedacht hatte. Jubiläumsjahr für Stihl: Während der Standort Weinsheim bei Prüm 40 Jahre alt wird, feiert der Gründungsbetrieb im schwäbischen Waiblingen 85-jähriges Bestehen. 1926 gründete Andreas Stihl einen Einmannbetrieb, heute arbeiten an zehn Standorten in Deutschland, Schweiz, Österreich, USA, Brasilien und China rund 11 300 Mitarbeiter. 2010 erzielte der Weltmarktführer für Motorsägen einen Rekordumsatz von rund 2,36 Milliarden Euro (plus zehn Prozent). Besonderes Kennzeichen: Familienkonzern mit gesteigerter Eigenkapitalquote von knapp 67 Prozent. Neben den Profimotorgeräten für Forst- und Landschaftsbau gehört Stihl die Gartengerätemarke Viking. Seine Jubiläen feiert Stihl ausschließlich mit den Mitarbeitern. sas